Kreis Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Für Hebammen und Schwangere ist in der Pandemie vieles anders

Schutzausrüstung gehört dazu: Da Hebammen in vielen Häusern ein- und ausgehen, müssen sie in diesem Jahr besonders viel in Desin
Schutzausrüstung gehört dazu: Da Hebammen in vielen Häusern ein- und ausgehen, müssen sie in diesem Jahr besonders viel in Desinfektion, Masken und Handschuhe investieren.

Schwangerschaft und Geburt sind besondere Ereignisse im Leben. Mütter und Väter freuen sich auf den Familienzuwachs, machen sich aber auch Sorgen, wie sich das Kind entwickeln, ob es gesund sein wird. Begleitet werden sie vor und nach der Geburt oft von Hebammen. In einer Pandemie muss allerdings einiges anders ablaufen als üblich.

Für Julia Neurohr läuft der Countdown, wie sie selbst sagt. Die 37-Jährige ist schwanger, in rund fünf Wochen soll das Kind zur Welt kommen, mitten in der Corona-Pandemie. Als die Trippstadterin im Mai erfuhr, dass sie zum zweiten Mal Mutter werden würde, hatte sie zunächst tausend Fragen. Eine der drängendsten war: Sind Schwangere anfälliger für das Coronavirus oder für schwere Krankheitsverläufe? „Es hat sich ja dann aber schnell herausgestellt, dass es für Schwangere nicht so schlimm ist, wenn man Corona bekommt“, beruft sich Neurohr auf die Wissenschaft. Diese Erkenntnis habe sie beruhigt.

Neurohr und ihr Mann wollten ein zweites Kind, und sie wollten es jetzt. Dadurch, dass es für die Büroangestellte nicht die erste Schwangerschaft ist, kennt sie die Abläufe. Dennoch ist diesmal vieles anders. Der Geburtsvorbereitungskurs zum Beispiel findet nur digital statt.

Hebamme Kristina Daum sieht Positives in digitalen Kursen

Hebamme Kristina Daum aus Schopp bietet ihn an. Sie ist von dem neuen Format überzeugt. „Ich habe tolle Erfahrungen damit gemacht“, sagt sie, „und möchte das auch weiterhin anbieten, auch wenn Kurse vor Ort wieder möglich sind.“ Die soll es dann natürlich auch wieder geben, denn der Austausch untereinander fehle schon. Wenn jemand eine Schulter zum Anlehnen bräuchte, komme das Medium an seine Grenzen. Auch Akupunkturnadeln kann Daum nicht online setzen.

Aber die Geburtshelferin sieht Vorteile in den Internetstunden. „Jeder kann mehr bei sich sein, schaut nicht auf die anderen um sich herum.“ Das sei gerade bei den Yogaübungen, die sie mit den Schwangeren macht, sehr gut. Viele Teilnehmerinnen meldeten ihr auch zurück, dass sie ihren privaten Raum während des Kurses zu schätzen wüssten.

Das bestätigt auch Neurohr, die sehr gespannt war, wie ein solcher Kurs online funktionieren soll. „Ich muss sagen, es ist richtig entspannt, weil ich mich nicht ins Auto setzen muss und erst im Dunkeln wieder heimkomme.“ Trotz der Distanz zu den anderen Frauen sei ein schönes Miteinander entstanden. Überhaupt kann die Schwangere dem derzeitigen Teillockdown durchaus etwas Positives abgewinnen. Dadurch, dass sie weniger Termine habe, „kann ich mich ein Stück zurücknehmen und mehr für mich sein“. Ein bisschen schade findet sie es aber doch, dass sie die anderen kurz vor der Geburt Stehenden „nicht live sieht“.

Einige Frauen vermissen den Austausch mit anderen Schwangeren

Richtig enttäuscht war Dominika Magel, als Daum ihr mitteilte, dass es nur einen digitalen Kurs geben wird. „Ich hatte mich total auf den Geburtsvorbereitungskurs gefreut“, berichtet die 40-Jährige, deren Sohn mittlerweile auf der Welt ist. Sie wollte mit anderen Schwangeren und der Hebamme ins Gespräch kommen. Auch diese Sicht kann Daum verstehen. Es gebe einige Frauen, die traurig über die Situation seien, die sich sehr einsam fühlten, weil sie zum Beispiel im Homeoffice arbeiteten und auch da der unmittelbare Kontakt zu Kollegen fehle. Magel erhoffte sich besonders eines von den Treffen: eine richtige Bindung zum noch ungeborenen Kind aufzubauen. Das sei diesmal schwerer gefallen, weil das Drumherum, der Lärm der Welt sozusagen, dieses Jahr so laut ist. „Man war nur auf das Außen gepolt“, beschreibt sie ihre Empfindungen der ersten Monate. Mit Yoga-, Entspannungsübungen und Traumreisen sei es Kristina Daum aber gelungen, die erwünschte Innerlichkeit herzustellen.

