Niederkirchen
Niederkirchen: Wie Ehrenamtliche gegen den drohenden Niedergang angehen
Noch vor seinem Amtsantritt als Ortsbürgermeister von Niederkirchen kam die schlechte Nachricht: „Die Arztpraxis ist zu. Dann kann ich meine Apotheke auch bald schließen, was soll ich machen?“ Das war im Jahr 2019. Wolfgang Pfleger (parteilos) erinnert sich noch gut an dieses Gespräch mit der Apothekerin und das flaue Gefühl in seinem Magen. Denn wenn der Doktor in Rente geht und sich kein Nachfolger findet, fehlt für die Bürger der Anker im Ort. „Wenn die Leute auswärts zur Arztpraxis fahren müssen, dann wird auch gleich dort in der Apotheke das Rezept eingelöst und da in den Geschäften eingekauft“, erklärt der Ortschef, wie die Abwärtsspirale in Gang kommt.
Doch dieses Schicksal ist der 1933-Einwohner-Gemeinde, zu der die Ortsteile Heimkirchen, Morbach und Wörsbach gehören, erspart geblieben. Die Arztpraxis wurde vom Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Pfälzer Land übernommen. Die ärztliche Versorgung ist somit weiter gewährleistet, der Niedergang des Ortes aufgehalten worden. „Als mir klar war, dass ich für das Amt des Ortsbürgermeisters kandidieren will, habe ich Kontakt mit einigen Ärzten aufgenommen und so kam eins zum anderen“, schildert Pfleger, wie die Übernahme damals zustande kam.
Nachdem die letzte Zahnarztpraxis vor mehr als 30 Jahren geschlossen hat, hätte die Gemeinde auch gern wieder einen Dentisten im Ort. Eine Zahnärztin habe auch schon Interesse gezeigt. Doch die Gemeinde könne ihr leider keine Praxisräume zur Verfügung stellen. Gespräche mit Investoren, die dies tun könnten, habe es bereits gegeben, bisher aber ohne Ergebnis, schildert der Bürgermeister das Dilemma. Jetzt überlege die Gemeinde, eine Bürgergenossenschaft zu gründen, die künftig bei solchen Projekten unterstützen könne.
Viele Gaststätten und Geschäfte gibt es nicht mehr
„Vor 40 Jahren hat es noch zwei Schuhgeschäfte, fünf Gaststätten, zwei Bäckereien und zwei Metzgereien gegeben“, zählt der Ortschef beim RHEINPFALZ-Termin auf. „Nach und nach ist jetzt alles weg“. Einen Döner-Imbiss gibt es in der Ortsmitte aber immerhin. Mit dem Wasgau-Markt in Niederkirchen habe das Dorf aber eine gute Einkaufsmöglichkeit. Auch einen Kindergarten, eine Grundschule und eine Freiwillige Feuerwehr gibt es vor Ort. Deren Gebäude stehen alle in der alten Ortsmitte. Direkt daneben die protestantische Kirche und das Gemeindehaus.
Da es in Niederkirchen kaum Gewerbe gibt, pendeln die meisten Menschen zum Arbeiten. „Früher sind viele zu Opel nach Kaiserslautern oder zu Keiper nach Rockenhausen gefahren“, erzählt Pfleger. Wer im Homeoffice arbeiten wolle, habe hier schnelles Internet. Der Holbornerhof, Wörsbach und Morbach sind komplett mit Glasfaser versorgt. In Niederkirchen gibt es eine 250-MB-Kupferleitung, informiert der Ortschef. Während der Corona-Zeit habe es sogar einen Aufschwung gegeben: „Sogar aus Mainz sind Leute gekommen und haben sich hier ein Haus gekauft“, blickt Pfleger auf die Pandemie zurück.
„Leerstand ist ein großes Problem“
Doch diese Zeiten der Stadtflucht sind vorbei. 60 Häuser stehen in Niederkirchen und den Ortsteilen leer. „Damit sind wir Spitzenreiter im ganzen Kreis“, kommt der Bürgermeister auf eines der Hauptprobleme zu sprechen. Das Dilemma: Viele Hausbesitzer wollten das von Oma geerbte Häuschen nicht verkaufen oder hätten „utopische Preisvorstellungen“. Durch den langen Leerstand werde der Zustand der Gebäude zudem immer schlechter. „Wir haben hier teilweise richtige Schrottimmobilien stehen und die auswärtigen Besitzer kümmern sich nicht“, zeigt sich Pfleger verärgert.
