Kreis Germersheim Kraftwerk für die Region

Wolfgang Palm dürfte gerne Herr im eigenen Haus sein. Schließlich leitet er ein Familienunternehmen in der vierten Generation und freut sich, dass mit einer Tochter die Nachfolgerin bereitsteht. Aber im Wörther Stadtrat wirkte der Mann, der sich gerne zurücknimmt, beinahe etwas stolz darauf, dass das beim Kraftwerk seiner Wörther Papierfabrik bald etwas anders ist. Dort wird nämlich eine extrem flexible Gasturbine eingebaut. Mit ihr soll das Werk auf Schwankungen im Stromnetz reagieren. Genaue Zahlen zur Turbine kann Palm nicht nennen: Sie wird erst im Herbst auf den Markt gebracht, Palm ist bis dahin zur Verschwiegenheit verpflichtet. Kraftwerk ist „systemrelevant“ Neu ist auch, dass der Betreiber des Stromnetzes Zugriff auf die Anlage hat. „Uns wurde erklärt, wir seien systemrelevant“, so Palm. Der Grund: Der hohe Anteil des Stroms aus Windkraft- und Solaranlagen. Die neuen Stromquellen diktieren nämlich dem Stromnetz neue Gesetze. Ihre Energie steht nicht dann zur Verfügung, wann der Mensch sie will, sondern dann, wann die Natur es möglich macht. Das hat zur Folge, dass zeitweise zu wenig Strom im Netz ist: Dann kann der Netzbetreiber im äußersten Fall sogar entscheiden, dass die Papierfabrik die Produktion einstellt und der ganze Strom ins Netz fließt. Schon im Normalbetrieb könne das Betriebskraftwerk genug Strom produzieren, um auch noch die Stadt Wörth und die Nachbargemeinden zu versorgen, so Palm. Aber es gibt auch den umgekehrten Fall: Die Sonne scheint, der Wind weht – an einem Feiertag. Dann werden die Netze mit Energie überschwemmt. Da der Strom irgendwo hin muss, kommt eine Papierfabrik den Netzbetreibern gerade recht: Denn die läuft recht zuverlässig 365 Tage im Jahr rund um die Uhr und saugt dann überschüssige Energie aus dem Netz; das Kraftwerk wird heruntergefahren. Auch ökonomische Vorteile Palm betont, dass sein Unternehmen mit dem neuen Kraftwerk einen Beitrag zur Energiewende leiste. Er gesteht aber auch ohne Nachfrage ein, dass die hohe Flexibilität auch ökonomische Vorteile hat: Auf dem Strommarkt schwanken die Preise im Viertelstundentakt. Wenn das Angebot zu hoch ist, bekommen Großabnehmer sogar noch Geld dafür, dass sie Strom aus dem Netz ziehen. Sein Familienunternehmen brauche solche technologische Vorsprünge, um sich in der Konkurrenz mit Konzernen behaupten zu können, sagt Palm. Wenn er davon spricht, „eine Nasenlänge voraus“ zu sein, muss aber klar sein, dass Palm nicht nur in Wörth 2002 die weltgrößte Papiermaschine mit einer Jahreskapazität von 650.000 Tonnen zur Herstellung von Wellpappenrohpapier in Betrieb genommen hat. 2009 kam noch die weltweit größte Papiermaschine für Zeitungsdruckpapier in King`s Lynn, Großbritannien, dazu (Jahreskapazität 400.000 Tonnen). Über 100 Millionen Euro Investieren will Palm in Wörth in den nächsten drei Jahren über 100 Millionen Euro. Der Großteil wird für die Erweiterung des Kraftwerks ausgegeben. Neben der neuen Gasturbine bekommt das Kraftwerk einem zweiten Wirbelschichtkessel direkt neben dem bestehenden. Damit wird die Reststoffverwertung ausgebaut. Verbrannt werden die Reste, die bei der maschinellen Sortierung des Altpapiers übrig bleiben (Kunststoffe, Styropor, nassfeste Verpackungen, Klebebänder, Heftklammern). Der neue Kessel kommt komplett ohne fossile Energieträger aus; im alten Kessel muss noch mittels Erdgas das Feuer in Gang in gehalten werden. Daneben plant Palm in Wörth auch einige Verbesserungen an der Papiermaschine. Mit deren finnischen Hersteller hat Palm einen Forschungsverbund gegründet, um auch hier technologisch die Nasenspitze vorne zu behalten. Jetzt erhält die Maschine eine neue Presspartie. In ihr wird durch Druck Wasser aus der Papiermasse entfernt. Ihr vorgelagert ist die Siebpartie. Auf die Presspartie folgt die Trockenpartie, in der das Papier erwärmt wird – über Walzen, die mit Dampf aus dem werkseigenen Kraftwerk beheizt werden. 50.000 Tonnen jährlich mehr In einigen Jahren wird der Ausstoß der Wörther Papiermaschine nochmals beträchtlich steigen, kündigte Palm an. Und zwar als Folge von massiven Investitionen am Stammsitz in Aalen. Dort baut Palm für 500 Millionen Euro eine neue Papierfabrik. Eine Schwestermaschine der Wörther Maschine soll drei ältere Anlagen ersetzen. Danach könne die Zahl der Papiersorten, die in Wörth produziert wird, halbiert werden, so Palm. Weniger Wechsel bedeuten eine höhere Produktionskapazität. 50.000 Tonnen Papier können dann jährlich mehr in Wörth produziert werden (plus 7,7 Prozent). 10 Prozent über Tarif Die Position der Palm-Gruppe als zweitgrößter Hersteller von Wellpappe in Deutschland dürfte sich damit weiter festigen. „Mir wird immer wieder gesagt, mit 4000 Mitarbeitern sind wir eigentlich kein Mittelständler mehr“, sagt Palm. „Aber wichtig ist, mit welchen Werten man sein Geschäft entwickelt.“ Bei Übernahmen beispielsweise behalten die Firmen ihre Namen, ihre Mitarbeiter und ihr Management. „Wir stülpen denen nicht unsere Corporate Identity über“, sagt Palm. Dazu gehöre auch „ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu unseren Betriebsräten“, so Palm: „Es ist üblich, dass wir uns gegenseitig weitgehend entgegenkommen.“ Die Gehälter bei Palm liegen etwa 10 Prozent über Tarif.