Landstuhl RHEINPFALZ Plus Artikel Tante Enso: Ein besonderer, genossenschaftlicher Tante-Emma-Laden für die Atzel?

In diesem Gebäude in der Breslauer Straße residierte bis 2015 der Wasgau-Frischemarkt. Als er schloss, blieben alle Versuche, ei
In diesem Gebäude in der Breslauer Straße residierte bis 2015 der Wasgau-Frischemarkt. Als er schloss, blieben alle Versuche, einen Nachfolger zu finden, erfolglos.

Viele Bürger der Atzel wünschen sich wieder eine Einkaufsmöglichkeit vor Ort. Nun besteht die Chance, dass die Kette Tante Enso die Räume des früheren Wasgau-Markts bezieht. Aber dafür müssen 600 Einwohner selbst Geld in die Hand nehmen.

Im Mai 2015 hat der Wasgau-Markt in der Breslauer Straße, der auf 700 Quadratmetern Fläche ein Vollsortiment anbot, seine Türen für immer geschlossen. Zu niedrig waren die Umsätze im Landstuhler Stadtteil Atzel. Dort gibt es seither für die 3150 Einwohner zwar noch einen Bäcker, eine Apotheke und eine Sparkassenfiliale, aber keinen Supermarkt mehr, denn alle Versuche, etwa einen Cap-Markt als Ersatz für den Wasgau anzusiedeln, scheiterten. Nicht einmal ein Verkaufswagen konnte für den Stadtteil, der hoch oben auf dem Berg über der Landstuhler Innenstadt liegt, organisiert werden. Alle Betreiber von mobilen Einkaufsmöglichkeiten winkten ab, sobald sie erfuhren, dass es noch einen Bäcker auf der Atzel gibt, denn sie machen ihr Hauptgeschäft nach eigenen Angaben mit Backwaren. Der frühere Stadtbürgermeister Ralf Hersina (SPD) gab daraufhin bereits vor Jahren das Vorhaben auf, denn er sah keine Chance mehr, einen Grundversorger für die Atzel finden.

Nun ist mit Mattia De Fazio ein neuer Stadtbürgermeister im Amt. Der CDU-Politiker, der mit seiner Familie selbst auf der Atzel wohnt, hörte im Wahlkampf ständig den Wunsch nach einer Einkaufsmöglichkeit im Stadtteil. „Damals bin ich viel mit dem Sickingenbus gefahren, um mit den Bürgern zu reden. Dabei wurde ich oft darauf angesprochen. Außerdem habe ich ganz oft gesehen, wie alte Leute von der Atzel sich nach dem Einkauf in der Innenstadt mit schweren Taschen zum Bus und später zu ihren Wohnungen schleppten.“ Da ihm gerade diese Senioren ohne Auto leidgetan hätten, habe er beschlossen, einen neuen Versuch zu wagen, und habe sich auf die Suche nach einer Alternative zu herkömmlichen Ketten gemacht.

Das Konzept

Fündig wurde De Fazio bei Tante Enso, einer „Kombination aus nahbarem Tante-Emma-Laden und hochmodernem Supermarkt, der 24/7 geöffnet ist“. So beschreibt das Unternehmen mit Sitz in Bremen sein Geschäftsmodell, das in Kommunen punkten soll, die aufgrund zu geringer Einwohnerzahlen für die großen Ketten unrentabel sind. „Wir sind ein Vollversorger in ländlichen Regionen und halten die Betriebskosten durch die geringe Fläche und limitierte Öffnungszeiten mit Personal niedrig.“ Etwa 20 Stunden die Woche sei der Supermarkt, der ein Sortiment von durchschnittlich 3500 Artikeln – darunter auch Frischware – biete, geöffnet.

Zugleich ermögliche die kostenlose Tante-Enso-Karte, die an die Bankverbindung des Kunden gekoppelt ist, aber auch, rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche im Laden einzukaufen und an einer Selbstcheckout-Kasse zu zahlen. Darüber hinaus könne Ware digital aus dem 15.000 Artikel umfassenden Sortiment bestellt und im Laden abgeholt oder (gegen Gebühr) nach Hause geliefert werden. Die Kunden könnten bei vielem mitentscheiden: beim Sortiment ebenso wie bei den Öffnungszeiten. „Das Dorf bestimmt selbst, welche Produkte aus der Region im Sortiment vorhanden sind und zu welchen Zeiten die Filialmitarbeiter vor Ort präsent sind“, heißt es von Unternehmensseite.

