Büchelberg
Nach Kämpfen um die Rheinbrücke Büchelberg fast komplett zerstört
Darauf hingewiesen hat in einem Gespräch mit der RHEINPFALZ jetzt der Büchelberger Julius Niederer. Er möchte, dass „es nicht vergessen wird“, wie sein Heimatdorf in den letzten Kriegstagen zu leiden hatte und der heutigen Jugend zugleich zeigen, welche große Aufbauleistung nach Kriegsende von den Frauen und Männern erbracht wurde. Sein Interesse an der Ortsgeschichte dokumentiert auch der von ihm erstellte Bildband „Büchelberg – Der Bienwald und seine Randgemeinden von 1930 bis 1960“, 2011 vom Kulturkreis herausgegeben. Darin finden sich mehr als 600 Fotografien, die Niederer in Militärarchiven in Paris, Freiburg, Koblenz, Luxemburg und Tunesien gesammelt hat. Schon 1993 hatte er eine Aufsehen erregende Tour in die damals gerade unabhängig gewordene Ukraine unternommen, um das Grab seines Vaters, der als Soldat im Jahre 1943 gefallen war, aufzusuchen.
Heftige Kämpfe um die Rheinbrücke
Im oben erwähnten Bildband kommen auch Augenzeugen zu Wort, auf deren Schilderung wir zurückgreifen können. Demnach überschritten am 19. März 1945 die französischen Truppen unter Führung der Generäle de Lattre und Monsabert die Lauter bei Scheibenhardt. Ihr Auftrag lautete, durch den Bienwald die befestigte Westwall-Linie zu durchstoßen und die Rheinbrücke bei Maximiliansau zu besetzen. Doch hier regte sich heftiger Widerstand. Man setzte schwere Artillerie ein, schließlich ergriffen die deutschen Verteidiger die Flucht über den Rhein.
Front nähert sich schon im Dezember
Schon im Dezember 1944 hatte man in Büchelberg die immer näher kommende Front gehört, einzelne Granaten schlugen im Dorf ein, mit Ida Brossart war ein erstes Todesopfer zu beklagen. Sie traf ein Splitter im Pfarrgässel. Immer größer wurde die Zahl der als „gefallen“ gemeldeten Soldaten. Eine zweite Evakuierung von Büchelberg war nicht zu vermeiden. Diese erfolgte aber nicht so organisiert wie 1939, nach Kriegsbeginn, als die Fahrt nach Mainfranken noch von Militär und dem Roten Kreuz betreut worden war.
„Rette sich, wer kann!“
Mitte Dezember 1944 hieß es nur: „Rette sich, wer kann!“ Frauen, alte Männer und Kinder packten schleunigst ihre Habseligkeiten und verließen mit Kuh- und Pferdefuhrwerken Büchelberg. Schweres Granatfeuer lag über dem Dorf, sie wurden beschossen auch auf dem Weg Richtung Kandel. Wohin die Reise gehen sollte, war den meisten nicht klar. Nur schnell fort von der nachrückenden Front! Ersten Übernachtungen in Kandel und Hatzenbühl folgten Einweisungen in Rülzheim, Kuhardt (so auch Julius Niederer mit Mutter und Geschwistern) oder in Hördt. Das Notwendigste war eingepackt, man war wieder auf der Flucht und kam sich, Weihnachten stand vor der Tür, vor wie einst Maria und Josef bei der Herbergssuche.
Durch Granateinschläge schwer beschädigt
Währenddessen wurde das verlassene Büchelberg durch Granateinschläge schwer beschädigt. Eine Bombardierung, wie sie viele Dörfer und Städte erlebten, war nicht erforderlich, um das kleine Bienwalddorf an der vordersten Front zu zerstören; schwere Artillerie genügte für diesen Zweck. Die französischen Kolonialtruppen besetzten das Dorf und zündeten an, was noch nicht kaputt war.
Dritte Evakuierung in sechs Jahren
Eine weitere Evakuierung, die dritte innerhalb von sechs Jahren, wurde durch die französische Militärregierung am 5. Mai 1945 angeordnet. Alle Dörfer, die in einer Zone von fünf Kilometern entlang der Grenze lagen, mussten sofort geräumt werden. Man wollte eine „Freizone“ schaffen. Betroffen auch diesmal: Büchelberg. Mehr als 300 Menschen des schwer zerstörten Dorfes fanden damals in Minfeld „gastliche Aufnahme“, andere in Kandel und Hagenbach, wie Zeitzeugen berichten. Anfang Juni war es dann aber vorbei. Alle Grenzbewohner durften wieder in ihre Heimatgemeinden zurück.
148 Häuser total beschädigt
Es gab viel zu tun! Die Zerstörung des Bienwalddorfes wurde schon im November 1945 von einem Architekten namens August Kehl für das Landratsamt dokumentiert. Danach waren 148 Häuser, Schuppen und Scheunen „total beschädigt“, 47 Gebäude waren „beschädigt“ und 23 „nur leicht in Mitleidenschaft“ gezogen. Auch das Schulhaus und das Rathaus sowie das Pfarrhaus zählten zu den Häusern, die „total beschädigt“ waren. Nur drei Häuser, so berichtet Julius Niederer, hätten den Krieg fast ohne Schäden überstanden. Waren vor dem Zweiten Weltkrieg in Büchelberg etwa 80 Prozent aller Gebäude Fachwerkhäuser, findet man heute nur noch wenige. Die allermeisten wurden zerstört.
Schlimmste Befürchtungen übertroffen
Die Büchelberger Flüchtlinge zog es Ende März/Anfang April 1945 wieder in ihr Dorf zurück. Die schlimmsten Befürchtungen seien übertroffen worden. Manche Mutter, deren Mann im Krieg bereits gefallen war, musste mit ihren Kindern schauen, wo sie bleibt. Auch das Elternhaus von Julius Niederer in der Laurentiusstraße war kaputt. Trotz großer Wohnungsnot aber gaben die Büchelberger nicht auf, erinnert sich Niederer. „Die Menschen waren gezwungen, sich selbst zu helfen, denn auf Hilfe von außen konnte man in dieser Situation nicht warten“, berichtet er.
Militärbaracken aufgebaut
Ehemalige Militärbaracken wurden in Hagenbach abgebaut und nach Büchelberg gebracht. An Strom und Wasser war anfangs noch nicht zu denken. Schrittweise erst, von 1946 bis 1952, wurde das Dorf wieder aufgebaut. Unter der umsichtigen Leitung des damaligen Bürgermeisters Ludwig Nicola habe man bis 1953 auch Schule, Rat- und Pfarrhaus wieder aufgebaut. Schon 1950 wurde eine Wasserleitung verlegt und mit dem Wasserturm betriebsbereit gemacht.
Spuren längst verwischt
Auf die Schrecken der Kriegs- und Nachkriegszeit in der Pfalz verweist Johannes Nosbüsch mit seinem Buch „Damit es nicht vergessen wird“. Julius Niederer will jetzt, 75 Jahre nach der „Stunde Null“ für sein Heimatdorf, daran erinnern, dass der Krieg nicht nur weit weg von der Heimat stattgefunden hat, sondern auch seine Opfer in den Dörfern verlangte, bei der Zivilbevölkerung. Die Spuren des Krieges sind in Büchelberger Ortsbild längst verwischt, die Gegenwart verdeckt zwar die Vergangenheit, aber die Erinnerung an dessen Schrecken wird bleiben.