Die Frauen darin zu stärken, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, ist Daum schon immer ein Anliegen. Dass ihr das auch in den Internetkursen gelingt, freut sie. Für die Hebamme ist dieser teilweise digitale allerdings auch der einzig gangbare Weg, um ihren Beruf weiter ausüben zu können. Sie möchte sich die Möglichkeit, die Familien nach der Geburt zuhause zu besuchen, so lange wie möglich erhalten. „Ich sehe die Betreuung zuhause als sehr wichtig an.“ Da sie jedoch selbst Mutter dreier Schulkinder ist, muss sie das Risiko für die jungen Mütter und Babys, die sie betreut, sehr genau abwägen. Zu ihrer Arbeitskleidung gehört der Mundschutz, außerdem desinfiziert sie sich nicht nur regelmäßig die Hände, sondern auch alle Materialien, die sie einsetzt.

Nicht alle Kliniken lassen Begleitpersonen die ganze Zeit bei der Geburt zu

Dennoch habe es im ersten Lockdown auch Frauen gegeben, die keine Hebamme im Haus haben wollten. In diesen eher seltenen Fällen bietet Daum auch die Nachsorge über das Internet an. Einmal musste sie auf dieses Format auch in der Betreuung von Magel zurückgreifen. Denn als die Siegelbacherin Ende September im Wochenbett lag, befand sich Daum in einer Nach-Urlaubs-Quarantäne.

Die Geburt selbst erlebte Magel von der ersten Wehe bis zum ersten Schrei des Sohnes gemeinsam mit ihrem Mann. In diesen Pandemiezeiten ist das etwas Besonderes. Das Krankenhaus in Pirmasens ermöglicht Familien dieses Erlebnis trotz Corona. Die meisten Kliniken, auch das Nardini-Klinikum in Landstuhl, aber lassen die Begleitperson erst zu, wenn der Muttermund bereits fünf bis sieben Zentimeter geöffnet ist. Bis es soweit ist, muss die Schwangere alleine zurechtkommen, lediglich von den Hebammen und Ärzten vor Ort unterstützt, die vielleicht parallel noch andere Geburten zu betreuen haben.

„Ich finde es schwierig, die Geburt so zu unterteilen“, sagt Daum. Wie heftig eine Frau die Wehen empfände, könne nicht allein davon abhängig gemacht werden, wie weit fortgeschritten der Geburtsvorgang ist. Magel gibt ihr recht. Für sie sei gerade die erste Phase sehr schlimm gewesen. „Deshalb war ich sehr dankbar, dass mein Mann dabei sein durfte.“

Nicht zu sehr mit möglichen Krisen in Corona-Zeiten beschäftigen

Julia Neurohr hofft, dass auch der Vater ihres Kindes die ganze Zeit bei ihr sein kann. Sie hat sich viele Gedanken darüber gemacht, wie die Geburt wohl ohne seine mentale Unterstützung sein würde. Da auch sie in Pirmasens entbinden möchte, stehen die Chancen gut, dass es soweit nicht kommt. Gleichwohl bleibt eine gewisse Unsicherheit: „Wie ist es in fünf Wochen?“, fragt sie sich. Was heute gelte, könne morgen schon überholt sein, je nachdem, wie sich die Infektionslage entwickelt.

Allzu sehr wollen sich aber weder Neurohr noch Magel von der Krisenstimmung im Land erfassen lassen. Beide dosieren ihren Nachrichtenkonsum, haben sich eine Grenze gesetzt, was sie an sich heranlassen wollen und was nicht. „Mein Mann verfolgt alles“, sagt Neurohr und lacht, „aber er weiß, dass er mir nicht alles erzählen braucht.“ Coronafreie Stunden genießen beide Frauen bei Spaziergängen durch Feld und Wald oder beim Lesen und Hörbuch Hören.

