Kreis Germersheim Mit dem Rad unterwegs: „Das Schöne ist die Stille“
Fast täglich fährt Thomas Schuler von Germersheim nach Wörth und wieder zurück - das sind 52 Kilometer - mit dem Fahrrad: Respekt
Die Frontscheiben der geparkten Autos am Straßenrand sind mit einer Eisschicht überzogen. Der Rhein fließt als dunkler Strom gemächlich in seinem Bett, am wolkenlosen Himmel funkeln Sterne. Es ist 5.18 Uhr und saukalt. Der ausgestoßene Atem bildet kleine Wölkchen, durch die wir hindurchradeln. Heute begleite ich Thomas Schuler auf seinem Weg von Germersheim nach Wörth zu seinem Arbeitsplatz. Knapp 26 Kilometer liegen vor uns. „Ich mache das aus zwei Gründen“, sagt der 51-Jährige, tritt dabei in die Pedale, die sich irgendwie viel schneller als bei mir bewegen. „Einerseits wegen der Umwelt, ich verpeste nicht unnötig die Luft, und andererseits, damit ich fit bleibe.“ Während wir nebeneinander herfahren, plaudert der Germersheimer immer weiter. Außer Atem kommt er dabei nicht. Als er dann nach etwa 15 Minuten sagt: „Heute brauche ich wohl das erste Mal nicht duschen“, verstehe ich, dass wir für seine Verhältnisse wohl sehr langsam unterwegs sind. „Normalerweise fahre ich die Strecke zwischen 37 und 45 Minuten – je nach Jahreszeit und Witterung. Gegenwind macht schon ein paar Minuten aus. Und im Sommer nehme ich das Rennrad, das ist schon ein Unterschied. Jetzt habe ich mein Fitness-Bike, mit den ’4-Season-Reifen’ (Ganzjahresreifen)“, sagt der Leiter des Wörther Bauhofs. Dabei gehen seine Beine wie ein gut geöltes Uhrwerk auf und ab in einem Höllentempo. „Ich kann ohne Probleme eine Frequenz von 100 Tritten pro Minute fahren. Das ist für Rennradfahrer üblich“, sagt Thomas Schuler, der mit Helm, langen Radhosen und Radjacke nur noch wie ein solcher angezogen ist.
Wie alles anfing
Die Lichtkegel der beiden Fahrradlampen durchschneiden das Dunkel des Bermenweges. Kurz hinter dem Sondernheimer Schleusenhaus huschen zwei Hasen vom Deich herunter, durchkreuzen das Licht und verschwinden in der Dunkelheit des Hördter Auwaldes. Eine Rehkuh macht es den beiden nach. „Man nimmt die Jahreszeiten ganz anders wahr“, grübelt der passionierte Ausdauersportler, der seit rund 28 Jahren mit dem Fahrrad zu seinen Arbeitsstellen fährt. Bis vor einem Jahr war das der Beregnungsverband Vorderpfalz in Dannstadt. Etwa 33 Kilometer sind das. „Das Schöne ist die Stille, normalerweise hört man gar nichts, außer Tiere“, erzählt der 51-Jährige weiter. Im Frühjahr und Sommer höre man früh morgens ein Vogelkonzert aus vielen Hundert Kehlen. Im Winter sei es ganz ruhig. Schweigend fahren wir für ein paar Minuten nebeneinander her. „Es gibt noch einen dritten Grund, warum ich das täglich mache“, sagt Schuler und lacht dabei: „Ich esse gerne. Seit mehr als 20 Jahren halte ich so mein Gewicht. Wenn ich an eine gewisse Grenze komme, dann esse ich weniger.“ Angefangen habe alles mit dem Training für Triathlon. Um sein sportliches Ziel zu erreichen, habe er seine Trainingseinheiten in den Tagesablauf integrieren müssen. Und so fuhr er halt mit dem Fahrrad zur Arbeit. „Es war früher natürlich auch eine Kostenersparnis“, sagt er heute. Auch heftige Erkältungen hat der Radfahrer seit vielen Jahren nur sehr selten.
Zeit, über Dinge nachzudenken
Inzwischen ist Viertel vor Sechs und wir überqueren bei Leimersheim die Rheinstraße, die zur Fähre führt. Kein Auto oder eine weitere Menschenseele scheint unterwegs zu sein. Während der Lichtkegel des Fahrrades von Thomas Schuler strikt gerade nach vorne zeigt, wackelt meiner inzwischen etwas hin und her. Ermüdungserscheinungen. Trotz des Tempos zieht Kälte am leicht feuchten Rücken hoch. Die gewählte Kleidung ist vielleicht doch nicht optimal für die „Radtour“ am frühen Morgen. Wenige Minuten nach dem Fischmal drehe ich um, die Hälfte der Strecke ist zurückgelegt. Schon nach wenigen Sekunden ist von dem 51-Jährigen nur noch ein rotes Licht zu erkennen. „Vielleicht muss er jetzt doch noch duschen“, denke ich, lächle in mich hinein und trete in die Pedale. Stille. Nur der Fahrtwind ist an den Ohren zu hören. Beim Passieren des Deichwachthäuschens bei Leimersheim wird auf einmal das Kettengeräusch von der Holzwand zurückgeworfen. Danach wieder Stille. Man hat genügend Zeit über Dinge nachzudenken, die einem im Kopf herumschwirren. Und das, ohne jemanden zu gefährden. Wer kennt nicht die Blindfahrten mit dem Auto, bei denen man nicht mehr weiß, wie bin ich jetzt hierhergekommen.
Füße werden langsam taub
Auf einmal taucht in der Entfernung ein Licht auf, das schnell näher kommt. Ein weiterer „Radprofi“ auf dem Weg zur Arbeit. Die Kleidung ist mit Leuchtstreifen versehen, das Gesicht unter dem Helm fast nicht zu erkennen, auf dem Rücken ein gummierter Rucksack. „Morgen“, der kurze Gruß, schon sind wir aneinander vorbei. Meine Füße werden langsam taub, die Kälte macht sich jetzt nicht nur am Rücken, sondern auch an den Zehen bemerkbar. „Warum muss ich jetzt an Reinhold Messner denken“, frage ich mich selbst. Über den Baumwipfeln schimmert es Rot mit gelben Spuren. Das muss Sondernheim und das Spanplattenwerk von Nolte sein. Zischend tritt Luft aus einem Ventil, als ich das Werk wenige Minuten später passiere. Kurz nach 6.30 Uhr bin ich Zuhause. Fünf Minuten dauert es, bis die weißen Zehen in der heißen Badewanne wieder Farbe annehmen. Später in der Redaktion ruft Thomas Schuler an: „Ich wollte nur wissen, ob du gut heimgekommen bist.“ „Ja, der Rückweg war aber langsamer als der Hinweg“, sage ich. Als ich von den kalten Zehen erzähle, sagt er: „Das habe ich auch manchmal.“ Für den Winter habe er sich aus dem Grund spezielle Radfahrschuhe gekauft, die auch wasserdicht sind. Und ab minus 8 Grad oder bei starkem Regen fahre er mit dem Auto. Ansonsten wie immer mit dem Rad zur Arbeit.