Kreis Germersheim Zwei Stunden, fünf Minuten – Ja!
Kandel. 02:07:23. Die roten Punkte auf der LED-Tafel formen eine Zahlenkombination, die vor meinen Augen wieder verschwimmt. Es muss reichen. Mein Blick richtet sich nach vorne. Vor mir und dem gelben Zieleinlauf noch zwei Läufer. Ich hole sie nicht mehr ein, doch es stört mich nicht. Ich stürme über die Ziellinie, vorbei an unserem Fotografen, der mir zujubelt. „Gut gemacht, Victoria!“ Auf einer freien Fläche lasse ich mich ins Gras fallen, mir wird schwarz vor Augen. Geschafft! Rund zwei Stunden zuvor: Zusammen mit mehr als 2000 Hobby- und Profiläufern, alten, jungen, Frauen, Männern, Kindern, stehe ich vor der Startlinie an der Bienwaldhalle. Meine Wunschzeit: 2:05 Minuten für 21,1 Kilometer. Halbmarathon. Im Training war ich immer langsamer gewesen. Ob ich sie dennoch erreiche? Massenstart. Meine Nervosität ist verschwunden, ich freue mich riesig, dass es endlich losgeht. Knapp zwei Minuten nach dem Start setze auch ich mich in Bewegung. Das eigene Tempo finden – nicht einfach in einer Menschenmasse, die sich durch Kandels Straßen schlängelt. Die ersten Kilometer werden über den ganzen Lauf entscheiden. Laufe ich zu schnell los, fehlt mir auf den letzten Kilometern die Energie – klassischer Anfängerfehler. Laufe ich zu langsam los, könnte ich die verlorene Zeit am Ende nicht mehr einholen. Wie die meisten lasse auch ich mich von der Masse tragen. Um mein Ziel zu erreichen, benötige ich ein Durchschnittstempo von etwas mehr als zehn Kilometern pro Stunde. Nach dem Ortsschild in Richtung Minfeld lichtet sich das Feld. Ich muss nicht mehr ständig Angst haben, meinen Nebenläufern auf die Füße zu treten. Die Gelegenheit, meine eigene Geschwindigkeit zu überprüfen. Ich bin etwas schneller als im Training. Weiter so! In Minfeld jubeln viele Zuschauer auf den Gehwegen. Ich grinst übers ganze Gesicht. Kilometer: fünf. Zeit: 31 Minuten. Macht sechs Minuten pro Kilometer, also rund zehn in der Stunde. Passt. Den ersten Getränkestand ignoriere ich. Weiter geht’s in Minfeld in Richtung Naturfreundehaus. Die Sonne knallt mir ins Gesicht. Neben mir keucht ein Läufer, doch er hat ein gutes Tempo. An ihm will ich mich orientieren. Am Naturfreundehaus jubelt mir meine Mutter zu. „Bist du schnell!“ Siebeneinhalb Kilometer. 45 Minuten. Bis jetzt geht mein Plan auf. Auf dem Weg zur K 15, die große Gerade im Bienwald, hört ich ein Motorrad hupen. Es ist die erste Dreiergruppe, die mit Riesenschritten in einem Wahnsinns Tempo hinter dem Motorrad her trabt. Während es für sie schon fast in den Schlussspurt geht, bin ich nicht einmal bei der Hälfte. Ich lasse mich nicht verunsichern, meine Geschwindigkeit ist konstant, ich bin gut drauf. Eine Stunde, eine Minute bei Kilometer zehn. Aber der harte Teil des Laufes kommt erst noch. Der Gegenwind pfeift mir in die Ohren, drückt gegen meinen Körper. Ich versuche, mein Tempo zu halten. Der junge Läufer mit dem weißen T-Shirt bleibt wenige Meter vor mir. Durchhalten! Die Energie überlasse ich meinen Beinen, nicht meinem Kopf. Plötzlich laufen zwei junge Männer in grünem Shirt neben mir. Ich frage nach der Zeit: Eine Stunde, 34 Minuten. „Das ist gut, oder?“ Wir sind bei knapp 16 Kilometern. Mein Bauch streikt. Meine Beine verlieren langsam Kraft. Ich falle zurück. Das Anfängerproblem. „Immer weiter, immer weiter, komm, du schaffst das!“, rede ich mir ein, sage es irgendwann laut. Nach einigen Minuten erreiche ich den Getränkestand. Panisch greife ich nach einem Iso-Drink und drücke einen Schnitz Banane in mich hinein. Augenblicklich fühle ich mich besser und kann mein Tempo wieder erhöhen. Es geht nur um eines: zwei Stunden, fünf Minuten. Die letzten dreieinhalb Kilometer. Ich stelle mir eine Stange in Augenhöhe vor, die sich einen Meter vor mir bewegt und der ich folge. Ich biege ab auf die große Straße in Richtung Stadion. Noch knapp ein Kilometer – der letzte Kilometer! Neben mir ein Pärchen, das sich locker unterhält. Wie schaffen die das? Schlussspurt. Dann der Einlauf ins Stadion. Den Stadionsprecher höre ich die Zeit von zwei Stunden, fünf Minuten durchsagen. Ja! Das muss es sein! Von der offiziellen Bruttozeit kann ich getrost zwei Minuten abziehen, um meine Nettozeit zu bekommen, da ich in der Menschenmasse erst lange nach dem Startschuss über die Startlinie lief. Meine Nettozeit: 2:05:53.