Hebamme Daum findet diesen Ansatz richtig. Sie beschäftigt sich persönlich mit der Frage: „Mit was fülle ich mich?“ Falsch findet sie es, sich zu viele Gedanken darüber zu machen, was alles kommen könnte, dann aber vielleicht doch nicht eintritt. Das verbrauche sehr viel Energie, die werdende und schon gewordene Mütter gut anders einsetzen könnten.

Zur Sache: Schwangerschaft und Geburt im Coronajahr

Mehr Kinder?
Babyboom nach Corona?, lautet eine Frage, die der Westdeutsche Rundfunk im Sommer gestellt hat. Lockdown und Kontaktbeschränkungen könnten viele Paare für mehr Zweisamkeit genutzt haben. Als Hinweise, dass daher mehr Kinder gezeugt wurden, wertet er gestiegene Zahlen von Schwangeren in einigen Frauenarztpraxen und mehr verkaufte Schwangerschaftstest in Apotheken. Der Berufsverband der Frauenärzte erwartet dies allerdings nicht. Hebamme Kristina Daum aus Schopp ist ebenfalls vorsichtig, was eine solche Aussage betrifft. Zwar gebe es dieses Jahr recht viele Anmeldungen für ihre Kurse, aber solche Booms kämen immer mal wieder vor. Wenn überhaupt könnte sie sich vorstellen, dass es mehr Erstgebärende geben könnte, denn Eltern mit Schul- oder Kindergartenkindern seien in diesem Jahr eher gestresster und weniger unter sich als sonst gewesen.

Mehr Hausgeburten?
Einen Trend zum Kinderkriegen zuhause sieht Kristina Daum schon länger, ganz unabhängig von Corona. Vielleicht habe die Pandemie, besonders die Diskussion um eine Maskenpflicht für Entbindende im Kreißsaal, das nun noch etwas verstärkt. Verantwortlich sei dafür aber vor allem, dass immer mehr kleinere Krankenhäuser geschlossen würden. Auch Geburtshäuser gebe es rund um Kaiserslautern keine. „Das nächste ist erst in Saarbrücken“, sagt Daum.

Während Hausgeburten aber schon immer praktiziert wurden, erschreckt sie eine andere Entwicklung, die durch die Corona-Pandemie beschleunigt werde: Immer mehr Frauen bevorzugten eine Alleingeburt, also ohne jegliche fachliche Unterstützung – teilweise aus Sorge vor Ansteckung. Auch zum Kinderarzt gingen einige Eltern nicht mehr. Das sei besorgniserregend, sagt die Hebamme. Die Corona-Angst dürfe nicht dazu führen, dass notwendige Untersuchungen hintangestellt würden.

Weniger Frühgeburten?
Zu einem erstaunlichen Befund kommen Forscher in Dänemark und Irland. Einer vorläufigen Studie zufolge kam es im Frühjahr in diesen Ländern zu 90 beziehungsweise 73 Prozent weniger Frühgeburten als im Jahr zuvor. Auch in anderen Ländern wie den Niederlanden wurde dies beobachtet. Grund dafür könnte der Lockdown gewesen sein: Da die Schwangeren, wie alle anderen auch, so gut wie keine Termine wahrnehmen konnten, waren sie weniger gestresst. Außerdem kamen sie nicht so häufig mit Krankheitserregern in Kontakt. Zu guter Letzt führen Wissenschaftler noch eine geringere Luftverschmutzung an. All das führte offensichtlich seltener zu frühzeitigen Wehen.

Stichwort: Risiken durch Corona

Schwangere haben kein erhöhtes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken. Das ist derzeit der Stand der Wissenschaft. Ist eine Schwangere infiziert, heißt das nicht, dass sie die Krankheit auf das Kind überträgt, selbst bei der Geburt muss das nicht der Fall sein. Momentan raten Mediziner erkrankten Müttern auch zum Stillen. Sie gehen davon aus, dass die positiven Effekte für die Immunabwehr des Babys überwiegen. Es sollte allerdings eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen werden, um eine Tröpfcheninfektion zu verhindern.

Hebamme Kristina Daum muss seit dem Frühjahr die unterschiedlichsten Bedürfnisse erfüllen.
Hebamme Kristina Daum muss seit dem Frühjahr die unterschiedlichsten Bedürfnisse erfüllen.
Dominika Magel, hier noch mit Babybauch.
Dominika Magel, hier noch mit Babybauch.
Julia Neurohr erwartet Ende des Jahres ihr Kind.
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