Was bisher geschah

„Innovation gepaart mit Altbekanntem: Die Idee hat mir gefallen“, sagt der neue Stadtbürgermeister. Der 33-jährige Familienvater machte sich bei Tante-Enso-Projekten in der Region weiter kundig: Eröffnet hat bereits ein Laden in Eppenbrunn, weitere sind in Heltersberg und Elmstein geplant, berichtet De Fazio. Im August habe er für die Atzel eine Bewerbung an das Unternehmen geschickt und dabei alle Pfunde, mit denen der Landstuhler Stadtteil wuchern könne, in die Waagschale geworfen: die vielen älteren, teils nicht mobilen Bewohner, die jungen Familien mit Sinn für Nachhaltigkeit, das leerstehende Marktgebäude im Herzen des Stadtteils, die vier Kindergärten, die Grundschule, das nahe Krankenhaus – kurz: „die strategisch sehr gute Lage für einen Einkaufsmarkt“.

De Fazios Bewerbung fand Anklang bei Tante Enso: „Inzwischen waren Vertreter vor Ort, haben das Gebäude des Frischemarkts besichtigt und mit dem Eigentümer gesprochen.“ Noch sei nicht alles bis ins letzte Detail geklärt, „aber es sieht vielversprechend aus“.

Wie es weiter geht

Doch es gibt eine alles entscheidende Hürde, die vor einer Ansiedlung des Supermarkts noch genommen werden muss: Die Tante Enso-Läden basieren auf einer Genossenschaft, der myEnso Teilhaber eG. „Und um sicherzustellen, dass vor Ort genügend Kunden Interesse an einem Einkauf haben, muss je nach Einwohnerzahl eine bestimmte Anzahl der Bürger Anteile erwerben“, erläutert De Fazio. Für die Atzel mit ihren 3150 Einwohnern bedeutet dies: 600 Atzeler über 18 Jahre müssen Teilhaber werden – für je 100 Euro. „Nur wenn diese Anzahl an Teilhabern erreicht wird, kommt es zu einer Ansiedlung“, erklärt De Fazio.

Die künd- und vererbbaren Genossenschaftsanteile bieten nach Unternehmensangaben mehrere Vorteile: zwei bis vier Prozent Gutschrift, abhängig von der Anzahl der erworbenen Anteile, sowie jährlich fünf Euro Einkaufsguthaben pro Anteil. „Damit liegt der Laden mit seinen Produkten unter den Preisen von Rewe“, hat Mattia De Fazio errechnet. Und: Auch Nicht-Anteilseigner können später dort einkaufen.

Im neuen Jahr werde es eine Einwohnerversammlung auf der Atzel geben, kündigt er an: Danach habe der Stadtteil vier Wochen Zeit, um 600 Anteile zu kaufen. De Fazio hofft nun, dass sich genügend Bewohner der Atzel finden, die dazu bereit sind. Der Stadtbürgermeister betont: „In puncto Einkaufsmarkt ist dies eine große Chance und zugleich der letzte Strohhalm für die Atzel. Der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt. Die Atzeler müssen ihn nur noch ins Tor schießen. “

Der im August eröffnete Tante-Enso-Laden in Eppenbrunn im Landkreis Südwestpfalz: So ein Markt könnte sich auch auf der Landstuh
Der im August eröffnete Tante-Enso-Laden in Eppenbrunn im Landkreis Südwestpfalz: So ein Markt könnte sich auch auf der Landstuhler Atzel ansiedeln, wenn genügend Einwohner mitziehen.
Der neue Stadtbürgermeister von Landstuhl, Mattia De Fazio, wohnt mit seiner Familie selbst auf der Atzel: „Tante Enso ist in pu
Der neue Stadtbürgermeister von Landstuhl, Mattia De Fazio, wohnt mit seiner Familie selbst auf der Atzel: »Tante Enso ist in puncto Einkaufsmarkt der letzte Strohhalm für den Stadtteil«, sagt er.
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