Radsport RHEINPFALZ Plus Artikel Ausnahmezustand in Linden

Chefin der Helfer und stolze Mutter: Annette Märkl hat zwar mit der Organisation alle Hände voll zu tun, aber als ihre Tochter J
Chefin der Helfer und stolze Mutter: Annette Märkl hat zwar mit der Organisation alle Hände voll zu tun, aber als ihre Tochter Jule startet, steht auch sie mal kurz am Streckenrand, macht Fotos und winkt ihr zu.

Es ist Rad-DM in Linden. Im sonst so beschaulichen Ort herrscht Ausnahmezustand. Jeder hofft, dass alles klappt, und ein paar bibbern, dass einer „nicht umfällt“.

Polizeimotorräder mit Blaulicht, überall Kameras, alles zugeparkt mit Autos, die vollbepackt sind mit hochwertigen Rennrädern. Absperrgitter. Eine Drohne kreist über der Kirche. Und Unmengen von Menschen bevölkern die Straßen. Tour-de-France-Feeling in Linden. Nur anders, besser, pfälzischer und trotz Unmengen von Menschen, die durch die Straßen drängen, sich an Absperrgitter quetschen, den Berg hochschieben, um ihre Herzensmenschen anzufeuern, familiärer.

Es fühlt sich an wie ein Familientreffen, bei dem jeder jeden kennt, bei dem man sich gegenseitig hilft und anfeuert und alle nur eins wollen, dass das Fest, das sie zusammen feiern, gelingt.

Hermann Mühlfriedel (rechts im roten Hemd) und Thomas Freienstein (links daneben) von der Eliteschule des Sports in Kaiserslaute
Hermann Mühlfriedel (rechts im roten Hemd) und Thomas Freienstein (links daneben) von der Eliteschule des Sports in Kaiserslautern freuen sich über die Stimmung und für den erfolgreichen Nachwuchs. Links der Stand des RV Queidersbach.

Überraschung für Jule Märkl

Annette Märkl, Frau von Organisator Andreas Märkl, klettert auf die Mauer des Dorfbrunnens, um höher zu stehen und einen Blick aufs Fahrerfeld werfen zu können. Sie scannt das Meer aus Helmen ab, plötzlich strahlt sie und winkt. Jule, ihre Tochter, winkt zurück und die Mutter strahlt. Einen kurzen Moment lang ist die Anspannung vergessen und die Verantwortung, die sie während der drei Tage Ausnahmezustand in Linden zu tragen hat. Sie koordiniert die Einsätze der unzähligen Helfer beim Heimspiel. „Wir haben alleine 100 Kuchen gebacken“, erzählt sie kurz und schießt schnell ein Foto von Jule. „Vom Rennen bekomme ich da gar nicht viel mit“, sagt sie. Rechts neben der Startlinie ist ein anderer Angehöriger der Familie leicht aufgeregt: Leon Stiebitz will seine Freundin überraschen. Er hat ein Plakat anfertigen lassen, auf dem in pinken Buchstaben ihre Name prangt: Jule.

Jule Märkls Freund hat ein Plakat anfertigen lassen, mit dem er und seine Familie sie anfeuern.
Jule Märkls Freund hat ein Plakat anfertigen lassen, mit dem er und seine Familie sie anfeuern.

Startschuss. Die Fahrerinnen passieren die Linie. Jule Märkl vom RSC Linden sieht die Überraschung, strahlt und wirft ihrem Freund eine Kusshand zu. Dann ist erst mal Ruhe im Startbereich. Viele pilgern weiter nach oben, rechts um die Kurve und in den Wald, zum zwölfprozentigen Anstieg der Runde, die die Frauen sechsmal drehen werden und die U19-Fahrerinnen, die ein paar Minuten nach ihnen starten, viermal.

Menschen mit Kühlboxen machen sich auf den Weg nach oben, suchen sich einen Platz am Berg, von dem aus sie möglichst gut zu sehen sind. Sie werden ihre Fahrer, die Tochter, die Freundin gleich mit kühlen Getränken und Eis versorgen.

