Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Tiere in Panik: „Silvester ist eine gruselige Nacht“

Hunde sollten ein Panikgeschirr tragen, sagt Desiree Wabner. Der American Stafford Terrier Kimberley macht es vor.
Hunde sollten ein Panikgeschirr tragen, sagt Desiree Wabner. Der American Stafford Terrier Kimberley macht es vor.

Vor Böllern und Raketen haben viele Tiere panische Angst. Desiree Wabner, erklärt, was Tierhalter um den Jahreswechsel herum beachten sollten – und was gar nicht geht.

Frau Wabner, wie schlimm ist Silvester für Tiere?
Silvester ist eine gruselige Nacht. Wir haben jedes Jahr Angst davor. Für viele Haustiere sind die ungewohnten Geräusche, der Geruch der Böller und die blitzenden Lichter unheimlich und beängstigend, weil sie den Lärm nicht einordnen können. Die Gefahr für Katzen, die draußen sind, ist sehr hoch, da sie in Panik die Orientierung verlieren und dann ziellos umherrennen. Hunde erschrecken sich oft, reißen sich los oder schlüpfen aus ihrem Halsband oder Geschirr. Sie rennen dann nicht selten in Panik auf die Straße und werden überfahren. Manche verirren sich im Wald, bleiben eventuell mit ihrer Leine an einem Baum hängen und sterben, weil sie nicht gefunden werden oder weil sie nicht mehr heimfinden. Auch Wildtiere leiden Todesängste. Vor allem Wildvögel sterben in dieser Nacht häufig an Herzversagen.

Das klingt dramatisch. Gibt es ein Tierschicksal, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Wir fuhren am ersten Januar einen Einsatz auf der B9, „verletzter Hund“. Er hat sich am Abend zuvor aus dem Halsband befreit und ist in Panik davon gelaufen. Leider ist er auf der Bundesstraße von einem Auto erfasst worden und wurde dabei schwer verletzt. Wir konnten den Hund sichern und zum Tierarzt fahren, wo er erlöst wurde. Sein Besitzer wurde zeitgleich ermittelt, da der Hund glücklicherweise gekennzeichnet und registriert war.

Wie bereiten Sie die Tiere in der Auffangstation auf die Nacht vor?
Wirklich darauf vorbereiten können wir unsere Tiere leider nicht. Im Hunde- und Katzenbereich laufen Radios. So viele Tiere wie möglich sind in den Innenbereichen untergebracht. Zum Glück liegt unsere Station etwas abseits, sodass wir nicht mitten im Geschehen sind. Wenn das gröbste Geballer vorüber ist, laufe ich gegen 1 Uhr eine kleine Runde, um nachzusehen, ob eventuell ein Notfall vorliegt. Bisher war das aber nie der Fall.

Und wie sieht’s in den Tagen danach aus?
Hier im Tierheim häufen sich die Meldungen über vermisste Tiere. Daher sollten Freigängerkatzen schon einige Tage vor Silvester im Haus oder in der Wohnung behalten werden im Haus oder in der Wohnung behalten werden und Hunde beim Gassi besonders gesichert sein – am besten mit einem Panikgeschirr, das einen weiteren Bauchgurt hat, der das Rausschlüpfen verhindert. Zusätzlich sollte der Hund mit einem Halsband und einer zweiten Leine gesichert sein. Dabei sollte die Leine, die sich am Geschirr befindet, um den Bauch des Hundeführers gebunden sein, damit der Hund bei einem Sturz nicht entlaufen kann. Wir raten, die Hunde mindestens bis zum 2. Januar so zu sichern. Auch Kleintiere, beispielsweise Kaninchen, sollten für diese Tage ins Haus geholt werden.

Und was, wenn ein Tier doch verlorengeht?
Dann sollte man sich nicht scheuen sofort die Polizei, Ordnungsbehörde und das zuständige Tierheim zu informieren, auch nachts. Das gilt auch für Menschen, die ein verletztes oder verirrtes Tier finden. Das Tier sollte unbedingt gekennzeichnet und bei einem Haustierregister registriert sein. Ganz wichtig: Vor den Feiertagen kundig machen, welcher Tierarzt oder welche Tierklinik Notdienst hat.

Kann man Haustieren die Angst irgendwie nehmen?
Leider kann man die Tiere kaum bis gar nicht auf diese Zeit vorbereiten. Mein Tipp ist, wenn ein Tier Angst oder gar Panik zeigt: Bieten Sie ihm einen möglichst ruhigen Raum, zum Beispiel ein Badezimmer oder den Keller an. Rollläden runter, Radio oder Fernseher etwas lauter stellen, um den Lärm von draußen abzudämpfen. Manchen Tieren hilft es, wenn man sie festhält, andere wollen lieber ihre Ruhe. Man sollte die Tiere gut beobachten und entsprechend handeln.

Was sollte man auf keinen Fall tun?
Knaller kaufen! Und auf keinen Fall den Hund mit nach draußen nehmen, mitten ins Getümmel. Die Allerwenigsten finden das gut. Natürlich sollte man auch nicht mit seinem ängstlichen Tier schimpfen oder grob werden, weil sich das Tier unerwünscht verhält. In erster Linie rate ich dringend von vermeintlichen Hausmitteln wie zum Beispiel Eierlikör als Beruhigungsmittel ab. Dadurch leiden sie nur noch mehr, da sie zusätzlich eine Alkoholvergiftung bekommen können. Auch viele Mittel vom Tierarzt wirken kontraproduktiv. Das Tier wirkt nach außen zwar ruhiger, die innere Angst aber bleibt.

An Silvester steigen überall Partys. Muss ich darauf verzichten und bei meinem Tier zuhause bleiben?
Gute Frage – ich sage ja. Mit der Verantwortung für ein Tier übernimmt man auch Pflichten. Einige Tiere kommen gut alleine Zuhause zurecht. Aber wenn man weiß, dass sein Tier ängstlich ist oder Panik bekommt, sollte man seine eigenen Bedürfnisse zurücknehmen und dem Wohl seines Tieres Priorität einräumen

Bleiben Sie in der Silvesternacht bei ihren eigenen Tieren oder bei denen im Tierheim?
Wir sitzen mit unseren drei Hunden tatsächlich im Schlafzimmer, Fenster verdunkelt, Tür zu und der Fernseher läuft. Keiner bekommt etwas von dem Geschehen draußen mit. Wir sind alle fünf entspannt und lustig. Erst wenn draußen Ruhe eingekehrt ist, mache ich mich auf dem Weg ins Tierheim um nach dem Rechten zu schauen.

Letztes Jahr gab es ein Verkaufsverbot für Feuerwerk, es wurde kaum geböllert. Das hat einen Nerv bei Ihnen getroffen, oder?
Ja, das hat es. Das letzte Silvester war tatsächlich sehr ruhig. Auch die Zahlen der vermissten und entlaufenen Hunden und Katzen war deutlich geringer. Mein Neujahrswunsch wird wieder mal ein Böllerverbot sein.

Info

Desiree Wabner (41) ist Tierpflegerin und leitet seit sechseinhalb Jahren die Auffangstation „Terra Mater“ in Lustadt. Hier leben zwischen 150 und 200 Tiere – von Pferden über Schafe bis hin zu Vögeln, Hunden, Katzen und Nagetieren. Kontakt via Telefon unter 06347 608672 oder per E-Mail (info@terra-mater-lustadt.de). Die Tierretter von Terra Mater sind in Notfällen rund um die Uhr erreichbar unter 0170 3157618.

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