GERMERSHEIM RHEINPFALZ Plus Artikel Das erste Gebäude, das neue Bürger von der Stadt sahen

Zu der Zeit, in der diese kolorierte Zeichnung des Ludwigstors entstand, war das Gebäude knapp 18 Jahre alt. Die 1857 entstanden
Zu der Zeit, in der diese kolorierte Zeichnung des Ludwigstors entstand, war das Gebäude knapp 18 Jahre alt. Die 1857 entstandene Ansicht des bayerischen Oberleutnants Albin Mattenheimer trägt die Bezeichnung »Äußere Ansicht des Ludwigs- oder deutschen Thores« (Historisches Museum der Pfalz, Speyer).

Wenn Steine reden könnten, dann hätten die des Ludwigstors der ehemaligen Festung Germersheim viel zu erzählen: Von Soldaten, die hinauszogen und nicht wieder kamen, von Bauern der Umgebung, die ihre mit Gemüse und Früchten beladenen Fuhrwerke durch das enge Tor zum Markt in der Garnisonsstadt lenkten, aber auch von den Besuchen bayerischer Könige, Prinzen und Prinzregenten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In diesem Jahr wird das altehrwürdige Gebäude 180 Jahre alt – eine Spurenlese.

Gerade einmal sechs Jahre waren seit dem Beginn der Arbeiten zum Bau der Festung vergangen, als das Ludwigstor 1840 vollendet war. Zusammen mit dem 1839 fertig gestellten Weißenburger Tor sollte es bald schon die einzige Zugangsmöglichkeit zum Festungsstädtchen Germersheim bilden.

Teil der „Fronte Carl“

Die Toranlage, zu der auch das Vortor samt „Blockhaus“ (heute: Heim des Taubenzuchtvereins) zählte, gehörte zur „Fronte Carl“, die von hier aus der natürlichen Form des Terrains entsprechend aufstieg. Das Ludwigstor selbst liegt in einem Gebiet, das vor Jahrhunderten der Rhein durchzogen hatte. Später wurde aus dem ehemaligen Flussbett ein Morast, der sich vor der Stadt erstreckte. Der Name der nahe gelegenen „Woogstraße“ erinnert noch heute an diese Phase, die erst mit dem Festungsbau endete.

Die Pläne des Festungsbaumeisters Schmauß sahen in diesem Bereich eine massive Toranlage vor, welche den Zugang aus nördlicher und westlicher Richtung kontrollieren sollte. Entsprechend fielen auch die Abmessungen des Torgebäudes aus, dessen Front eine Länge von 73 Metern, die beiden zur Stadtseite zurückgehenden Flügel eine Länge von jeweils 20 Metern aufweisen.

Zwei Sandsteinskulpturen

Da das Ludwigstor zu den verteidigungsfähigen „Defensivgebäuden“ zählte, weist es auf zwei Stockwerken nicht weniger als 23 Kanonenscharten auf, die es ehedem erlaubt hätten, das Vorgelände der Festung bei Bedarf zu bestreichen. Während das Gebäude mit den beim Festungsbau verwendeten „Königsteinen“ erbaut wurde, verstärkte man die Ecken mit schweren roten Sandsteinquadern, wie auch die Torfassade selbst diesen Schmuck erhielt. Um die Fassade an der Außenseite des Gebäudes noch repräsentativer zu gestalten, brachte man zwei Sandsteinskulpturen unmittelbar neben der Toröffnung an, welche der Tradition nach König Ludwig I. von Bayern und seinen Festungsbaumeister Friedrich Ritter von Schmauß darstellen.

Schon von Anfang an wurde das Tor als „Ludwigstor“, aber auch als „Speyerer Tor“ bezeichnet. Bis heute hält sich die in älteren Veröffentlichungen zu findende, unzutreffende Vermutung, das Tor habe sei erst nach dem Krieg von 1870/71 in „Ludwigstor“, das vormalige „Französische Tor“ in „Weißenburger Tor“ umbenannt worden. Richtig ist vielmehr, dass beide Tore, wie alte Akten aus der Zeit um 1850 bereits ausweisen, die offiziellen Namen „Weißenburger Tor“ und „Ludwigstor“ von Anfang an trugen.

