WESTHEIM
Gotthilf Fischers Botschaft wird weiterklingen: Singt!
Kennengelernt habe ich Gotthilf im Spätjahr 1998 im Germersheimer Stadthallen-Restaurant – nach der Aufzeichnung der Fernsehsendung „Mundart und Musik“. Ja, ich stehe auf Schlager und Volksmusik, fand es toll, dass Gotthilf Volkslieder, die Kulturgut sind, hochhielt. Starallüren? Hatte er keine. Ob ich Lust hätte, mitzumachen, hat er mich gefragt. Funkstille – bevor ich freudig Ja sagte. Ich gab Managerin Esther Müller meine Kontaktdaten, glaubte aber nicht, dass ich kontaktiert werde.
Wenige Tage später lag eine Einladung für die ZDF-Live-Sendung „Melodien für Millionen“ im Briefkasten. Wow! In die Gruga-Halle nach Essen sollte es gehen, um „Hoch auf dem gelben Wagen“ zu singen. Eine Kassette lag zum Üben bei. Das Lied war nicht das Problem. Die Aufregung stieg aber täglich. Am 6. Dezember stand ich als Teil der berühmten Fischer-Chöre auf der Bühne – vor Millionen Zuschauern an den Bildschirmen. Hammer! Ungeplant: Tags darauf ersetzte ich einen Sänger beim ZDF-Wintergarten in Mainz. Problem: Das Demo-Band „O fortuna“ aus „Carmina Burana“ hatten meine Kollegen seit drei Wochen. Mein Vorteil: Latein-Leistungskurs. Auf der nächtlichen Busfahrt von Essen nach Mainz zog ich mir Text und Musik rein.
Mit dem Oldtimer-Bus singend unterwegs
Seitdem war ich fester Bestandteil des TV-Chors, der vor allem in den SWR-Sendungen „Mundart und Musik“, „Fröhlicher Feierabend“ sowie „Fröhlicher Alltag“ auftrat – und mit dem Oldtimerbus auf der „Straße der Lieder“ unterwegs war. Bis zu drei Wochen dauerte eine Produktion, die die ARD drei- bis viermal jährlich samstags zur besten Sendezeit ausstrahlte. An etwa 40 Sendungen durfte ich mitwirken – und an den schönsten Orten in Deutschland, Österreich, Südtirol und der Schweiz gesanglich das Publikum erfreuen.
Anfangs zurückhaltend, fiel es mir leicht, mich in die tolle Gruppe zu integrieren. Daran hatte Gotthilf großen Anteil. Das Miteinander war ihm wichtig: Er war nicht nur der Chef, er war einer von uns, für jeden Spaß zu haben. Geschminkt zu werden? In Rollen und Kostüme zu schlüpfen? Viel Spannendes wäre mir ohne ihn verborgen geblieben. Der Helikopter kommt, hieß es nach einem Erdrutsch in der Schweiz. Fliegen? Ich? Mit meiner Flugangst? Nie! Das Frühstück war gegessen – und ich wenige Minuten später mit feuchten Händen in der Luft. Wahnsinn! Dieser Ausblick! Auch atemberaubend: meine erste Ballonfahrt – nahe Baden-Baden. Tanzen? Kann ich nicht! Geht nicht! Geht doch: beim TV-Dreh. Schifffahren ist super: Aber bei Windstärke neun singend, lächelnd auf dem Weg nach Helgoland in die Kamera zu blicken, eher eine Herausforderung.
Das Raab-Model mit dem rosa Jackett
Einmal durfte ich mich als Model fühlen, Lodenmode präsentieren. Besonderes Bonbon: Dass ich mit Schlagerstars auf der Bühne stehen und mit Kollegen den Backgroundchor bilden durfte. 2013 stand ich mit dem Chor vor der Supertalent-Jury um Dieter Bohlen. Wir wurden engagiert, um eine Kandidatin gesanglich zu unterstützen. Und dann hatte sich ja noch Stefan Raab wegen meines ausgefallenen Kleidungsstils und meiner unbändigen Sangesfreude in mich verliebt, mit einem TV-Aufruf nach mir suchen lassen – und den „Rosa-Jackett-Mann“, Gotthilf und eine Chorauswahl am 10. Dezember 2002 zu „TV total“ nach Köln eingeladen, wo er mir den „Raab der Woche“ überreichte.
