Gegenüber
Sie singt auch mit 84 noch in höchsten Tönen
Angefangen hat alles in Rülzheim. Dort ist sie 1947, im Alter von neun Jahren, an ihrem Weißen Sonntag in den Kinderchor eingetreten. Der hat allerdings nicht regelmäßig gesungen. Offensichtlich zu wenig. Folglich trat Gertrud Hoffmann, die Tochter des früheren Bürgermeisters Robert Seither, im Alter von 14 Jahren in den katholischen Kirchenchor ein. Eine Abwechslung zum Alltag. Der bestand unter anderem darin, hin und wieder, auch wenn es von den Eltern nicht gern gesehen war, leichtere Arbeiten im elterlichen Kohlehandel zu verrichten, den mittlerweile ihr Bruder, Franz Seither, übernommen hat. Die körperlich schwere Arbeit, das Kohleschippen und -schleppen, ist für sie „als Mädel ohnedies nicht infrage gekommen“. Dafür musste sie regelmäßig „im Sommer aufs Feld – helfen“. Eine Arbeit, die ihr so gar nicht gefiel.
Ab 1960 war das auch nicht mehr nötig. Da heiratete sie nämlich ihren Mann, Franz Hoffmann, einen Steinmetz-Meister mit eigenem Betrieb in Knittelsheim: Grabmale Hoffmann. „Wir hatten nur die Grabmale“, erzählt sie sichtlich erleichtert, dass sie nicht mehr aufs Feld musste. Und im Winter, wenn draußen nicht mehr viel zu tun war, konnte sie das tun, was sie bis heute gerne macht: stricken. „Ich habe in jeder freien Minute was zu stricken angefangen.“ Zwischen 1961 und 1964 kamen die drei Kinder zur Welt, eine Tochter und zwei Söhne. Der Jüngere, Stephan, ebenfalls ein Steinmetz-Meister wie seine Vorgänger, hat inzwischen den 1898 von seinem Urgroßvater Jakob Hoffmann gegründeten Familienbetrieb übernommen.
Singen, ein Leben lang
In der Zwischenzeit hat Gertrud Hoffmann immer gesungen. „Nur Sopran, in den höchsten Tönen, aber immer noch. Ich war ennie vun denne, die immer do war“, erzählt die nun 84-Jährige lachend im Hinblick auf ihre regelmäßigen Probenbesuche. Und: „So lang ich babble kann, kann ich a singe“, erzählt die Dame, die sich bester Gesundheit erfreut. „Ich bin gut beisamme.“ Folglich ist sie nach wie vor bei jeder Chorprobe mit dabei. „Do gibt’s nix, so lange ich lebe.“ Ihr Verbundenheit zum Chor zeigte sich auch in Gertrud Hoffmanns über 20-jährigen Engagement für diese Gemeinschaft, sei es als Notenwartin, Schriftführerin oder stellvertretende Vorsitzende.
Dirigent Matthias Arnold bescheinigt Hoffmann, dass sich unter ihm „der Chor sehr verbessert“ hat. Er wird am Samstag, 24. November, für 40 Jahre Chorzugehörigkeit geehrt. Und zwar während des um 18.30 Uhr in der katholischen Kirche beginnenden Festgottesdienstes zum nachgeholten 180. Jubiläum des katholischen Kirchenchors, der dann auch singen wird. Ein besonderes Lieblingslied hat Gertrud Hoffmann keins. „Ich sing alles gern, nur keine Psalme. Aber festliche Lieder mag ich.“ Den „Tag des Herrn“ nennt sie als Beispiel.
Wohlklang begeistert
„Ich sing halt gern, und wenn die anderen mitsingen ... – der Wohlklang“, antwortet Gertrud Hoffmann auf die Frage, was sie am Singen so lange schon begeistert. Zuhause wird aber auch viel gesungen: „Ich hab nach de Kerch immer gsunge. Eine verstorbene Nachbarin hat immer gesagt, de Gertrud geht’s gut, die singt.“ Dafür, dass sie so lange singt, wird der „Domspatz“, den entsprechenden Orden erhielt Hoffmann 2009, am Samstag, wird dieser auch singen.
Neben dem Chor war Gertrud Hoffmann auch bei der Katholischen Frauengemeinschaft im Kätzeldorf engagiert, „mindestens 20 Jahre als Vorsitzende“. Gerne erinnert sie sich an zahlreiche Aktivitäten: Viele Altennachmittage wurden in Knittelsheim angeboten und Theater gespielt. „Und wir haben immer guten Kuchen gehabt. Wenn ich gesagt habe, wir brauchen was, war immer was da, ohne betteln zu müssen“, verweist sie sich stolz auf ihre engagierten Mitstreiterinnen. „Das ist jetzt alles vorbei.“ Sie hat sich zurückgezogen. Aber sie singt ja noch und strickt nach wie vor leidenschaftlich gern.
Immer noch viel auf Achse
Hatte sie bei so viel Einsatz früher noch Zeit für andere Hobbys? „Wir haben oft Radtouren gemacht.“ Viel auf Achse ist Gertrud Hoffmann aber auch heute noch. „Ich bin drei, vier Mal in de Woch fort.“