Mehlingen RHEINPFALZ Plus Artikel Nach 33 Jahren hört die Gemeindekrankenschwester auf

Oft mit dem Fahrrad unterwegs: Renate Mathieu hat in ihren 33-Jahren als Gemeindekrankenschwester häufig in die Pedale getreten
Oft mit dem Fahrrad unterwegs: Renate Mathieu hat in ihren 33-Jahren als Gemeindekrankenschwester häufig in die Pedale getreten und viel erlebt.

„Zuerst notiere ich den Kilometerstand meines Wagens, dann werfe ich einen Blick in meine Schwesterntasche – Blutdruckgerät, Verbandsmaterial, Spritzen – alles da – ich fahre los.“ So begann in den 1980er Jahren der Arbeitstag einer Gemeindekrankenschwester. 33 Jahre lang war Renate Mathieu (63) eine von ihnen.

„Ich würde es auf jeden Fall wieder machen!“, sagt die gebürtige Otterbergerin. Zu einem der schönsten Höhepunkte in ihrer langen Zeit der Berufstätigkeit rechnet sie die Pflege von Italia und Fritz Walter. Bis zu deren Tod, Italia starb im Dezember 2001, Fritz Walter im Juni 2002, war sie beinahe täglich in der Leininger Straße in Alsenborn tätig. „Isch bin de Fritz“, hatte ihr die Fußball-Legende gleich von Anfang an das Du angeboten. Renate Mathieu hatte „nicht viel Ahnung von Fußball“. Erst nach und nach wurde ihr klar, wen sie mit Fritz Walter vor sich hatte. „Hätt isch gedenkt, dass isch emol so beriehmte Fieß in de Hand han“, habe sie damals scherzhaft zum Fußball-Weltmeister von 1954 gesagt. „Er hat daraufhin ganz herzhaft gelacht“, erinnert sie sich.

Beginn mit Häubchen

Ihre berufliche Laufbahn begann die heute 63-Jährige als Rot-Kreuz-Schwester mit Häubchen. In den 1970er Jahren arbeitete sie als gelernte Krankenschwester zunächst drei Jahre lang in der Chirurgie und auf der Wachstation im Städtischen Krankenhaus Kaiserslautern, wie sich das Westpfalz Klinikum damals nannte. Nach ihrer Heirat mit Heini Mathieu ging das Paar nach Fontainebleau, südlich von Paris. Die Bundeswehr hatte den Zeitsoldaten für drei Jahre nach Frankreich verpflichtet. Seit 1984 lebt das Paar mit den beiden Kindern René und Florence in Mehlingen.

„Wollen Sie nicht drei Tage zur Probe arbeiten kommen?“, fragte die frühere Geschäftsführerin der Ökumenischen Sozialstation Otterbach (heute Otterberg), Heidi Runge, am Telefon. Schnell fand Renate Mathieu Gefallen an der Tätigkeit. Angelernt wurde sie von Schwesternhelferin Karola, die „mit den Patienten sehr vertraut war“. Bei ihren Besuchen morgens schlug diese zunächst die RHEINPFALZ auf und las die Todesanzeigen. „Do missen mer heit nimmi hie“, lautete die Botschaft. „Ich war am Anfang schon geschockt“, gesteht Renate Mathieu. Doch die Patienten hätten sich nicht daran gestört.

Rund 25 Patienten täglich besucht

Nach kurzer Einarbeitungszeit unterzeichnete sie Mitte Dezember 1988 den Arbeitsvertrag. 33 erfüllte Arbeitsjahre sollten folgen. „Mir hat es gefallen, den Patienten helfen zu können und die Dankbarkeit zu spüren, die immer wieder zurückkam. Gutes zu tun, war mein Ansporn.“ Ihr Tätigkeitsfeld erstreckte sich über Mehlingen und die umliegenden Orte der heutigen Verbandsgemeinde Enkenbach-Alsenborn sowie Wartenberg-Rohrbach in der VG Winnweiler. Als stellvertretende Pflegedienstleitung verbrachte sie einmal zwei Jahre im Büro. „Das war nichts für mich. Ich musste zurück in die Pflege.“ So war sie lange Jahre für das Blutdruckmessen in der Mehlinger Mittelstraße zuständig. „Ich lief im Zick-zack die Straße hoch“, erinnert sie sich. „Geh mo mit in de Gaade“, luden die Patienten sie aus Dankbarkeit ein. Mit kleinen Geschenken, wie Salatköpfe oder Radieschen, wollten sich die Leute erkenntlich zeigen. „De Parre hat’s jo a genumm“, ermutigten sie die Schenkenden. Denn „Geld annehmen war verboten“. In Sembach habe sie eine Familie sogar über drei Generationen hinweg gepflegt. Zu ihrer Tätigkeit gehörte die Grundversorgung wie Insulin spritzen, Katheter wechseln und die Behandlungspflege, besonders bei offenen Wunden. Rund 25 Patienten besuchte sie täglich, manche sogar zwei- oder dreimal am Tag.

Telefonnummer im Amtsblatt

Renate Mathieu durchlief in Heidelberg eine Weiterbildung zur Fachkrankenschwester für Gerontopsychiatrie. „Diese Qualifizierung war für mich sehr wichtig, da ich viel lernte, was mir den Umgang mit Demenzkranken erleichterte.“ Früher habe ihre private Telefonnummer – wenn sie Wochenenddienst hatte – sogar im Amtsblatt gestanden. Es sei auch schon vorgekommen, dass jemand an ihrer Haustür geklingelt habe – mit der Bitte, eine Zecke am Bein zu entfernen. „Das ist eben auf dem Dorf so“, meint sie.

Auf dem Pilgerweg

Seit Einführung der Pflegeversicherung 1995 komme der Arbeit der Sozialstation eine andere Rolle zu. Die Patienten betrachteten sie als Dienstleister. Die Arbeitswelt habe sich sehr verändert. Heute müssten sich die Pflegekräfte sogar bei Beginn und Ende jeder Fahrt sowie beim Eintreffen und Verlassen des Patienten mit dem Handy an- und abmelden. Seit einigen Jahren war Renate Mathieu nicht nur mit dem Dienstauto sondern auch per E-Bike in ihrem Bezirk unterwegs. An ihrem letzten Arbeitstag habe sie von jedem Patienten ein Geschenk erhalten. „Ich habe es mit dem vollbepackten Rad gerade so nach Hause geschafft“. Fit ist sie allemal. Bereits zum dritten Mal lockte sie ab Anfang September für sechs Wochen die Wanderung auf dem Pilgerweg zum spanischen Santiago de Compostela. Ihren gesammelten Urlaub aufbrauchend, erwanderte sie ganz ohne Begleitung den 773 Kilometer langen Jakobs Pilgerweg vom französischen Saint-Jean-Pied-de-Port aus. „In traumhafter Natur konnte ich mir in Ruhe Gedanken über meine neue Lebensphase machen.“

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