Kreis Germersheim Sozialstation Rülzheim: Ohne die Schwestern geht es nicht
In der Sozialstation kümmern sich seit über 40 Jahren Schwestern um Patienten. Doch die Anforderungen haben sich verändert. Neue Angebote für Demenzkranke sollen Angehörige entlasten. Die wiederum wünschen sich vor allem Unterstützung im Haushalt. Und an Ostern ist die Nachfrage nach Pflegekräften besonders hoch.
Das gibt es selten: ein Abrechnungssystem als Alleinstellungsmerkmal. 33 ökumenische Sozialstationen gibt es in der Pfalz, die Rülzheimer Institution war lange die einzige, die seit der Gründung 1975 als Teil der kommunalen Verwaltung organisiert ist. Nachdem Schiebereien bei den Abrechnungen der Sozialstation Hagenbach, Kandel, Wörth aufgeflogen sind (wir berichteten), zieht Wörth jetzt nach. „Es war ein Glücksgriff das so aufzubauen“, sagt Matthias Schardt, Verbandsbürgermeister von Rülzheim rückblickend. „Wir erledigen die personalrechtlichen Sachen dort, wo wir sie sowieso machen“, zwei Verwaltungsmitarbeiter sitzen außerdem direkt in der Sozialstation. Denn seit der Gründung hat sich vieles verändert: Die Pflege ist ein Markt geworden, das Finanzamt schaut genau hin. Natürlich legen auch Mitbewerber ihre Prospekte in der Verbandsgemeindeverwaltung aus. Aber Pflege zu organisieren sei durchaus eine kommunale Aufgabe, gibt Schardt zu bedenken. „Wir sind zwar auf dem Markt Konkurrenten, aber das ist gut für die Bürger“, merkt Geschäftsführerin Gabi Xander-Decker an. „Wir können nicht alle versorgen.“ Dennoch sieht sie einen Unterschied zu privaten Anbietern: „Wir versorgen jeden.“ Es gebe Patienten, da rechne sich die Betreuung eigentlich nicht, aber dank der Möglichkeiten der Gegenfinanzierung habe man noch niemanden ablehnen müssen. „Wir sind wirtschaftlich gesund.“
Stichwort Fachkräftemangel
Seit 1991 ist Xander-Decker in verschiedenen Funktionen in der Sozialstation tätig. Sie erinnert sich auch an „nicht so gute Jahre“. 2009 habe man gründlich umstrukturiert. Seitdem übernimmt eine Pflegeplanbeauftragte die Tourplanungen, Wundmanagerinnen haben die entsprechenden Patienten im Blick. Heute hat die Sozialstation 108 Mitarbeiter, die Fluktuation ist gering. Verändert hat sich auch der Arbeitsmarkt, Stichwort Fachkräftemangel. „Inzwischen rollt man den roten Teppich aus“, sagt Xaver-Decker lachend. „Wir bauen die Dienstpläne um die Mitarbeiter herum“, die Einteilung sei vor allem familienorientiert, es gebe „alle möglichen Teilzeitmodelle“. Das Team sei altersmäßig gemischt und springe ganz selbstverständlich ein, wenn zum Beispiel eine Kollegin wegen eines kranken Kindes ausfällt. Das Haus bildet selbst Altenpfleger aus und bietet Praktikumsplätze an. Der Fuhrpark umfasst 34 Fahrzeuge, die – mit entsprechender Abrechnung über das Finanzamt – auch privat genutzt werden dürfen. Es gibt Fortbildungen im Gesundheitsmanagement und mit dem Tarifvertrag Öffentlicher Dienst (TvÖD) eine finanzielle Sicherheit.
Patienten statt Kunden
Die 480 Menschen, die von der Sozialstation gepflegt werden, heißen hier übrigens nicht neudeutsch Kunden, sondern weiterhin Patienten, erzählt Xaver-Decker mit einem Schmunzeln. Entsprechend werden die Pflegekräfte - allesamt Frauen - weiter „Schwestern“ genannt. Doch nicht nur sie kommen nach Hause: Seit 2015 können die sogenannten Entlastungsleistungen abgerufen werden. Unter dem Stichwort Aktivierung werden zum Beispiel ein Spaziergang oder Gedächtnistraining angeboten. „Wir dachten, das baut sich auf“, erinnert sich Xander-Decker. Aber nachgefragt wird vor allem die Haushaltshilfe. Zu deren Aufgaben gehört das Einkaufen und Kochen ebenso, wie die Reinigung der Räume, die der Patient nutzt. Inzwischen läuft etwa ein Viertel der Einsätze in diesem Bereich, für den ein Team aus 28 Personen aufgebaut wurde. Neue Arbeitsplätze wurden geschaffen. Das sei oft ein guter Wiedereinstieg für Mütter, sagt Xander-Decker.
Familiencoach betreut Angehörige
Außerdem liegt ein Fokus der Arbeit auf Demenz. Das neueste Angebot ist der Familiencoach, der die Angehörigen von Demenzkranken betreut. Die Patienten selbst können ein neues Angebot nutzen: Aus dem Tagestreff „Herbstsonne“ wurde das Tagesbegegnungszentrum St. Elisabeth. In hellen, freundlichen Räumen sollen bis zu 16 an Demenz Erkrankte den Tag verbringen können. Bisher können nur etwa 10 betreut werden. „Wir sind auf Ehrenamtliche angewiesen“, sagt Xander-Decker. Diese werden 30 Stunden geschult, später gibt es 6 Euro pro Stunde als Aufwandsentschädigung. Die Ehrenamtlichen unterstützen das feste Programm, zu dem Rätselspiele genauso gehören, wie das gemeinsame Kochen. „Damit verdienen wir kein Geld“, stellt Schardt klar. Aber: „Wir müssen als gemeinnütziger Verein unser Geld auch irgendwo einsetzen.“ Auch wenn es sonst an Mitarbeiterinnen nicht mangelt: Die größte Herausforderung sei es, das Personal „abrufbar“ zu halten, berichtet Xander-Decker. „Manchmal haben wir plötzlich 10 Patienten mehr“, zum Beispiel über Ostern, wenn die polnischen Pflegekräfte wegen des hohen katholischen Feiertags nach Hause in Urlaub fahren. „Auch ich steige dann in die weiße Hose, wenn’s klemmt“, sagt die Geschäftsführerin. Dazu kommt, dass Kliniken heute schneller und zu allen Tageszeiten entlassen. Teilweise kommen Patienten mit großen Wunden nach Hause. „In solchen Fällen müssen die erfahrenen Kräfte ran.“ Neuer Name Der Name der Sozialstation hat sich leicht geändert: Die Sozialstation Rülzheim e.V. heißt jetzt auf einstimmigen Wunsch der Jahresmitgliederversammlung „Sozialstation Rülzheim-Bellheim-Jockgrim“. Das solle zeigen, wie stark die Sozialstation in allen drei Verbandsgemeinden verwurzelt sei, sagt Schardt. Im neuen Vorstand haben seine Amtskollegen Karl Dieter Wünstel aus Jockgrim und Dieter Adam aus Bellheim die Posten der Stellvertreter übernommen.