Kusel „Herzlich willkommen im Vaterland“

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Der 3. Januar 1954 war ein besonderer Tag für Rutsweiler an der Lauter und für Roßbach. Denn an diesem Tag kehrten zwei Männer nach neun Jahren russischer Kriegsgefangenschaft zurück und wurden von ihren Mitbürgern feierlich begrüßt. Zeitzeugen und alte Fotos erinnern an das Ereignis.

Anfang Januar 1954 berichteten die Tageszeitungen von einem größeren Transport, mit dem zum Jahreswechsel mehr als 1600 Kriegsgefangene im Durchgangslager Friedland angekommen waren. Denn seit September 1953 hatte die Sowjetunion über 10.000 deutsche Gefangene freigelassen, die nur wegen ihrer „Kollektivschuld“ als deutsche Soldaten verurteilt worden waren. Am 2. Januar besuchte Bundeskanzler Konrad Adenauer das Lager und begrüßte die Gefangenen mit den Worten „Herzlich willkommen im deutschen Vaterland“. Am nächsten Tag fuhren die Heimkehrer aus der Pfalz und dem Saarland mit einem Sonderzug in ihre Heimat. Unter ihnen waren Erich Kohl aus Rutsweiler und Erich Koch aus Roßbach. Auch nach mehr als 60 Jahren erinnern sich einige Zeitzeugen noch lebhaft an diesen Tag. Zu den ersten Roßbachern, die von Kochs Heimkehr erfahren hatten, gehörte Kriemhilde Fries. Ihr Vater Rudolf war Bürgermeister. Er erhielt am 1. Januar einen Anruf, dass Erich Koch in Friedland angekommen war. Kriemhilde wurde zu seiner Familie geschickt, um ihr die frohe Nachricht zu bringen. Am 3. Januar begleitete sie ihren Vater, der mit dem Auto Erich Koch in Kaiserslautern abholte, und überreichte einen Blumenstrauß. An die Ankunft des Zuges können sich auch Irmgard Dilly (geborene Reis) und Helga Sterling (geborene Herbert) lebhaft erinnern. Der evangelische Pfarrer Wilhelm Schwarz hatte angeregt, dass die zwei jüngsten Mitglieder des Rutsweiler Kirchenchores als „Ehrenmädchen“ mit dem Bürgermeister Rudi Schmidt nach Kaiserslautern fahren und Erich Kohl Blumen überreichen sollten. Irmgard Dilly weiß noch, dass es an diesem Tag sehr kalt war. Außerdem hatte der Zug Verspätung. Denn auf vielen Bahnhöfen standen Leute mit Schildern, auf denen Namen oder Bilder von Angehörigen zu sehen waren, die noch in russischer Gefangenschaft waren. Auf diese Weise hofften sie, Auskunft über deren Schicksal zu bekommen. Dilly erzählt: „Als es auf dem Bahnsteig zu kalt wurde, gingen wir in den Wartesaal, der aber auch nicht geheizt war. Schließlich konnten wir uns in einer Gaststätte mit einer Tasse Tee aufwärmen.“ Als der Zug endlich ankam, wurden die Heimkehrer freudig begrüßt. Dann ging es zuerst nach Rutsweiler, wo sie bereits sehnsüchtig erwartet wurden. Im Tanzsaal des Gasthauses Würth gab es eine Feier. Der Kirchenchor sang „Gott grüße dich“ und „In der Heimat ist es schön“. Dann hielten Bürgermeister Schmidt und Pfarrer Schwarz eine Begrüßungsrede. Das Kuseler Tagblatt schrieb: „Sie (die Heimkehrer) wurden in Gegenwart von Landrat Simon reichlich mit Liebesgaben beschenkt.“ „Es gab Kaffee und Kuchen, den die Rutsweiler Frauen gebacken hatten“, erzählt Dilly. „Aber im Saal war es kalt, an dem kleinen Ofen durften nur die beiden Heimkehrer sitzen.“ Ursula Grill, die Tochter von Erich Kohl, lebt heute in Lauterecken. Sie war an diesem Tag bei Verwandten zu Besuch und hatte die Ankunft nicht persönlich erlebt. Aber sie besitzt mehrere Fotos, die am 3. Januar entstanden sind. Auf den meisten Bildern sieht man ihren Vater vor dem Gasthaus in Rutsweiler, umgeben von Menschen. Zwei weitere Fotos entstanden am Abend vor der Selbachmühle, wo die Familie Kohl damals wohnte. Hier gab es noch einmal Musik, wie auf einer der Aufnahmen vermerkt ist: „Zum Andenken an die Begrüßung durch den Gesangverein Wolfstein am Tag Ihrer Heimkehr aus Gefangenschaft.“ Erich Koch blieb wohl nicht sehr lange bei der Feier in Rutsweiler, weil man in Roßbach auf ihn wartete. Für die Ankunft in seinem Heimatdorf gibt es auch Zeitzeugen, Elke Grofmeier (geborene Hahnenberger) und Wolfgang Dilly, der jetzt in Altrip wohnt. Sein Vater war Gemeindediener und hatte vorgeschlagen, am Bahnübergang bei der Wirtschaft Stephan ein Tor zu errichten. Also hatte man Stangen aufgestellt, an denen das Schild „Willkommen“ befestigt und mit Girlanden geschmückt war. Von der Ankunft gibt es auch Fotos. Auf einem ist Erich Koch mit einem Blumenstrauß in der Hand neben seinem Bruder Oskar zu sehen. Die vielen Roßbacher, die ihn erwartet hatten, gaben ihm bis zum Haus der Familie das Geleit. Hier empfing ihn der Schulchor mit einem Ständchen. Besonders eindrucksvoll für Wolfgang Dilly war das nächste Wochenende, an dem er mit seinen Eltern bei Kochs zum Kaffee eingeladen war. Erich erzählte sehr wenig von der Gefangenschaft, aber an diesem Nachmittag holte er eine Mappe und zeigte sie seinen Gästen. Sie enthielt eine Reihe von Skizzen und Zeichnungen, in denen er das Lagerleben festgehalten und seine Leidensgenossen porträtiert hatte. Am 12. Januar fuhren Koch und Kohl zusammen nach Kusel, worüber ein Schriftstück aus dem Kreisarchiv Auskunft gibt. Sie beantragten auf dem Landratsamt eine Übergangsbeihilfe, die ihnen in Höhe von je 300 Mark gewährt wurde. Ihre weiteren Lebenswege verliefen ganz unterschiedlich. Kohl, der bei der Entlassung 50 Jahre alt war, fand nicht mehr ins Berufsleben zurück. Koch war, nachdem er sich erholt hatte, für einige Monate der Schwarm vieler Roßbacher Mädchen. Aber dann ging er nach München, um sich seinen Traum zu verwirklichen: Er machte die Aufnahmeprüfung an der Akademie der bildenden Künste, wo er studierte und später als Professor unterrichtete.

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