Kreis Germersheim König Max I. Joseph bestimmte Germersheim zum Hauptort

Der Landkreis Germersheim kann in diesem Jahr auf eine 200-jährige Geschichte zurückblicken. Zur Vergangenheit des Landkreises gehört untrennbar auch, dass die Stadt Germersheim seit zwei Jahrhunderten namengebende Sitzgemeinde der heutigen Kreisverwaltung und ihrer Vorgängerbehörden ist.
Die entsprechende Weichenstellung nahm bereits der bayerische König Max I. Joseph bei Gründung der Landkommissariate in der Pfalz im Jahr 1818 vor, indem er Germersheim zum Hauptort des gleichnamigen Landkommissariats bestimmte. Das dazu gehörige Gebiet umfasste dabei die beiden bereits während der „Franzosenzeit“ in den späten 1790er Jahren nach französischem Vorbild geschaffenen Kantone (Verwaltungseinheiten) Germersheim und Kandel. Zu diesem Zeitpunkt war Germersheim auf den Status eines unbedeutenden, knapp 2000 Seelen zählenden Landstädtchens abgesunken. Lange vorbei waren da die Zeiten als Zentralort eines kurpfälzischen Amtes und späteren Oberamtes, dem man im 14. Jahrhundert ebenfalls schon den Namen der Stadt am Rhein gegeben hatte. Eine Epoche, die weit über 400 Jahre vom 14. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts angedauert und für Germersheim einen beachtlichen Bedeutungsgewinn mit sich gebracht hatte: Eine Reihe kurpfälzischer Behörden und Bediensteter wurde in der Folgezeit in Germersheim installiert. Man vereinnahmte und verwaltete nicht nur die Einkünfte des in Heidelberg und später in Mannheim residierenden Kurfürsten, sondern befasste sich auch mit der allgemeinen Verwaltung des weit verzweigten Oberamtes, der Rechtspflege und Rechtsprechung etc. Diese für die Stadt bedeutende Epoche der Kontinuität und Stabilität endete in den 1790er Jahren, mit dem Erscheinen französischer Revolutionstruppen abrupt, die ab 1792 das Gedankengut der Revolution auch in den Nachbarstaaten verbreiteten. An die Stelle der geflohenen oder ausgewiesenen kurpfälzischen Beamten rückte eine neue geistig-politische wie auch administrative Elite, die nun wichtige Funktionen in den neu geschaffenen Verwaltungsbehörden und Institutionen (wie z. B. dem Friedensgericht oder dem Notariat) besetzte. Am Ende der napoleonischen Ära und damit auch der Zugehörigkeit zu Frankreich, blieben viele der in der Zeit des „Departements Donnersberg“ nach Germersheim gekommenen Funktionäre am Ort. Auch Franzosen, die in den Jahren zuvor als Bedienstete der französischen Forst- und Zollverwaltung in die Pfalz versetzt worden waren, blieben nach dem Ende der Zugehörigkeit zum „Departement Donnersberg“ in Germersheim, weil sie beispielsweise in den Jahren zuvor hier geheiratet und Familien gegründet hatten oder auf andere Weise dauerhaft sesshaft geworden waren. Mit der königlichen Verfügung, Germersheim zum Hauptort des gleichnamigen Landkommissariates zu machen, wurde im Jahr 1818 nicht nur an die in vergangenen Jahrhunderten erlangte Bedeutung wieder angeknüpft, sondern die Stadt selbst erfuhr dadurch eine Aufwertung, dass der erste Landkommissär Peter Anton Müller und seine wenigen Mitarbeiter am 1. April 1818 in dafür angemieteten Räumen in der Marktstraße ihren Dienst als Verwaltungsbehörde des Landkommissariates aufnahmen. Die Verhältnisse in Germersheim waren zu diesem Zeitpunkt in jeder Hinsicht bescheiden und beschaulich: Die Stadt hatte sich räumlich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts kaum mehr vergrößert. Im Jahr 1821 notierte Ferdinand Malaisé seine Eindrücke über seinen neuen Wohnort Germersheim, an den sein Vater versetzt worden war: „Germersheim hatte zwei Hauptstraßen … Das Flüßchen Queich trat von Westen her, am sogenannten Gelbenrübenthor, wo statt eines Thors Mühlen lagen, in die Stadt, durchströmte diese, an der langen Straße durch eine steinerne Brücke überbrückt und nahebei östlich die Stadt verlassend in den Rhein ergießend“. Im Westen und Südwesten, vor den Toren der Stadt, waren die halbverfallenden Verschanzungen, die die Franzosen 1793/94 angelegt hatten, noch vorhanden und zeugten von vergangenen kriegerischen Zeiten. So notierte der Speyerer Publizist und spätere Paulskirchenabgeordnete Georg Friedrich Kolb in seiner kurz vor dem Beginn des Festungsbaus veröffentlichten „Statistisch-topographischen Schilderung von Rheinbayern“ noch im Jahr 1833: „Germersheim, der Sitz des Landcommissariats, liegt auf einem Vorsprung des Hochufers und ist auf der Nord- und Ostseite mit Sümpfen umgeben […] Das Städtchen hat noch theilweise seine alten Mauern, denen die Franzosen im Revolutionskrieg eine regelmäßige Umwallung, jedoch nur im Erdaufwurf, beifügten, um die Queichlinien zu ergänzen. Germersheim zählt 2200 Einwohner, worunter viele Fischer. Die übrigen nähren sich von Handel, Handwerken und Feldbau“. Hinzugekommen waren allerdings auch weitere staatliche Dienststellen wie die Finanzverwaltung („Rentamt“) und die staatlichen Bezirksärzte als Vorläufer der heutigen Gesundheitsämter. Die unter den Franzosen eingeführten Institutionen wie das Friedensgericht (später Landgericht) und das Notariat wurden auch in bayerischer Zeit übernommen und weitergeführt, mit der Folge, dass diese Einrichtungen auch weiterhin in Germersheim vertreten waren. Dies gilt auch für das 1814 nach Germersheim verlegte Rheinzollamt, das Zölle auf Waren und Güter erhob, die auf dem Rhein transportiert wurden. Weiter aufgewertet wurde die Bedeutung der Stadt auch durch die im Jahr 1825 von Landkommissär Peter Anton Müller aus der Taufe gehobene „Lateinschule“, die Vorläuferinstitution des heutigen Gymnasiums. Mit dem Bau der Festung Germersheim ab 1834 entwickelte sich am Sitz des Landkommissariates und der genannten staatlichen Behörden und Dienststellen schon bald ein reges Wirtschaftsleben, das der Stadt Germersheim insgesamt ein neues Profil verlieh, das sie bis zum Ersten Weltkrieg prägen sollte. Für den Landkommissär und seine Beamten bedeutete dies aber auch, dass sich der Sitz der Verwaltung ab den 1840er Jahren in einer stark befestigten und nur noch durch zwei Stadttore zu betretenden Militäranlage befand, wodurch die Verbindung zu den Gemeinden im Landkreis in unruhigen Zeiten nachhaltig gestört oder gar vollständig unterbrochen wurde. So etwa im Frühsommer des Jahres 1849, als während der Revolution Freischarenverbände die Festung in einem lockeren Ring umschlossen hatten. Während die Beamten des Landkommissariats sich „unter den Kanonen der Festung Germersheim“ in Sicherheit wussten, waren die Bewohner der umliegenden Gemeinden den Schikanen der Kommissäre der Revolutionsregierung und dem Zugriff von Pfälzer Volkswehr und Freischärlern, die Pferde, Vieh, Geld und Güter „requirierten“, schutzlos ausgesetzt.