Kandel
Eine Hausärztin schlägt Alarm
Die Anlaufstellen für Patienten werden immer weniger. Innerhalb von einem Jahr haben in Kandel zwei Hausarztpraxen geschlossen, sagt Ärztin Traude Löwer. Aber nicht aus Altersgründen: Der Allgemeinmediziner Michael Hölzer sei in die Schweiz gegangen, die Praxis Rosenthal ist seit Ende 2019 nur noch am Standort Ingenheim vertreten.
Nun sind viele Kandeler auf der Suche nach einem neuen Hausarzt. Einen Teil der Patienten habe sie übernehmen können. Doch dann habe sie einen Stopp gesetzt, sagt Löwer, „aus Eigenschutz für mich und mein Personal.“ Anfragen gebe es aber weiterhin.
Von fünf Hausärzten nur einer jünger als 60
In Kandel gibt es noch fünf Hausarztpraxen, „darunter ist nur ein Arzt unter 60 Jahren“, gibt sie zu bedenken. „Alle anderen sind älter und nicht alle gesundheitlich fit.“ Mit Ausfällen sei zu rechnen. Im Kreis fehlen laut offiziellen Zahlen 14,5 Hausärzte, Tendenz steigend. „Freckenfeld kommt noch dazu“, zählt Löwer auf, ihr Kollege in Schaidt sei über 60, die Hausärzte in Jockgrim allesamt. „Es brennt im gesamten Bereich“ lautet ihr Fazit.
Eine Ursache laut Löwer: Bundesweit seien deutschlandweit Studienplätze für Medizin gestrichen worden. Deshalb fehlten über die Jahre über 100.000 Ärzte. „Die Politik hat geschlafen, alle haben geschlafen“, sagt sie. Jetzt gebe es zwar mehr Studienplätze und Vorteile für Studenten, die sich vorab schon als Hausarzt verpflichten. Doch es werde mit Studium und weiterer Ausbildung 12 bis 13 Jahre dauern, bis sich das auswirke. „Die Maßnahmen greifen nach 2030“, lautet ihre Prognose.
Auftrag an den Stadtrat
Eine Situation, die die Medizinerin umtreibt. Also hat sie am 31. Dezember 2020 einen Brief an Verbandsbürgermeister Volker Poß, Stadtbürgermeister Michael Niedermeier, die Beigeordneten und Fraktionsvorsitzenden geschrieben.
Kurz darauf landet das Thema als Top 3, „Ärztliche Versorgung in der Stadt Kandel“ auf der Tagesordnung der digitalen Stadtratssitzung am 11. Februar. „Wir haben als Stadt die Möglichkeit, in die Kommunikation zu gehen“, sagt Stadtbürgermeister Michael Niedermeier (CDU). Nun müsse man mit der Kassenärztlichen Vereinigung und den politischen Vertretern sprechen. Und kräftig die Werbetrommel für den Standort rühren. „Wir haben eine Menge zu bieten.“
Die Ratsmitglieder anderer Fraktionen sind sich einig, dass die Stadt nicht nur auf eine gute Infrastruktur, die ländliche Lage in der Nähe von Karlsruhe oder Kita-Plätze verweisen soll. Es gehe darum, vielleicht Räume zur Verfügung zu stellen oder Bauplätze bereit zu halten. Auch die Initiative „Ort sucht Arzt“ und die „Südpfalzdocs“ wurden ins Gespräch gebracht.
Warteschlange bis zur Klinik
„Eine Schlange von der Praxis Dambach bis zur Klinik“ hat Ratsmitglied Niklas Hogrefe (CDU) gesehen. Bei diesem Arzt gebe es eine „saubere, gründliche Versorgung. Keine Pausen, er beantwortet noch bis 23 Uhr Mails.“ Mit Blick auf seine Generation wisse er, „dass das ein Arbeitsmodell ist, das nicht so attraktiv erscheint.“
Eine Einschätzung, die Löwer bestätigt: „Ich denke schon, dass jüngere Ärzte mehr Wert auf Freizeit legen“, sagt sie. „Wir wurden noch mehr auf Leistung getrimmt. Das ist anders, aber das heißt ja nicht, dass das schlecht ist.“ Löwer selbst hatte erst als Anästhesistin gearbeitet, sich aber 2004 „bewusst“ für den zweiten Facharztabschluss und die Arbeit als Hausärztin entschieden, sagt sie. Mediziner sollten nicht in die Selbstausbeutung: „Ich bin auch aus der Klinik raus, damit ich besser auf mich aufpasse.“
Kooperationen in Ärztehäusern seien aber nicht unbedingt die Zukunft, sagt Löwer. Der einmal im Gewerbegebiet „Lauterburger Straße“ diskutierte Standort sei aus Sicht einer Hausärztin sowieso „obsolet“ gewesen. „Ein Ärztehaus ist was Sekundäres, was man nicht unbedingt braucht“, es gebe inzwischen auch wieder den Trend, dass Mediziner –wie sie selbst – als Einzelkämpfer arbeiten wollen.
Nach längerer Diskussion entschied der Stadtrat, das Thema in einem Ausschuss weiter zu behandeln. Hausärztin Löwer hofft, dass schnell Bewegung in die Angelegenheit kommt. Und noch einen Tipp hat sie für Kommunalpolitiker: „Die Kollegen, die jetzt in Bayern oder in der Schweiz arbeiten und zurück in die Pfalz wollen, informieren sich über die Fachblätter der Kassenärztlichen Vereinigung.“