Reportage
Soldatenwallfahrt: Unerfüllte Hoffnung auf Ende des Regens (Bildergalerie)
Leichter Nebel hängt zu dieser frühen Stunde über der Südpfalz-Kaserne. Es regnet leicht. In der hell erleuchteten Mannschaftskantine sieht man nur noch Küchenpersonal. Soldatinnen und Soldaten laufen plaudernd zur Arbeit – vorbei an den Überresten eines abgerissenen Unterkunftsgebäudes und Baggern, die den Schuttberg abtragen. Am Kompaniegebäude am Ende der Ringstraße beladen einige Rekruten, die tags zuvor in Kandel ihr Gelöbnis abgelegt haben, ihr Auto, um zur Stammeinheit zu fahren. Am Birkenkreuz neben dem Gebäude versammeln sich rund 50 Militärs, Zivilisten, Geistliche und ein Hund. Oberstabsfeldwebel Jürgen Mießeler, der Organisator, begrüßt Teilnehmer der an diesem Donnerstagmorgen beginnenden Soldatenfußwallfahrt zum Schönstattzentrum nach Herxheim persönlich mit Handschlag.
Mit den Worten „Wallfahrt heißt, ich bin woanders und dann bin ich anders. Es ist ein Weg, den man geht, und dafür erbitten wir Gottes Segen“ stimmt der Leitende Militärdekan Artur Wagner aus München die Wallfahrer auf das Kommende ein. Die Losung für die bevorstehende etwa 15 Kilometer lange Wanderung gibt Pastoralreferent Thomas Stephan aus: Hoffnung. Diese weist zum einen in Richtung Zukunft. Es gibt aber auch Hoffnung im Hinblick auf Verstorbene und was sie erwartet, weiß der ehemalige Militärseelsorger. Er berichtet von einem Trauerfall vor wenigen Tagen in der Kaserne. Hauptmann Sascha Tikwe war plötzlich zusammengebrochen und ist wenig später gestorben. An ihn wird später noch einmal im Gottesdienst in Herxheim erinnert und an die Sammlung der Soldaten für die Hinterbliebenen.
Gesangbuch und Kreuz
Zuvor wurde jedem Wallfahrer ein kleines Gesangbuch geschenkt. Nach zwei Gebeten daraus fordert Stephan zum Mitsingen auf: In dem Lied geht es um Hoffnung, Freude und Zuversicht. Beim ersten Mal sind nur wenige bei Stimme. Thomas spricht die Hoffnung und Zuversicht aus, dass es im Laufe des Tages mehr werden, die mitsingen. So viel vorweg: Seine Hoffnung und Zuversicht wurden zu seiner sichtlichen Freude nicht enttäuscht. – Ich bin woanders und bin dann anders?
Unterdessen werden auf dem improvisierten Altar kleine an Fäden befestigte Kreuze gesegnet und den Wallfahrenden je eins um den Hals gehängt. Plötzlich schießt die Erinnerung an Monty Pythons Filmklassiker „Das Leben des Brian“ durch den Kopf: „Jeder nur ein Kreuz.“ Nun geht es zum Bus. Beim Anstehen davor erzählt der Kommandeur des Luftwaffenausbildungsbataillons, Oberstleutnant Christian Zerau, dass dies seine erste Wallfahrt am Standort ist. Aber zuvor, woanders, hat er schon einmal eine mitgemacht.
Gebet zum Teil erhört
Als alle Fußwallfahrenden im Bus sind, geht die Fahrt zum Waldrand im Norden von Bellheim. Hier heißt es raus aus dem Trockenen ins Nasse. Es regnet zwar, aber längst nicht so stark wie am Vortag. Offenbar sind Mießelers Stoßgebete erhört worden. Hätte es so geregnet wie am Mittwoch, dann wäre sein Plan B gewesen, mit dem Bus nach Herxheim zu fahren. Aber das wäre nicht so schön gewesen, zumal die nächste Wallfahrt jemand anderes organisieren wird. Mießeler verlässt bald nicht nur das Luftwaffenausbildungsbataillon, sondern die Bundeswehr – Dienstzeitende.
