Freckenfeld
Impfbus löst Verkehrschaos aus
Nein, als Fotomotiv für Impfmüdigkeit oder ideologische Realitätsverweigerung taugt dieser Anblick nicht. Es ist noch keine 8 Uhr am Morgen, der Impfbus steht so pünktlich wie versprochen gegenüber der Grundschule und bereits jetzt hat sich in die Rathausgasse hinein eine Menschenschlange gebildet, die sich bald bis in die Hauptstraße winden wird. Trotz nebelkalter Nässe knapp über dem Gefrierpunkt sind viele Gemüter erhitzt.
Es ist ein älterer Mann, der von dem neben ihm radelnden Grundschulkind Opa genannt wird. „So ein Schwachsinn von der Politik! Einen Impfbus neben Grundschule und Kindergarten stellen! Alle kommen mit dem Auto und keine Polizei nirgends!“ Als ein entgegenkommendes Auto nicht rasch genug die Geschwindigkeit verringert, überschlägt sich seine Stimme vollends und mag er für einen Moment kurz davor sein, gegenüber der Blechkiste gewalttätig zu werden. Verstört lassen die Insassen den Tobenden und seine Enkelin weiterziehen.
Vor dem Andrang kapituliert
Nein, es ist wirklich kein normaler Morgen in der Raiffeisenstraße. Die Autos parken links wie rechts und biegen immer noch mehr aus Richtung Minfeld kommend über die Hauptstraße in sie hinein. Gerade jetzt, wo die Kinder kommen, geht es eng zu. Später werden Ordnungsamt und Polizei vorbeifahren, um sich die Situation anzuschauen. Thomas Adel aus Minfeld hat jetzt schon genug, er ist wieder auf dem Weg nach Hause. „Vergessen Sie es“, sagt er nur. Nur boostern lassen habe er sich wollen, sagt er fassungslos. Das wollte auch Cord Waltke aus Jockgrim, der dort bereits in der vergangenen Woche vor dem Andrang kapitulierte und vom Hausarzt für seine dritte Impfung auf den Februar vertröstet wurde. Ehe er sich mit dem Rollator weiter Richtung Bushaltestelle schiebt, wird er deutlich: „Da steht in Wörth ein Impfzentrum und wird nicht geöffnet. Es ist eine unglaubliche Schweinerei.“
Einerseits wird sein Unmut von vielen geteilt, andererseits wird aber auch gelobt. So im Aufwärmraum im Kellergeschoss des Kindergartens, wo auch Tee gereicht wird. Unterdessen versucht Ortsbürgermeister Martin Thürwächter mit Unterstützern aus dem Ortschaftsrat der Situation Herr zu werden. Notizzettel werden mit dem amtlichen Stempel sowie einer Nummer versehen und an die Wartenden in Reihenfolge ihres Kommens verteilt. Es ist eine gute Idee, die den Menschen Orientierung gibt. Die in der Nähe wohnenden Leute müssen nun nicht die ganze Zeit in der Kälte warten, sondern können später wiederkommen. Karin Gelbarth aus Schaidt erhält den ersten Wartezettel. Die 76-Jährige hat den Bus genommen und steht seit 6 Uhr hier. „Jetzt bekomme ich kalte Füße“, sagt sie. Und lächelt dennoch, weil es endlich losgeht.
Drei Stunden einplanen
Sarah Bade ist eine der beiden Ärztinnen. Hinzu kommen ein Apotheker, drei Mitarbeiter für die Registrierung sowie zwei weitere, die die Impfungen vornehmen. Wie schnell es durchschnittlich gehe, könne sie nicht sagen. „Eine dritte Impfung dauert 20 Sekunden, eine Erstimpfung je nach Aufklärungsbedarf wiederum mehrere Minuten.“ Rund drei Stunden solle man aber einplanen. Später wird sie noch darum bitten, einen Hinweis in die Zeitung zu setzen: Die Leute sollten künftig in rasch auszuziehender Bekleidung kommen, damit es schneller gehe.
Fast wie auf der Kirmes
Michele Vidal ist seit August der Fahrer des Impfbusses und seither von der Südpfalz bis nach Zweibrücken unterwegs. „Heute Morgen war hier bei meiner Ankunft so viel los, dass ich mich gefragt habe, ob Kirmes ist“, sagt er. Vom schleppenden Beginn bis zu den jetzigen Massenaufläufen hat er alles miterlebt. Wie hier in Freckenfeld sollte es auch zuletzt in Zweibrücken bis 16 Uhr gehen. „Aber erst um 19.30 Uhr waren wir durch. Irgendwann geht der Impfstoff halt leer“, sagt er fast erleichtert.
Nebenan werden Zettel gestempelt und nummeriert. Beim vierhundertsten setzt die Frau erst einmal aus und möchte auf Thürwächter warten, der wieder losgezogen ist. „Die Situation und der Standort des Busses sind suboptimal, das ist klar“, gibt er zu. Andererseits, wo hätte man hin sollen? Am Dorfplatz sei die Bushaltestelle, der alte Kerweplatz scheide ohnehin aus und der Schulhof sei zu klein. Die Enttäuschung der Wartenden richtet sich ohnehin nicht auf ihn, sondern auf die landespolitisch Verantwortlichen. Auch ist klar, dass die Impfaktion offen für alle ist, die kommen wollen. Und nicht nur für diejenigen, die in der direkten Umgebung wohnen. Am Straßenrand sind nicht nur Kfz-Kennzeichen aus der Südpfalz, sondern sogar aus Karlsruhe. Bis 17 Uhr werden schließlich 500 Impfdosen verabreicht werden.