Zugegeben: Ich singe gerne. Und mag knallige Farben. Raabs Liebe erwiderte ich jedoch nicht, war aber so lieb, mir diesen Auftritt nicht eingehen zu lassen. „Traust du dir das zu?“, hatten Gotthilf und Esther mich im Vorfeld gefragt. Ich sagte Ja – und bereute das nie. Der Acht-Minuten-Talk, bei dem Gotthilf und ich auf Raabs Couch saßen, war unspektakulärer als gedacht, die Resonanz danach überwältigender als vermutet: Im Supermarkt, beim Tanken und an der Uni sprachen mich Leute an. Manche erkannten mich sogar bei TV-Aufnahmen in Bremen und Salzburg, wollten Autogramme. Unvergesslich waren auch „Sing-mit-Veranstaltungen“, bei denen wir mit dem Publikum Volkslieder sangen, große Plätze füllten.
Ein Star zum Anfassen
Gotthilf, ein Star zum Anfassen, hatte etwas Magisches: Er lief ein, hob die Arme und die Menschen waren glücklich, befreit. Sie sangen, schunkelten, lächelten. Ob seine Haare echt sind, wollten viele Ältere wissen. Ja, waren sie! Aber auch Herzen von jungen Fans flogen ihm zu: Weil er cool war, bei der Love-Parade mitmachte, Kultstatus genoss. Bei Auftritten in Festzelten, unter anderem auf dem Cannstatter Wasen, stand die junge Generation oft mitklatschend auf den Bänken und war textsicher, als wir deutsche Lieder sangen. Kontrastprogramm: besinnliche Konzerte mit klassischer und geistlicher Literatur, darunter auch Gotthilfs Eigenkompositionen, in Kirchen. Höhepunkt der Hallenauftritte: das jährliche, dreistündige Abschlusskonzert in der Stuttgarter Liederhalle – mit riesigem Repertoire.
Notenmappen auf der Bühne? Nicht bei Gotthilf. Auswendig singen, war angesagt: „Seht einfach zu mir her!“ Anfangs hatte ich vor solchen Auftritten gehörig Respekt: Ich, der neue Bariton unter 300 Aktiven, die seit Jahren, ja Jahrzehnten, singen, die Literatur draufhaben! Aber da war ja Gotthilf, der mir Tipps gab: „Stell„ dich einfach dazwischen! Mund auf! Hören! In den Ton reinfallen!“ Das gelang von Mal zu Mal besser. Apropos gelingen: Der Maestro, der Lieder bei der Generalprobe oft nur ansingen ließ, wusste, was er seinen Akteuren zumuten konnte. Und er spürte, was beim Auditorium gut ankam. Nicht selten kam es vor, dass er während des Konzerts das Programm änderte, geplante Lieder strich oder durch andere ersetzte, womit er mich einige Male eiskalt erwischte.
Fast 200 Kilometer Fahrt für die Singstunde
Die wöchentlichen Proben waren für mich wichtig – auch wenn ich dafür fast 200 Kilometer fahren musste. Es lohnte sich: Schnell war Alltagsstress verflogen, gute Laune eingekehrt. Unvergessen bleiben die ausgelassenen Abende nach den Proben im Gasthaus, wo wir oft bis spät nachts noch sangen – und Gotthilf mich gerne neckte, wenn der FCK mal wieder verloren hatte. Wir erzählten, scherzten, lachten – und meist kam ich erst früh morgens heim. Gotthilf aß gerne Gaisburger Marsch und Kutteln, trank dazu TL, Trollinger mit Lemberger. Zu vorgerückter Stunde durften es auch noch ein paar Rädle (dicke Scheiben) Wurst oder ein Gsälzbrot (Brot mit Marmelade) sein. Auch kulinarisch war er eben ein echter Schwabe. Welche Partei er wählen würde? Die SVP, die singende Volkspartei, wenn es sie gäbe: „In der Politik geht es gegeneinander, beim Singen miteinander!“
Die Botschaft wird weiterklingen
Dann gibt es noch etwas, das ich Gotthilf und Esther nie vergesse: 2008 erwiesen sie meinem verstorbenen Vater Gerd auf dem Westheimer Friedhof die letzte Ehre. Wie hat Gotthilf immer zum Schluss gesagt, als ich ihm telefonisch zum Geburtstag gratuliert hatte: „Timo, wir bleiben Freunde!“ Ich bin stolz, ein solches Genie gekannt, einen solchen Freund gehabt zu haben. Auch wenn er tot ist – seine Botschaft wird weiterklingen: Singt!
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