Kreis Germersheim Schüler ziehen mit Transparenten durch Kandel
«Kandel.» Die Jahre um 1968 waren nicht nur in den Universitätsstädten unruhig. Auch in Kleinstädten waren die Jugendlichen nicht mehr bereit, alles hinzu nehmen. In Kandel richtete sich der Protest gegen eine Entscheidung der Schulbehörde.
Klassen- oder Jahrgangstreffen dienen in aller Regel dem Austausch von Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse in der Schule. „Weißt du noch….?“ wird da häufig gefragt, und dann sprudelt es aus den in die Jahre gekommenen Teenagern von einst geradezu heraus. So ähnlich war es auch bei einem Treffen zweier Klassen der Kandeler Realschule. Dabei handelte es sich um den zweiten Jahrgang der Schule, die 1962 gegründet worden war. Sie besuchten die Realschule im Aufbau von 1963 an bis zum Sommer 1968. Die beiden Kurzschuljahre, die dazwischen lagen, weil der Schuljahresbeginn vom Ende der Osterferien auf den ersten Tag nach den Sommerferien verlegt worden war, hatten die Klassen jedenfalls zumindest nach eigener Überzeugung noch ganz gut verkraftet. Nun, nachdem man schon fast 50 Jahre aus der Schule war, wurde die Idee zu einem Klassentreffen geboren und auch umgesetzt. Zufällig bei einem Umzug wieder aufgetauchte Fotos beflügelten diese Idee. Tatkräftig unterstützt wurden die Initiatoren dabei durch die heutige Rektorin der Realschule, Cornelia Geisser, die bei der Suche nach den Absolventen behilflich war und die auch zu einem kleinen Empfang in die Schule einlud. Bei einem Rundgang zeigten sich die Ehemaligen angenehm überrascht über die moderne Ausstattung der Schule. 1963 hatte es noch an vielem gefehlt. Vor allem gab es kein eigenes Schulhaus. Unterrichtet wurden die beiden Klassen zunächst in der früheren Landwirtschaftsschule, dann im Jugendheim am Schwanenweiher und in einem Vereinsheim an der Badeallee, ehe man schließlich für die letzten Jahre in den Neubau an der Jahnstraße einziehen „durfte“. Dies alles, auch das Fehlen einer Sporthalle in den Anfangsjahren, hatte man ganz gut verschmerzen können. Auch die langen Wege quer durch die Stadt zum Bienwaldstadion, über das damals ein gar gestrenger Hausmeister wachte, waren für viele eher eine willkommene Abwechslung. Man war ja von den eigenen und damals noch konfessionell gebundenen Volksschulen in den Dörfern rund um Kandel nicht gerade verwöhnt. Und bei „Getränke Hartmeyer“ gab es sogar Erfrischendes! Aber dann, es war ganz kurz nach Beginn „ihres“ letzten Schuljahres, im September 1967, machte eine Nachricht die Runde, die das Fass zum Überlaufen bringen sollte. Nicht genug, dass man in den Anfangsjahren der neuen Schule so einige besonderen Umstände hinnehmen musste, jetzt sollte auch noch ein Lehrer versetzt werden. Und zwar einer, der Englisch und Chemie unterrichtete, und den man aus vielerlei Gründen besonders schätzte. Der streng, aber auch gerecht war und bei dem, da war man sich noch beim Klassentreffen nach 50 Jahren im Hotel „Zur Pfalz“ einig, „man etwas gelernt hat“. Lehrer Lösch sollte schon zum 1. Oktober von Kandel weg abgeordnet werden, also zwei Monate nach Beginn des letzten Schuljahres, in dem es ja schließlich um das Abschlusszeugnis ging! So einfach auf den beliebten Lehrer Helmut Lösch verzichten, das wollte man nicht einfach hinnehmen. Und so entstand im September 1967 die Idee zu einem „Schulstreik“. Sie fand immer mehr Anhänger, zumindest bei den Schülern. Heimlich wurden Plakate gestaltet, die man beim Schulstreik mit sich führen wollte. „Schulstreik – Aufruf: Lasst uns unseren Chemielehrer“ hieß es auf einem oder „Chemieunterricht ohne Lösch ist wie Suppe ohne Salz“. Und ausgestattet mit diesen Plakaten begann dann an einem Samstag der „Schulstreik“, der sich schließlich zu einem „unangemeldeten“ Demonstrationszug quer durch Kandel bis zum Marktplatz ausweiten sollte. Die Reaktionen der Behörden ließen aber nicht lange auf sich warten. Denn auch Kandels Bürgermeister Oskar Böhm (SPD), ansonsten stets bestens informiert, war völlig überrascht! Konrektor Werner Laubscher, der später lange Zeit auch Schulleiter war und als Künstler mehrere Preise gewann, musste die „Demonstranten“ wieder erreichen, sprach von einem „geordneten Demonstrationszug“ und führte diesen zur Schule zurück. Hier gab es dann zur Überraschung der Beteiligten, kein „Donnerwetter“, wie man es befürchtet hatte. Es herrschte vielmehr Verständnis für die Reaktionen der Schüler, wie die RHEINPFALZ damals schrieb. Sie seien „aufgeworfenen Gefühlen“ entsprungen. Geteilt war die Meinung der Eltern. Nicht wenige zeigten sich „stolz auf die mutige Reaktion unserer Kinder“, so die RHEINPFALZ in einem Bericht über eine Elternversammlung. Auch der Elternbeirat unter der Leitung seines Vorsitzenden Alfred Finck unterstützte die Schüler und deren Wunsch, den Lehrer Lösch erst am Ende des Schuljahres zu versetzen. Und auch der betroffene Lehrer selbst, er leitete übrigens später bis zu seiner Pensionierung die Konrad-Adenauer-Realschule in Landau und ist zwischenzeitlich ebenso verstorben wie Werner Laubscher und der damalige Schulleiter Kurt Schroth, wollte eigentlich keine endgültige Versetzung von Kandel weg. Doch alles war vergebens, schließlich mochte die damalige Bezirksregierung „dem Druck der Straße nicht weichen“, Lehrer Lösch wurde nach Herxheim versetzt. An den Schulstreik erinnern sich die Ehemaligen aber noch immer, und bei ihrem ersten Klassentreffen überhaupt tauschte man rege Bilder und Zeitungsausschnitte aus, die an das Geschehen vor mehr als 50 Jahren erinnern. Man, auch der Autor dieser Zeilen gehörte zu dieser Klasse, fühlte sich zurück versetzt in diese schon bewegte Zeit. Mit friedlichen Mitteln für eine Sache zu kämpfen, das hatten die Realschulschüler bei dieser Aktion ganz bestimmt gelernt. Die beiden ausgefallenen Unterrichtsstunden mussten sie aber nachholen. Darauf hatte die Schulbehörde bestanden.