Wörth
Streifenmahd statt Mulchmahd zum Wohle der Natur
„Papa, was ist das da drüben? Lass uns gucken!“ Gerade haben zwei Kinder vor dem Rathaus etwas entdeckt, das man hier nicht vermuten würde. Der Stapel Heuballen ist tatsächlich ein echter Hingucker. Doch was steckt dahinter? Wenige Meter weiter sitzen Siegbert Merkle sowie seine Tochter Mona und deren Freund Jannick auf einer Bank und betrachten die Szenerie mit einem Lächeln. Und sie können sogar darüber Auskunft geben.
„Überall gibt es öffentliche Wiesen, Rasenflächen oder Grün an Verkehrswegen“, holt der promovierte Biologe Merkle aus. „Überall wird die Mulchmahd praktiziert, bei der der Schnitt auf den Flächen liegen bleibt und mit CO2-Freisetzung einfach verrottet. Und wir wollen das ändern und die Mulchmahd bundesweit abschaffen!“ Stattdessen könne man aus dem Schnitt Ballen machen und diese zum Beispiel zur Gewinnung von Biogas in die Vergärungsanlage nach Westheim bringen. „Oder man macht Kompost draus und bindet damit das CO2 im Boden“, verweist er auf eine weitere Möglichkeit.
Vier Tonnen Heu aus einem Hektar Grünfläche
Er rechnet vor, dass man aus einem Hektar Grünfläche etwa vier Tonnen Heu gewinne, in dem rund acht Tonnen Kohlendioxid aus der Luft gebunden sei. Dies entspreche der jährlichen CO2-Last von gerade einmal einem Bundesbürger. „Das klingt vernünftig, das klingt nach Klimaschutz. Aber es ist nicht der Burner und damit rette ich auch nicht die Welt“, ist Merkle kein Fantast.
Zur Veranschaulichung sagt er weiter, dass die Stadt Wörth laut Bürgermeister Dennis Nitsche über rund 60 Hektar Grünflächen verfügt. Daher gehe es vor allem darum, die Pflege öffentlicher Flächen im Sinne des Artenschutzes zu steigern. Das Mähen an sich geschehe hierbei mit Balkenmäher und Freischneider und ermögliche Tieren einen nach drei Seiten offenen Fluchtweg, sagt Merkle. Und da die Schnitthöhe bei zehn Zentimetern liege, mähten die Schnittinstrumente über Kleintiere einfach hinweg, ohne diese zu verletzen. Darüber hinaus werde der Balkenmäher so geführt, dass sich am Ende Flächen mit Altgrasbestand und Blüten mit den abgemähten abwechselten. Dies bewirke, dass auf einer Wiese ausreichend Blüten und Samenstände für Insekten und Vögel sowie zur Selbstaussaat der Wildkräuter erhalten blieben. Im Spätjahr wiederhole sich dann der Vorgang insoweit, als dass zuvor verschonte Streifen abgemäht und ein weiterer Teil der Fläche ungemäht stehen gelassen werde. So ermögliche die Streifenmahd nahezu ganzjährig wertvolle Rückzugsräume für Kleintiere und sogar Deckung für Niederwild.
Aus Mähgut Ballen pressen
Das Mähgut wiederum werde stets abgeräumt und könne somit in jene 25 Kilogramm schweren Ballen gepresst werden, die jetzt vor dem Rathaus aufgestapelt sind. Als sich Nitsche von der Sache angetan zeigte, konterte Merkle umgehend: „Die Ballen setze ich Dir vor das Rathaus!“ Und nun liegen sie nicht nur tatsächlich da, Nitsche hat gleich 30 Stück für das Badeparkfest im September geordert – als Sitzgelegenheiten. Und für sich selbst sogar einen als Sessel für das heimische Wohnzimmer. Für den Biologen ist das kein Problem: „Wenn der Ballen nicht nass wird oder eines Tages mal brennt, dann hält der ewig.“
Merkle ist mit seinem Büro für Umweltfragen seit 30 Jahren im Naturschutz- und Umweltmanagement tätig. „Und jetzt ist es das erste Mal, dass die Leute etwas von mir wollen. In all den Jahren vorher war ich immer nur Bittsteller und appellierte, endlich etwas zu tun“, stellt er mit einem Hauch Verbitterung fest. Dabei könnte er das auch mit einem Lächeln sagen. Denn er ist ja nicht mehr alleine. Da gibt es ja auch noch den Vater der beiden neugierigen Kinder von eben. Thomas Kah aus Maximiliansau kommt beim Anblick der Strohkolosse ins Grübeln und spricht davon, dass „Dämmgeschichten auch Sinn machen“ könnten. Er habe ohnehin einen Spleen für alternatives Bauen, sagt Kah. In den USA baue man sei 200 Jahren mit Stroh, „während es hier bis heute nicht zugelassen ist. Dabei wäre es doch etwas für die CO2-Bindung.“ Der Mann ist wie eine jener offenen Türen, die Merkle nun einzurennen hofft. Und er hat verstanden, worum es geht.
Info