Froh ist der Bürgermeister daher darüber, dass bei der Verwaltung der Verbandsgemeinde Otterbach-Otterberg, zu der Niederkirchen und die Ortsteile gehören, eigens eine Dorfumbaumanagerin eingestellt wurde, die sich um dieses Thema kümmern soll. Diese habe zuletzt jeden Hausbesitzer angeschrieben, um über Förderprogramme zur Sanierung der Häuser zu informieren und Hilfestellung zu leisten.
Kreis und Land in der Kritik
Mit schuld am Zustand der Gebäude seien nicht zuletzt die schlechten Straßen in der Gemeinde und den Ortsteilen, vor allem wenn schwere Lkw darüber rumpelten, kritisiert Pfleger. „Allein über einen Kilometer Landesstraße und etwa fünf Kilometer Kreisstraße müssen dringend saniert werden, aber es passiert seit Jahren nichts“, schimpft der Ortschef.
Auf diese Bedingungen habe die Gemeinde keinen Einfluss. Daher sei er auch sehr stolz darauf, dass es die Gemeinde in diesem Jahr trotz aller Probleme in das Finale des Landeswettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“ geschafft hat. Dieser fördert das Engagement von Dörfern und Gemeinden, die sich durch besondere Initiativen und Projekte auszeichnen. Gut 30 Vereine präsentierten die aktuellen Projekte der Gemeinde beim Besuch der Kommission im Mai in der Westpfalzhalle. Vom Musikkreis für Grund- und Vorschulkinder über ein Repaircafé bis hin zu dem „Wandernden Dorfcafé“, das inzwischen zu einem Treffpunkt verschiedener Generationen geworden sei. Am 2. Oktober kommt die Kommission erneut, dann geht es in die nächste Runde des Wettbewerbs.
Als „Aushängeschild“ der Gemeinde bezeichnet der Ortschef die Westpfalzhalle, am Ortsrand gelegen. 3,5 Millionen Euro hat die Renovierung gekostet. 2024 war die Sanierung nach 16 Jahren beendet. „Hier trainieren die Vereine, hier wird Kerwe gefeiert, die Gaststätte mit ihrer schönen Terrasse ist ein fester Treffpunkt“, so Pfleger. „Für die maroden Straßen können wir nichts, aber die Sachen, die wir selbst beeinflussen können, die packen wir an“, so der Bürgermeister. Für ihn ist der große Zusammenhalt und das ehrenamtliche Engagement der Schlüssel dafür, dass die Lebensqualität trotz aller Widrigkeiten im Ort so hoch sei.
Gemeinde setzt auf Tourismus
Wogende Felder, eine sanfte Hügellandschaft, abwechslungsreiche Natur: Wer zu der am nördlichsten gelegenen Ortsgemeinde im Landkreis Kaiserslautern fährt, hat das Gefühl, in eine andere Zeit einzutauchen. So ist der Tourismus auch ein Pfund, mit dem die Gemeinde wuchert. Insgesamt vier gut ausgebaute Wanderwege gibt es, die von Ehrenamtlichen gepflegt werden. Am bekanntesten dürfte der Naturlehrpfad Heimkirchen sein, der auch an der Sonnenuhr auf dem Reiserberg vorbeiführt.
In Kooperation mit der Verbandsgemeinde sollen vier Wohnmobilstellplätze am Landschaftsweiher entstehen. Mehrere Ferienwohnungen in den einzelnen Ortsteilen gibt es nach Auskunft des Bürgermeisters schon. Niederkirchen gehört unter anderem der Alte-Welt-Initiative an. Diese hat die Überschneidungsregion der vier Landkreise mit den Verbandsgemeinden Lauterecken-Wolfstein, Nordpfälzer Land, Otterbach-Otterberg und Nahe-Glan in den Blick genommen und verschiedene Projekte angestoßen, um Besucher anzulocken.