Party beim RV Queidersbach

Der RV Queidersbach hat die Straße bemalt. Die Namen der Jugendfahrer des RVQ stehen da in großen Lettern unter dem Logo ihres Vereins, der sich was Besonderes ausgedacht hat: Er hat einen Stand aufgebaut, an dem er die Zuschauer versorgt und von dem aus er sein Team unterstützt. 25 Helfer sind dieses Wochenende im Einsatz. Warum sie sich genau diese Stelle ausgesucht haben, erklärt Jonas Korb, der Vorsitzende, so: „Wir wollten erst nach Krickenbach gehen, aber hier sind mehr Leute, auch weil da gleich die Verpflegungsstelle kommt“, erklärt er. Saumagen mit Zwiebeln und Bratwürste gibt es beim RVQ. Außerdem Trommeln, Pfeifen, Megaphone und einen großen Bildschirm, der im Kofferraum eines Kombis platziert wurde und über den der Livestream übertragen wird.

Ab und zu halten Begleitfahrzeuge am „Drive-in-Schalter“, ordern Cola oder Wasser und brausen den Berg hoch. Die Helfer sind fröhlich. Auch wenn sie wissen, dass der Tag lang werden wird. Seit 7 Uhr ist Korb mit seinem Team auf den Beinen. Knapp zwölf Stunden später wird er abbauen und alles „bei einem Bauern unterstellen“, bevor es am nächsten Tag im noch größeren Stil weitergeht.

Experten am Streckenrand

Am rechten Straßenrand stehen Hermann Mühlfriedel und Thomas Freienstein, Radsporttrainer und Urgesteine der Eliteschule des Sports in Kaiserslautern, feuern die zahlreichen Fahrerinnen an, die im HHG die Schulbank gedrückt haben, aber auch alle anderen Talente. Und schütteln den Kopf. Weil sie immer noch nicht verstehen können, warum die Stadt Kaiserslautern die Ausrichtung des Rennens kurzfristig abgesagt hat und Organisator Andreas Märkl und seinem Team ein strammes Programm beschert hat. Das überragend bewältigt worden sei. Bei Andreas Märkl, seien alle Fäden zusammengelaufen. „Jetzt hoffen wir nur, dass er nicht umfällt“, sagt er mit einem Augenzwinkern und lobt sein Engagement. Was Mühlfriedel bei der DM in Linden besonders gefällt ist, dass im Gegensatz zu den sonstigen Rennen alle Klassen gleichzeitig starten. „Wenn sonst ein Jugendrennen ist, wird die Straße nicht abgesperrt“, verdeutlicht er, wie die Radsportfamilie voneinander profitiert und in Linden ein Fest für alle bietet.

„Ich muss runter, die Magda wird jetzt deutsche Meisterin“, wirft Freienstein ein, als die U19-Truppe das letzte Mal durch ist. Er begibt sich zum Ziel, vorbei an Gruppen fröhlich feiernder Menschen mit Kühltaschen, Musikboxen, Klappstühlen, fröhlichen Helfern und Streckenposten.

Enttäuschung und Euphorie

Magdalena Leis verpasst den Sieg knapp, wird Zweite, freut sich nach einem Moment der Enttäuschung über Silber. Die U19-Fahrerin vom RSC Linden kannte die Strecke bestens und war beeindruckt von dem, was die Fans auf die Beine gestellt hatten. „Es waren so viele da, die mich unterstützt haben“, freute sie sich.

Für Jule Märkl lief es im Rennen der Elite nicht ganz nach Wunsch. Sie wurde 30., konnte die Stimmung aber trotzdem genießen und zog den Hut vor der Siegerin Franzi Koch, die „sehr, sehr stark war“. Einen Tag später war alles fast schon vergessen. Da stand das Eliterennen der Herren an, bei dem ihr Bruder Niklas startete. Einen Tag davor hatte der noch sie unterstützt. Jetzt stand sie für ihren Bruder am Hügel und reichte ihm die Flaschen. Familienevent eben für alle, die zum Treffen der besonderen Art nach Linden kamen. Mit großen Sportlern, großem Sport und Tour-de-France-Feeling in Linden, wo das Herz des Radsports schlägt.

Mehr über die Rad-DM aus Sicht der Sportler lesen Sie hier

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