Glocken kündigen Öffnen und Schließen an

Mit dem Fortschritt der Bauarbeiten und der vollständig ausgeführten Hauptumwallung gehörte es zu den Aufgaben des Bürgermeisteramtes, den Bürgern mit Glockengeläut rechtzeitig das Öffnen und Schließen der Tore mitzuteilen. Die Zeiten selbst regelte der Festungskommandant, der diese je nach Jahreszeit und besonderen Ereignissen festsetzte.

Das Öffnen und Schließen des Tores war ein umständliches Ritual, das selbst in Friedenszeiten mit höchster militärischer Präzision zeitaufwendig ablief und durch eine Reihe von Anweisungen an die im Tor eingesetzte Torwache geregelt wurde.

Nachdem die Stadt im Jahr 1839 das „Octroi“, eine Verbrauchsabgabe auf bestimmte Güter und Produkte, eingeführt hatte, errichtete man bald schon an der Stadtseite des Ludwigstors das heute noch vorhandene „Octroi-Häuschen“, von dem aus ein Einnehmer den Warenverkehr, der durch das Ludwigstor seinen Weg in die Innenstadt nahm, lückenlos überwachen und versteuern konnte.

Während der Revolution des Jahres 1848/49 wurde am Ludwigstor besonders scharf kontrolliert. Dennoch wurden den Wachsoldaten genau an dieser Stelle im Mai 1849 Flugblätter zugesteckt, die zur Abkehr von der Monarchie des bayerischen Königshauses aufriefen.

Mit der Inbetriebnahme des Bahnhofs waren das Ludwigstor und das Vortor die ersten Gebäude, welche hierher versetzte Lehrer, Beamte und Soldaten von ihren neuen Dienst- und Wohnort wahrnehmen konnten, bevor sie in das Gewinkel der heutigen Altstadt gelangten.

Mit Beginn des 1. Weltkriegs verließen die Truppen der Garnison durch das Ludwigstor die Festungsstadt in Richtung Bahnhof – Anfang August waren es binnen 24 Stunden mehr als 3000 Soldaten – einberufene Reservisten und Armierungsarbeiter kamen im Gegenzug.

Nach dem Krieg Notunterkunft

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Torgebäude Germersheimer Familien als Notunterkunft. Erst im Jahr 1963 ging das Ludwigstor in städtischen Besitz über, nachdem es die Stadt Germersheim vom Land Rheinland-Pfalz für 50.000 Mark erworben hatte.

Nach unterschiedlichen Nutzungen in der Folgezeit – unter anderem als Quartier für eine Kompanie des Labor-Service des US-Depots und das THW – bahnte sich in den frühen 1970er Jahren mit dem Um- und Ausbau der Räume als Domizil des Heimatmuseums ein neues Nutzungskonzept an.

Ab Oktober 1976 zeigte das Heimatmuseum im Ludwigstor seine Bestände, die mit der Zeit wuchsen, so dass das zwischenzeitlich in „Stadt- und Festungsmuseum“ umbenannte Museum nach und nach alle Raumkapazitäten des Ludwigstors in Anspruch nahm und seit dem Jahr 2000 mit dem Gebäude eine Einheit bildet.

Im Jahr 1981 erfuhr die Grünfläche vor dem Tor eine Umgestaltung, die die Wiese samt Denkmal zum „Ludwigspark“ werden ließ. Gleichzeitig erhielt auch der Vorplatz des Museums, auf dem sich ehedem die durch das Tor führende Straße gegabelt hatte, durch eine Kopfsteinpflasterung sein neues Aussehen, das bis heute weitgehend so geblieben ist.

Bei festlichen Gelegenheiten wurde das Ludwigstor aufwändig, nach dem Geschmack der Zeit, geschmückt, wie dieses Foto aus dem Ja
Bei festlichen Gelegenheiten wurde das Ludwigstor aufwändig, nach dem Geschmack der Zeit, geschmückt, wie dieses Foto aus dem Jahr 1888 zeigt, als man den bayerischen Prinzregenten Luitpold erwartete, der mit im »Salonwagen« per Bahn angereist kam.
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