Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Geschichten aus der Geschichte: Hafen sorgt für wirtschaftlichen Aufschwung

Die traditionsreiche Schiffswerft am Rheinufer gehörte in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu den wenigen Germersheimer Betri
Die traditionsreiche Schiffswerft am Rheinufer gehörte in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu den wenigen Germersheimer Betrieben, die mehr als 50 Beschäftigte zählten. Erst ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre und verstärkt in den 1960er Jahren gelang es, systematisch Industriebetriebe in der Stadt anzusiedeln.

Die Ansiedlung von Industriebetrieben blieb lange Zeit ein frommer Wunsch der Germersheimer Stadtväter. Das änderte sich ab den 1950er Jahren.

Die Festungsbauwerke schränkten die Stadt in ihrer räumlichen Ausdehnung und strukturellen Entwicklung lange Zeit stark ein. Nachdem diese Anlagen in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg geschleift worden waren, erstellte man Pläne zur Stadterweiterung. Diese sahen neben der Erschließung neuer Baugebiete auch ein Industrieareal im Norden der Stadt vor. Alle Planungen wurden jedoch durch die desaströse Finanzpolitik in der Zeit der Weimarer Republik und durch die Situation in der französisch besetzten Pfalz zunichtegemacht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg griff man die Gewerbepläne dann erneut auf. Dies gelang punktuell, etwa mit der Firma Gumasol, die 1947 den Betrieb auf einem Gelände in der heutigen Innenstadt (Orffstraße/17er Straße) aufnahm, und wenige Jahre später erneut, als die Firma Nolte Möbel 1955 am Rhein ihre Produktion startete. Doch bereits damals zeigte sich, dass ein für Industriebetriebe ausgewiesenes Gebiet mit der notwendigen verkehrstechnischen Anbindung und Infrastruktur fehlte.

Die Verhältnisse änderten sich erst mit der Amtszeit Siegfried Jantzers, der ab 1956 als hauptamtlicher Bürgermeister die Geschicke der Stadt maßgeblich lenkte. In der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre erlebte Germersheim einen Aufschwung, der für die westdeutsche Nachkriegsära insgesamt prägend wurde. Am Ende sprach man weit über die Grenzen von Rheinland-Pfalz hinaus vom „südpfälzischen Wirtschaftswunder“, an dem Germersheim einen entscheidenden Anteil hatte.

Zentraler Dreh- und Angelpunkt der wirtschaftlichen Entwicklung war der Hafen. Dieser war in seiner Urform Ende der 1950er-Jahre durch Kiesausbeute im „Großen Grund“ entstanden und wurde seit den 60er-Jahren in mehreren Bauabschnitten und mit hohem finanziellen Aufwand der Stadt ausgebaut. Die zentrale Lage des Hafens am Oberrhein zwischen Karlsruhe und Ludwigshafen sollte schließlich für die Ansiedlung namhafter Industrieunternehmen von entscheidender Bedeutung sein.

Zu den ersten größeren Aktivitäten im Bereich des Hafens zählten unter anderem die Löschung von ausländischen Hölzern und der Umschlag von Material für das US-Depot. 1971 befanden sich in unmittelbarer Nähe des Hafens die Firmen Freyer, Scherer, Fischer und Stelcon, während sich an der Südseite des Hafens der Verpackungsmaterialhersteller Europa-Carton, die Firma Neudeck (Holzimport), Heye-Glas, Becker Transhand sowie die Firma Monda aus der Lebensmittelbranche ansiedelten.

Mit dem wachsenden Industriegebiet forcierte man auch den Ausbau der Verkehrsverbindungen. 1967 wurde die Eisenbahnbrücke über den Rhein in Betrieb genommen und bereits vier Jahre später, 1971, folgte die für die zukünftigen Transportstrukturen noch wichtigere Straßenbrücke über den Rhein mit der vierspurigen Trasse der B35. Parallel zum Ausbau des Industriegebiets am Hafen entwickelte sich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre das Gewerbegebiet „Wörth“, wo 1969 ein BMW-Autohaus eröffnete, das neben Fahrzeugen auch Fahrzeugteile verkaufte.

Diese Entwicklung machte es notwendig, die Straßen- und Verkehrsinfrastruktur anzupassen und auszubauen. Die Verbindung vom Hafen zum Stadtgebiet stellte die im März 1969 freigegebene „Wörth-Straße“ her. Mit der „Hafenbahn“ führte ein Industriegleis vom Germersheimer Bahnhof zum Hafen, was den Schienentransport der umgeschlagenen Güter wesentlich erleichterte.

In den 1980er Jahren stärkte die Ansiedlung der Daimler-Benz AG auf der Insel Grün noch einmal diesen Bereich und erhöhte Germersheims Wirtschaftskraft. Im Zuge des Auf- und Ausbaus des Dienstleistungssektors während der 1990er Jahre wurde das Gewerbegebiet „Wörth West“ weiter erschlossen. Eine Bahnunterführung und eine direkte Straßenverbindung zu den Geschäften, Betrieben und Firmen des Industriegebiets sowie zur B35 (Rheinbrücke) wurden in den Jahren 1995 und 1996 geschaffen. Die so angelegte „Rheinbrückenstraße“ ermöglichte es, den Güterverkehr an bislang betroffenen Wohngebieten der Innenstadt und einzelner Randgebiete vorbeizuführen und diese zu entlasten.

Bei allen überwiegend von Erfolg gekrönten Anstrengungen, die man von den 1950er bis in die 1980er Jahre unternahm, Germersheim als Wirtschaftsstandort zu entwickeln und zu profilieren, gab es auch Rückschläge. Dazu zählt die projektierte Ansiedlung der Mineralölfirma „Lion Refining“, die in den späten 1960er Jahren eine Millionen schwere Erdölraffinerie auf der Insel Grün errichten wollte. Es blieb jedoch beim Geländeerwerb und beim Vorsatz, die Wirtschaft am Ort zu bereichern und zahlreiche Arbeitsplätze zu schaffen.

Wie es die Rheinstadt damals mit dem „Germersheimer Modell bargeldloser Wirtschaftsförderung“ sogar in die Schlagzeilen des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ schaffte, ist eine andere Geschichte. Für alle, die nicht mehr über die „Spiegel“-Ausgabe vom 20. Dezember 1971 verfügen, ist sie mit hohem Unterhaltungswert online nachzulesen unter www.wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=44914541&top=SPIEGEL.

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