Kreis Germersheim
Rülzheim: Tischkicker darf im Jugendtreff nicht fehlen
Abgerockte Sofas und Ghettoblaster waren einmal. Der Jugendtreff in Rülzheim ist modern eingerichtet, mit schwarzen Sitzkissen, einer neuen Küche, einem Zockerraum. Musik kommt über Lautsprecher aus dem Smartphone. „Man muss heute mehr anbieten als vor 30 Jahren“, sagt Markus Schwall, Jugendpfleger der Verbandsgemeinde. Aber manche Dinge ändern sich nicht.
30 Jahre ist Schwall zwar noch nicht im Beruf. Aber lange genug, um zu wissen, dass sich die Bedürfnisse der jungen Leute ständig ändern. „Jugendpflege ist immer im Wandel“, schickt der 42-Jährige dem Gespräch voraus. Seit 2005 ist der Diplom-Pädagoge Jugendpfleger in der VG Rülzheim. Es war sein erster Einsatzort nach dem Studium. Damals gab es Treffs in drei Orten. Momentan sind nur Hördt und Rülzheim offen. In Leimersheim wird seit mehreren Jahren das ehemalige Gebäude des Kraftsportclubs renoviert. „Der Jugendtreff soll im Spätjahr öffnen“, sagt Schwall. Die Gemeinde Kuhardt sei „aktiv auf Raumsuche“.
Der Rülzheimer Jugendtreff ist vor einem Jahr ins frühere Malteser-Gebäude eingezogen. Ein paar „klassische analoge Dinge“ dürfen in den neuen Räumen nicht fehlen: Tischkicker, Billard, Dart. Genauso selbstverständlich ist heutzutage WLan-Zugang. Fifa und Fortnite sind Favoriten auf der Playstation. Die Spielekonsole steht in einem separaten Raum. „Die Tür kann man zumachen“, verweist Schwall auf Jugendschutz und Altersfreigaben. Spiele ab 18 gibt es gar nicht.
Probleme in der Schule, Stress mit den Eltern
Im Schnitt sind 20 bis 25 Leute, zwölf Jahre und älter, im Rülzheimer Jugendtreff. „Es zählt nicht die Zahl, sondern die qualitative Arbeit“, sagt Markus Schwall. Denn ein Jugendpfleger ist längst nicht nur der coole junggebliebene Typ, der mit den Kids abhängt. Er ist Ansprechpartner für alle Themen, die Teenager beschäftigen: Probleme in der Schule, Stress mit Eltern oder der Freundin, auch politische Fragen. Viele Gespräche seien „präventiv nicht messbar“. Bei existenzielleren Problemen, etwa mit Drogen oder Bewerbungen, sei der Jugendpfleger Netzwerker, der professionelle Hilfe vermittelt.
Viele Jugendliche suchen einfach einen Rückzugsort, wo sie chillen und unter sich sein können. Das war schon immer so. „Wir erreichen vor allem Jugendliche, die nicht in Vereinen engagiert sind“, erzählt Schwall. Auch Gymnasiasten, die viel mit der Schule beschäftigt sind, gehören nicht zu den Stammbesuchern im Jugendtreff. Ihnen fehle einfach die Zeit. Sie erreichen Schwall und sein Kollege Dominik Schillinger – der 28-Jährige ist seit den Sommerferien mit am Start – bei den Ferienangeboten.
Jugendliche werden unselbstständiger
„Es ist schon manchmal Überforderung zu spüren“, meint Schwall über den gesellschaftlichen Druck, dem Kinder zunehmend ausgesetzt sind. „Was auffällt: Die Jugendlichen sind unselbstständiger geworden“, berichtet der 42-Jährige. Ein Beispiel: Vor einigen Jahren hatte er eine Gruppe, die selbst den Treff verwalten wollte, einen Schlüssel bekam. Das sei eine Zeit lang gut gegangen. Heutzutage werde Eigenverantwortung kaum noch eingefordert. Unverbindlichkeit sei ein weiteres Schlagwort: Besondere Angebote, etwa gemeinsam kochen und essen – nach wie vor ein Renner im Treff –, könne er nur kurzfristig planen.
Outdoor-Aktionen als Ausgleich zum Zocken
In Hördt besuchen derzeit vor allem jüngere Schüler bis 14 den Treff im alten Raiffeisen-Lager. Einen eigenen Kids-Club für Sieben- bis Elfjährige „können wir von der Manpower her nicht anbieten“, sagt Schwall. Die beiden Jugendpfleger, die sich eine Stelle teilen, werden von Honorarkräften unterstützt, zum Teil Studenten mit pädagogischem Hintergrund. Ohne sie wären die Öffnungszeiten nicht zu stemmen, denn die Jugendpfleger kümmern sich auch um Verwaltungsaufgaben, gehen zu Fortbildungen und Netzwerktreffen. Auch Elternabende – etwa über Neue Medien – werden angeboten. Die sind dann meist in Hördt, da gibt es eine große Leinwand, vor der man sich in alte Kinosessel zurücklehnen kann.
Von Juni bis September bleiben die Jugendtreffs zu. Dann bieten Schwall und Schillinger Outdoor-Aktionen an – Klettern, Stand-Up-Paddeln, Geocaching oder Wasserski. „Die Erlebnispädagogik ist ein Ausgleich zum digitalen Angebot“, meint der Jugendpfleger. In den Ferien sind die Angebote auf verschiedenen Altersgruppen angepasst.
Zur Sache
Markus Schwall (42) und Dominik Schillinger (28) teilen sich eine Stelle als Jugendpfleger. Die Personalkosten übernehmen je zur Hälfte die Verbandsgemeinde und der Landkreis.
Öffnungszeiten Rülzheim, Eisenbahnstraße 32: Montag, 18 bis 20 Uhr, Dienstag, 17 bis 20 Uhr, und Mittwoch, 16 bis 20 Uhr. Der Kids-Club ist montags, 16.30 bis 18 Uhr, offen.
Öffnungszeiten Jugendtreff Hördt, Schulzenstraße 19: Dienstag und Donnerstag, 17 bis 20 Uhr.
Kontakt E-Mail: m.schwall@ruelzheim.de und d.schillinger@ruelzheim.de. Internet: www.jugendpflege-ruelzheim.de. Auf der Internetseite sind auch die Anmeldungen für Angebote in den Winter- und Sommerferien möglich. Auf Facebook: Jugendpflege Rülzheim
Die Serie
Was ist in den Jugendtreffs im Landkreis los? In loser Folge berichtet die GERMERSHEIMER RUNDSCHAU über Angebote und Bedürfnisse der Jugendlichen in den einzelnen Verbandsgemeinden.