Kandel RHEINPFALZ Plus Artikel Zwei Gedenktage an einem Tag

Verabschiedung einer Fackel, die durch Staffetten-Läufer von Reichshoffen nach Kandel getragen wurde. Im Schaft der Fackel war A
Verabschiedung einer Fackel, die durch Staffetten-Läufer von Reichshoffen nach Kandel getragen wurde. Im Schaft der Fackel war Asche vom Grab des unbekannten Soldaten vom Friedhof in Reichshoffen, die in Kandel dem Wurzelbereich einer neu gepflanzten Linde beigegeben wurde.

Vor 151 Jahren, am 6. August, tobte die Schlacht bei Reichshoffen, in der Franzosen und deutsche Truppen aufeinander prallten. Es folgten zwei Weltkriege, in denen Franzosen und Deutsche erbittert gegen einander kämpften. Trotz dieses schwierigen deutsch-französischen Verhältnisses fanden sich schnell Persönlichkeiten, die diese Situation ändern wollten.

Vor 60 Jahren waren die beiden Bürgermeister Graf Pierre de Leusse, Reichshoffen, und Oskar Böhm, Kandel, der Überzeugung, das sich eine beständige Einigung der europäischen Nationen nicht alleine auf die Arbeit von Diplomaten beschränken sollte, sondern einer breiten Grundlage bedarf, nämlich der freundschaftlich menschlichen Beziehungen der Bürger. Am 6. August 1961 kam Bürgermeister Graf de Leusse aus Reichshoffen nach Kandel um hier zusammen mit Bürgermeister Oskar Böhm eine Städtepartnerschaft einzugehen.

Für beide Bürgermeister war dieser Akt innovativ, denn der Elysée-Vertrag zwischen Präsident Charles de Gaule und Bundeskanzler Konrad Adenauer, der die deutsch-französische „Erbfeindschaft“ beenden sollte, wurde erst im Jahr 1963 unterzeichnet. An die kriegerischen Ereignisse 90 Jahre zuvor, hatte niemand gedacht – erst vor 10 Jahren, bei der Vorbereitung des 50. Geburtstages der Städtepartnerschaft wurde festgestellt, dass dies auch ein 6. August gewesen war.

„Heiratsvermittler“ kam aus Wissembourg

In den Jahren 1952 bis 1960 waren die Grenzlandtage in Kandel mit sportlich-kulturellen Veranstaltungen zu einem „Herzenwerfen über die Grenzen“ geworden. Immer mehr Elsässer beteiligten sich. Aktiv arbeitete an besseren Beziehungen auf elsässischer Seite François Grussenmeyer. Er führte seit 1946 die Wiederaufbaugenossenschaft in Wissembourg und wurde 1958 zum Abgeordneten der französischen Nationalversammlung gewählt. Im Bürgermeister seines Geburtsortes Reichshoffen, Graf Pierre de Leusse, fand er einen stark interessierten Mitstreiter. Auf pfälzischer Seite suchte Oskar Böhm, Kandels Bürgermeister und Landtagsabgeordneter, seinerseits mit Hilfe des Rates europäischer Gemeinden nach einer Partnerstadt in Frankreich. Als „Heiratsvermittler“ fungierte der Bürgermeister von Wissembourg, Alfred Zoog. Er kannte Oskar Böhm aus der Besatzungszeit, als sie miteinander Fußball gespielt hatten. Während der 10. Grenzlandtage in Kandel wurde die Freundschaftsurkunde unterzeichnet.

Seitdem nimmt jeden 11. November, dem Tag des Waffenstillstands vom Compiégne (1918), eine Delegation aus Kandel an der Gedenkveranstaltung vor dem Denkmal von Jeanne d’Arc in Reichshoffen teil und eine Delegation aus Reichshoffen kommt zu einer Gedenkveranstaltung am Totensonntag auf den Friedhof in Kandel. Der Unterschrift der politischen Entscheidungsträger folgten zahlreiche Begegnungen von Schülern, Senioren, Sportlern und Vereinen.

Holzskulpturen zum 50. Geburtstag

Während eines Pamina-Projektes gestalteten Künstler zum 50. Geburtstag der Städtepartnerschaft mit Motorsägen aus Baumstämmen große Holzskulpturen – 2009 in Kandel und 2011 unter identischen Bedingungen in Reichshoffen. Gemeinsam mit dem Verein grenzüberschreitende Freundschaften, der seit 1991 auf deutscher Seite die Städtepartnerschaft mit Leben füllt, fuhren Bürgermeister, Beigeordnete, Ratsmitglieder und Bürger auf den Hartmannswiller Kopf, besuchten Wingen, Bitche und Sarre-Union, wo die Orgeln aus Kandel und Reichshoffen saniert wurden. Seit einigen Jahren werden die Kandeler in Reichshoffen statt von Kanonendonner von einem Glockenspiel, dem Carillon de l’Europe, begrüßt. Zwei Glocken tragen die Namen der Bürgermeister, eine Glocke wurden vom Kandeler Stadtrat gespendet.

Am 6. August dieses Jahres, also am Freitag, werden die Bürgermeister von Kandel und Reichshoffen, Michael Niedermeier und Hubert Walter, am Mahnmal von 1870 Kränze niederlegen. In einem ökumenischen Gottesdienst in der St. Michaelskirche wird danach daran erinnert werden, das Hass und Feindschaft eine Quelle von Konflikten ist und darum gebetet, dass die Freundschaft zwischen den Völkern im Rahmen Europas erhalten bleibt.

Ankunft der Gäste mit Defilée vor dem Rathaus.
Ankunft der Gäste mit Defilée vor dem Rathaus.
x