Kreis Germersheim Ein Leben mit Pferdestärken

50 Jahre und 2 Monate hat Alfons Alt aus Steinweiler im Mercedes-Benz Lkw-Werk in Wörth gearbeitet.
50 Jahre und 2 Monate hat Alfons Alt aus Steinweiler im Mercedes-Benz Lkw-Werk in Wörth gearbeitet.

«Wörth.» Es war auch die Abnabelung vom Elternhaus, von der väterlichen Landwirtschaft, die Alfons Alt dazu bewegte, sich bei Mercedes-Benz für eine Ausbildung im Wörther Lkw-Werk zu bewerben. Das war im Frühling 1968. Am Freitag hatte Alt seinen letzten Arbeitstag nach 50 Jahren und zwei Monaten als Lkw-Bauer der Daimler AG.

Auf dem Weg vom Tor 1 zu seinem letzten Arbeitsplatz im Werk beschreibt er, was hier alles war, beziehungsweise nicht war, als er seine Lehre als Kfz-Mechaniker begann. Er erinnert sich an den Sportplatz, den es in einer Ecke des Werksgeländes gab, auf der heute Lkw abgestellt werden. „Wir haben dort Handball gespielt. Die Baden-Württemberger, die hierher ins neue Werk kamen, waren alle Handballer.“ Alt beschreibt auch den Standort der ersten Lehrwerkstatt im Werk, das gerade mal 5 Jahre alt und noch im Aufbau war. Er war damals 14, hatte keine Lust auf heimische Landwirtschaft und auch nicht auf weiterführende Schulen. Also nutzte er ein Angebot des damaligen Berufsberaters, „es war Herr Unger“, füllte den Fragebogen aus und bekam die Einladung zum Vorstellungsgespräch. Das und die beiden folgenden Eignungstests klappten mühelos, auch die Abschlussprüfung dreieinhalb Jahre später ging gut über die Bühne – trotz eines Dreivierteljahres Ausfallzeit wegen Krankheit. „Eigentlich wollte ich gar nicht bleiben“, erzählt Alfons Alt in gemütlicher Runde. Als dann aber im März 1972 der erste Lohn kam –„genau 1007 D-Mark“ – „bin ich halt doch geblieben“. Dass daraus mehr als 50 Jahre werden würden, hat er sich damals nicht träumen lassen. Bereut hat er es nicht. Und beim Besuch seines letzten Arbeitsplatzes, der Kontrolle von Achsen und Lenkung der fertigen Lkws, wird er von Kollegen als „wandelndes Lexikon“ beschrieben. „Er schaut aufs Auto und weiß, was zu tun ist“, sagt Patrick Henglein. Kein Wunder nach 50 Jahren Berufserfahrung nahezu durchgehend in der Fertigungskontrolle, aber an verschiedenen Stationen. In diesen 50 Jahren stecke auch eine Menge technischer Entwicklungen, mit denen man umgehen musste. Gravierend sei die Umstellung der Produktion auf die neuen Actros und Axor gewesen. „Alles neu, kein Teil wie es vorher war“, erzählt Alt. Er nennt auch die Umstellung von der Handschaltung auf elektropneumatische Schaltung mit dem Joystick (EPS) Jahre vorher. „Das war auch für viele Fahrer ungewohnt. Die mussten Schulungen machen“ Eine schlimme Erinnerung ist die Katastrophe von Herborn, als ein Tanklaster 1987 bergab ungebremst in Wohnhäuser raste und explodierte. Sechs Menschen waren tot, 38 verletzt, 44 verloren ihre Wohnung. Der Laster wurde in Wörth gebaut, Alfons Alt musste gegenüber der Staatsanwaltschaft bestätigen, dass das Fahrzeug vor seiner Auslieferung drei, vier Jahre vor dem Unglück ordnungsgemäß überprüft wurde. Über seine Kollegen lässt Alt nach all den Jahren nichts kommen, mit ihnen sei er – „manchmal nach klaren Worten“ – immer gut ausgekommen. Was er nie verstanden hat, ist der Druck, der immer wieder „von oben“ verbreitet werde. Sei es durch Sparmaßnahmen oder hohe Produktionszahlen und Zusatzschichten. „Das hat Kollegen unzufrieden gemacht“, erzählt er. Aber nur wer abends zufrieden, nicht kaputt, nach Hause gehe, bringe gute Leistungen und sei weniger krank. Kritik bekommt auch der Betriebsrat ab. Der sollte nicht aus fünf Parteien bestehen. „Die sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt statt mit den Belangen der Belegschaft.“ Das war aber kein Thema beim gemeinsamen Essen wie jeden Freitag in der Frühschicht. An seinem letzten Arbeitstag war natürlich Alfons Alt dran, es zu organisieren. Die letzte Frühschicht. „Schon ein bisschen ein komisches Gefühl“, räumt er ein. Gerade im Winter könnte er ein, zwei Tage Arbeit pro Woche brauchen. Im Winter ist nämlich die Arbeit zu Hause mit den Pferden eingeschränkt. Alfons Alt züchtet gemeinsam mit seinem Sohn Rennpferde und lässt sie auch starten. Trainiert werden die Pferde auf der Rennbahn im nahen Weißenburg, Alt wohnt in Steinfeld. Die Liebhaberei hat 1994 mit dem Kauf einer Zuchtstute angefangen, aber die „Pferdetradition“ in der Familie reicht viel weiter zurück. „Mein Urgroßvater gründete 1878 ein Fuhrunternehmen. Damals natürlich mit Pferdewagen.“ Das Unternehmen gibt es längst nicht mehr, die Liebe zu Pferde hat sich in der Familie fortgesetzt. „Manchmal sagt man mir ja nach, ich würde Tiere besser verstehen als Menschen.“ Und er erzählt dabei von der Landwirtschaft, in der er sich schon als Kind um das Vieh kümmern musste, von Ziegen, denen er zum Spaß Kunststückchen beibrachte, von seinem Hund, mit dem er schon ganze Schafherden getrieben hat. Reiter, Nebenerwerbswinzer, Kegler, Fußballer, Lkws für Daimler überführen, ein selbstgebautes Haus – er habe auf vielen Hochzeiten getanzt erinnert sich Alfons Alt. Aber darüber sei auch die Familie zerbrochen. Mittlerweile ist er zum zweiten Mal verheiratet, teilt mit seiner Partnerin die Leidenschaft für Pferde – und geht davon aus, dass ihm auch als Rentner nur selten langweilig wird.

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