Kreis Germersheim Vom Bahnlärm aus dem Schlaf gerissen
Germersheim: Mitten in der Nacht hupt die Straßenbahn. Beim Druckluft ablassen zischt es. Der Kompressor tönt in den Ohren. Die Nachtruhe für die Anwohner „Am alten Bahnhof“ ist früh vorüber. Beschwerden blieben bisher unerhört. Die Bahn sieht derzeit keinen Grund, in Sachen Lärmschutz aktiv zu werden.
Um 5.50 Uhr ist noch alles ruhig in der Straße „Am alten Bahnhof.“ Über Nacht ist es abgekühlt, die Morgenluft ist klar. Ein Sperling hüpft über die Gleise, die direkt hinter den Häusern langführen. Punkt 6 Uhr nähert sich die S51 Richtung Karlsruhe. In der Kurve wird sie langsamer und hupt zweimal kurz und gründlich: Einmal tief, einmal hoch. Nun sind alle wach. Vier Minuten später: Ein weiterer Zug der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft, diesmal in die Gegenrichtung. Er hupt nur einmal und dafür länger. Dazwischen der Regionalzug zur BASF nach Ludwigshafen. „Als wir im Jahr 2000 gebaut haben, war die Belastung durch den Zugverkehr wesentlich geringer,“ erklärt Juri Kowis, der mit seiner Familie direkt hinter dem Stellwerk Süd wohnt. „Damals fuhr nur ein Lastzug pro Tag. Mittlerweile ist es vor allem morgens sehr laut, weil die Züge hier vor der Weiche herumrangieren – das haben sie früher nicht gemacht.“ Sein Nachbar, Martin Barzda ist von den neuen Süwex Expresszügen enttäuscht, die angeblich leiser sein sollten: „Die angekündigten Schalldämpfer waren ein leeres Versprechen und wenn der Zugführer um fünf vor sechs die Druckluft ablässt, ist es so laut, dass man mit einem Schlag aus dem Bett hochfährt.“ Tatsächlich dauert es gute zehn Minuten, bis das Geräuschkonzert des Regionalexpresses nach Mainz Hauptbahnhof beendet ist: Um 06.05 Uhr hält er links neben Barzdas Haus und lässt zehn Sekunden lang zischend Luft ab. Danach ertönt für zwei Minuten ein durchgehendes Rasselgeräusch, vermutlich vom Kompressor auf dem Dach des Elektrofahrzeugs, bevor erneut Luft abgelassen wird. Warum ist der Kompressor nicht verkleidet? Und würde eine Lärmschutzwand nicht Abhilfe schaffen? Bei sieben Zügen innerhalb von 30 Minuten dürfte sie zumindest in der Bremskurve gerechtfertigt sein. „Ich habe schon vor über zehn Jahren 100 bis 150 Unterschriften für eine Lärmschutzwand gesammelt und bei der Stadt Germersheim eingereicht,“ erzählt Kowis. „Da ist aber bis heute nix passiert und eine richtige Begründung haben wir auch nicht bekommen“, so Kowis. Seiner Ansicht nach könnte eine Lärmschutzwand auch dazu beitragen, Unfälle an den Gleisen zu verhindern: „Ich beobachte ständig, dass Leute vom Fahrradweg aus über die Gleise klettern, auch Kinder.“ Dass Bahnlärm nicht vermeidbar ist, wenn man an „Am alten Bahnhof“ wohnt, ist sowohl Kowis als auch Barzda klar. Auch für Tests vor Fahrtantritt haben beide Verständnis. Aber nicht dafür, dass mehrfach gehupt und auf Schalldämpfer verzichtet wird. „Früher stand der Zug oft übers Wochenende hier im Stellwerk, komplett eingeschaltet. Niemand fuhr, aber die Klimaanlage lief die ganze Zeit. Manchmal ging samstags oder sonntags der Alarm los, dann kam die Polizei und wusste schon, wie man den ausstellt. Die Bahn hat sich nicht darum gekümmert“, berichtet Barzda. Kowis wünscht sich, zumindest vorab informiert zu werden, bevor „mitten in der Nacht das ganze Haus wackelt, weil Strommasten metertief in die Erde gerammt werden.“ Und was sagt die Deutsche Bahn dazu? Dass solche Baumaßnahmen in Abstimmung mit den Kommunen geschehen und selbstverständlich vorab informiert werde. Dass man bei sämtlichen Tests davon ausgehen könne, dass diese aus technischen Gründen erforderlich seien. Dass Bahnlärm vom persönlichen Empfinden abhänge und man erstmal mit einer Dezibelmessung überprüfen müsse, wie laut die neuen Züge tatsächlich seien, wie Bahnsprecherin Regina Marusczyk auf Anfrage der RHEINPFALZ erklärt. Dass bei den neuen Zügen auf Schalldämpfer verzichtet worden sei, könne sie sich „nicht vorstellen“. Die betroffenen Anwohner könnten sich diesbezüglich jedoch an den (kostenpflichtigen) „Kundendialog“ der Deutschen Bahn wenden. Was den Lärmschutz angeht, so verweist die Bahnsprecherin auf das Programm „Maßnahmen zur Lärmsanierung an bestehenden Schienenwegen der Eisenbahnen des Bundes“, in dessen Anlage Drei die „noch zu bearbeitenden Lärmsanierungsbereiche“ aufgelistet sind. Germersheim ist darin bis dato jedenfalls nicht verzeichnet. |kfa