Nun geht es zu Fuß in den Wald, angeführt von einem Fahnenträger. Nicht nur einmal steht der Weg unter Wasser, zwingt die Wandernden nach rechts und links in den Matsch. Zeit zu reden. Ein angehender Unteroffizier erzählt, dass ihn die Bundeswehr schon früh gereizt habe, auch die körperlichen Anforderungen. Andere berichten, dass es Bekannte oder Verwandte gibt, die bei der Bundeswehr arbeiten, Interesse geweckt und den Weg zur Armee gewiesen haben – obwohl manche(r) zuvor schon einen anderen Job hatte. So war es auch bei einer jungen Soldatin, die mit dem einjährigen Mischlingsrüden Jaro mitmarschiert. Unterwegs schnüffelt er neugierig an allem Möglichen, springt immer mal wieder an seinem Frauchen hoch und freut sich über Streicheleinheiten. Ziel der im Innendienst tätigen Soldatin: Sie möchte Jaro eines Tages mit ins Büro nehmen dürfen. Aber erst dann, wenn er etwas ruhiger geworden ist. Geht das bei der Bundeswehr überhaupt? Prinzipiell ja, antwortet später ein Kompaniefeldwebel. Das muss beantragt und mit den Kameraden abgestimmt werden. Das kommt immer wieder vor. Es gibt aber auch Kameraden, die nach schrecklichen Erlebnissen in einem Auslandseinsatz zu therapeutischen Zwecken einen Hund benötigen. Und manche Kameraden bringen einen Diensthund, einen Drogen- oder Minenspürhund mit.
Rast mit Einkehr
Erste Rast mit Einkehr – einer inneren – und Gesang am Bellheimer Ortsrand. Zunächst gibt es einen Imbiss, den Soldaten in einem Begleitfahrzeug aufgetischt haben: Obst, Schokoriegel und Heißgetränke – es nieselt noch. Dann versammeln sich die Wallfahrenden vor dem Kriegerdenkmal, das an die in den beiden Weltkriegen gefallenen Bellheimer erinnert. Laut Stephan wurde es 1934 auf einem 1918 von französischen Truppen gesprengten Ersten Weltkriegsbunker errichtet. Kommandeur Zerau weist in einer kurzen Ansprache auf die Besonderheit des Soldatenberufs hin. Unter anderem akzeptieren Soldaten Einschnitte in ihre Freiheit und setzen gegebenenfalls ihr Leben ein, um andere zu verteidigen. „Es ist wichtig, dass die Gesellschaft füreinander da ist und einsteht.“ Pastoralreferent Stephan reicht die mitgeführte „Kerze der Hoffnung“ weiter. Deren Träger soll zum Beispiel an ihm Nahestehende denken, an Menschen, denen es nicht gut geht, und/oder Kameraden, die im Einsatz gefallen sind.
Weiter geht es durch Wald und Regen, der nur eine kurze Pause macht, Knittelsheim und Felder auf den Gollenberg. Selbst die vielen sich drehenden Windräder schaffen es nicht, den dichten Hochnebel zu vertreiben. Hier gibt es erneut einen Imbiss und eine kurze Andacht mit Gesang.
Ukraine-Krieg
Wieder unterwegs, antwortet ein Offizier auf die Frage nach seiner Hoffnung und Zuversicht: „Dass der Krieg im Osten sich nicht weiter ausbreitet.“ Ein Unteroffizier berichtet von einem ukrainischen Soldaten, den er kennengelernt hat und der nach eigener Erzählung, zuvor in russischer Gefangenschaft, gefoltert und äußerlich verunstaltet worden war. Beim Abschied soll er gesagt haben, dass er nun in seine Heimat zurückkehrt, um zu kämpfen und zu sterben.
Bei einer letzten Andacht mit Gesang an einem Feldkreuz kurz vor Herxheim wird ans menschliche Miteinander erinnert. Denn unweit der Stelle haben zu Zeiten, als der Zugang nach Herxheim untersagt war und auch niemand raus durfte, weil dort die Pest tobte, Leute aus der Umgebung Brot niedergelegt, damit die Herxheimer nicht verhungern.
Mittagessen ist das Ziel
Weiter geht es nach Herxheim zum Schönstattzentrum, das nach etwa vier Stunden erreicht wird. Das Mittagessen, Nudeln mit Geschnetzeltem und ein Joghurt als Nachtisch wartet schon. „Unterwegs sein ist ein Bild für das ganze Leben“, sagt der Generalvikar des Bistums Speyer, Markus Magin, im anschließenden Gottesdienst in der angrenzenden Kapelle, wo die Wallfahrtskerze entzündet wird. „Ihr Ziel war heute das Mittagessen hier.“ (Kurzes Gelächter.) „Hoffnung bedeutet, ein Ziel zu erreichen.“
Hoffnung, ihre Arbeit weiter fortsetzen zu können, machte mitgelaufenen Vertretern des Kinderhospizes Sterntaler in Dudenhofen ein Scheck über 2000 Euro, der ihnen überreicht wurde. Das Geld hatten Soldaten des Luftwaffenausbildungsbataillons vor und während der Wallfahrt gespendet. Mit dem großen Kreuz der Militärseelsorge ausgezeichnet werden Mießeler und Jürgen Degen. Letzterer fertigt seit vielen Jahren die kleinen Kreuze, die den Wallfahrenden um den Hals gehängt werden. Nach dem Gottesdienst geht es am Nachmittag mit dem Bus zurück zur Kaserne.