Kreis Germersheim Ein kühner Rhein-Schwimmer
In der Mitte des 19. Jahrhunderts waren bayerische Regenten immer wieder zu Gast in der wachsenden Garnisonsstadt Germersheim, wo sich die gekrönten Häupter vorwiegend für den Ausbau der Festung interessierten, mit deren Errichtung man im Jahr 1834 begonnen hatte. Ludwig I., der Bauherr des Projekts, an dem bis 1861 gearbeitet wurde, sein Sohn und Thronfolger Max II. Joseph und außer Ihnen noch eine Reihe bayerischer Prinzen und weitere Angehörige des Königshauses waren bis Ende der 1850er Jahre immer wieder zu Gast in Germersheim.
Danach ebbte das Interesse ab: „Märchenkönig“ Ludwig II. war nie in Germersheim und so sollten mehrere Jahrzehnte vergehen, bis man in der Festungsstadt wieder einen bayerischen Regenten, in diesem Fall den Prinzregenten Luitpold, empfangen konnte. Luitpold war ein Sohn Ludwigs I. und hatte Germersheim bereits in zurückliegenden Jahren als bayerischer Prinz besucht, beispielsweise im Sommer des Jahres 1852. Damals hatte er sich die Festungswerke, die Kasernen und das Lazarett näher angesehen, militärische Übungen der Truppen inspiziert und war danach „in den reißendsten Stellen des Rheins kühn umhergeschwommen“. Als Luitpold im Herbst des Jahres 1888 in die Pfalz zurückkehrte, war er nicht nur 36 Jahre älter als bei seinem vormaligen Aufenthalt, sondern hatte zwei Jahre zuvor auch die Regierungsgeschäfte zunächst nach dem Tod seines Neffen, des Königs Ludwig II., für diesen und sodann für dessen Bruder, den geisteskranken Otto I., als Prinzregent übernommen. Von 18. bis 28. September 1888 hielt sich Luitpold nun auf der von seinem Bruder, Ludwig I., errichteten Sommerresidenz „Ludwigshöhe“ bei Edenkoben auf und bereiste von dort aus täglich eine Reihe von Orten in der Pfalz, jeweils mit einem Sonderzug. Gegen Ende seines Aufenthalts in der Pfalz besuchte Luitpold am 27. September 1888 auch die Stadt Germersheim, „deren Bevölkerung die Gelegenheit, Gefühle unwandelbarster Treue zu bekunden, freudig ergriff“, wie dies Stadtgeschichtsschreiber Joseph Probst 1898 vermerkte. Um halb neun Uhr morgens traf Prinzregent Luitpold am Germersheimer Bahnhof ein, wo er vom Stadtkommandanten, Generalmajor Mathäus Schmauss, den königlichen Beamten, der Geistlichkeit und dem Stadtrat empfangen wurde. Nach der Begrüßung von Bürgermeister Philipp Baust „fuhr Prinzregent Luitpold unter dem Jubel des Volkes, dem feierlichen Glockengeläute und dem Donner der Kanonen zur reich geschmückten Stadt“. Hier hatte man insbesondere das Ludwigstor, den Bereich um das Kommandanturgebäude in der Hauptstraße (heute Protestantisches Dekanat) und die Zollerkaserne festlich ausgeschmückt. Schon am Ludwigstor, dass der hohe Gast auf dem Weg zum Inneren der Stadt als erstes durchfahren musste, sprach Elise Keiler, einen „poetischen Willkommensgruß“, während Stadtrat Heené den „Gefühlen aufrichtigster Liebe und tiefster Ehrfurcht der Bewohner Germersheims für Seine Kgl. Hoheit und das ganze Kgl. Haus in beredten Worten Ausdruck“. An der nächsten Station, dem Kommandanturgebäude in der Hauptstraße, sprachen die Töchter von Major Hirschauer und Hauptmann Dietz Begrüßungsgedichte. Im Anschluss erfolgte dort die Aufwartung des gesamten Offizierskorps, der Militär- und Zivilbeamten, der Geistlichen, des Germersheimer Stadtrates sowie sämtlicher Bürgermeister des Bezirkes Germersheim-Kandel. In diesem Rahmen zeichnete Luitpold die Hauptleute Hartmann und Strauss, Dekan Wündisch und Bürgermeister Baust mit dem Michaelsorden 4. Klasse aus. Bürgermeister Leininger von Steinweiler erhielt an diesem Tag die Verdienstmedaille des Ludwigordens, während Musikmeister Zipplis, Feldwebel Rettmeyer und Sergeant Reiss jeweils mit dem Verdienstkreuz dekoriert wurden. Auch die Stadtarmen sollten den Besuch Seiner Hoheit in positiver Erinnerung behalten: Für sie übergab Prinzregent Luitpold eine Spende in Höhe von 1000 Mark. Die letzte Station des Besuches stellte die Zollerkaserne dar (heute Berufsbildenden Schulen mit Aula, Sporthalle und Nebengebäuden), wo eine große Parade abgehalten wurde, bei der der Inhaber des nach ihm benannten 17. Infanterie-Regiments „Orff“ dasselbe Seiner königlichen Hoheit vorführte. Nach der Parade und einem „Gabelfrühstück“ fuhr Luitpold wieder zum Bahnhof zurück, wo inzwischen „die Damen Germersheims den Salonwagen in sinnigster Weise geschmückt hatten“. Diese Huldigung sowie „die prächtige Dekoration der Stadt fanden die volle Anerkennung Seiner Kgl. Hoheit“ wie ein Pressebericht aus jenen Tagen vermeldet. Bei der Rückreise nach München, die am 28. September 1888, erfolgte, passierte der Prinzregent erneut den Germersheimer Bahnhof, wo der Zug um 11 Uhr kurz hielt. Neben dem Regierungspräsidenten der Pfalz, Paul von Braun, und dem Direktor der pfälzischen Eisenbahnen Karl Jakob von Lavale waren die gleichen Honoratioren wie tags zuvor zur Verabschiedung Luitpolds an den Bahnhof gekommen sowie eine vielköpfige Menschenmenge, die diesen mit brausenden Hochrufen empfing. „Seine Kgl. Hoheit verabschiedete sich von jedem Einzelnen aufs Herzlichste, reichte den jungen Damen, die sich für die gestern erhaltenen Geschenke bedankten, die Rechte und nun stürmte alles gegen den Waggon, um Sr. Kgl. Hoheit womöglich die Hand reichen zu können. Es war ein überwältigender Anblick, die rührenden Beweise der Liebe des Volkes zu seinem Herrscher zu sehen und mit Thränen in den Augen verabschiedete sich Se. Kgl. Hoheit von seinen treuen Pfälzern.“