Kreis Germersheim Chef wird zum Angestellten

Ein eingepieltes Team: Michael Seeland und Selva Acar.
Ein eingepieltes Team: Michael Seeland und Selva Acar.

Der Jahreswechsel von 2018 zu 2019 war für Michael Seeland ein ganz spezieller, denn seit dem 2. Januar ist er „nur“ noch angestellter Kieferorthopäde. „Sie ist jetzt meine Chefin“, sagt der 65-Jährige und blickt dabei auf Selva Acar, die seit 2014 in der Praxis für Kieferorthopädie in der Wörther Ottstraße arbeitet und diese nun führt.

Während dieser Rollentausch für die Patienten zunächst kaum eine Veränderung bringt, ist er für Seeland durchaus ein einschneidendes Ereignis. Immerhin war er mehr als 36 Jahre lang sein eigener Chef. Nachdem er sein Studium der Zahnmedizin in Marburg sowie die folgende kieferorthopädische Weiterbildung in Frankfurt und Köln abgeschlossen hatte, eröffnete er 1982 die Praxis in Wörth. „Zahnarzt Günter Ehmer kam damals auf mich zu und sagte, dass ein Kieferorthopäde dem Ort guttun würde“, erzählt Seeland. Also wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit, parallel dazu arbeitete er noch als Assistenzarzt in Frankfurt. „Das eine wurde mit der Zeit mehr, das andere weniger“, bis schließlich nur noch die eigene Praxis die Arbeitsstelle war. Seitdem hat er in der Ottstraße nach eigenen Angaben mehr als 10.000 Patienten behandelt. An den Ruhestand denkt er noch nicht. „So lange es gesundheitlich geht und wir uns gut vertragen“ wolle er weitermachen. „Mir macht das ja immer noch großen Spaß.“ Überhaupt vermittelt der gebürtige Landauer keineswegs den Eindruck, dass er mit der neuen Rollenverteilung ein Problem hat. Vielmehr freut er sich über neu gewonnene Freiheiten. Zwar arbeitet er weiterhin Vollzeit in der Praxis, „ich werde mir aber ganz bestimmt mehr Urlaub gönnen als bisher“, sagt er. Vor allem werde die arbeitsfreie Zeit sicherlich entspannter, denn die Verantwortung für Praxis und Mitarbeiter habe er ganz einfach nicht mehr. Was ihm die Übergabe zusätzlich erleichtert: Er ist sich sicher, dass er eine gute Nachfolgerin gefunden hat. Während der gemeinsamen Arbeit mit Acar in den vergangenen vier Jahren habe er gemerkt, dass sie sowohl menschlich als auch fachlich die Praxis in seinem Sinne fortführen kann. Wenn das nicht gepasst hätte, „dann hätte ich die Praxis auch nicht übergeben“. Dass dieser Schritt nicht schon früher erfolgte, lag vor allem an Acar. „Darüber gesprochen haben wir schon länger“, sagt sie. Sie sei aber zunächst unsicher gewesen und habe deshalb nicht zugestimmt. Vor allem Acars Familienplanung passte erst einmal nicht zusammen mit dem Schritt in die Selbstständigkeit. Nachdem sie aber 2016 ihr zweites Kind zur Welt brachte, fiel im Januar 2017 die Entscheidung zur Praxisübernahme. Aufgewachsen ist die 34-Jährige in München, das Studium der Zahnmedizin absolvierte sie in Würzburg. In den Südwesten verschlug es Acar 2010. Zwei Jahre lang arbeitete sie als Assistenzärztin in einer Karlsruher Praxis, 2013 schloss sie schließlich ihre kieferorthopädische Weiterbildung in Rheinland-Pfalz ab. Ein Jahr später schickte sie eine Initiativbewerbung an Seeland, der sie daraufhin anstellte. Parallel zu ihrer Tätigkeit in Wörth belegte sie an der Donau-Universität Krems in Österreich den Studiengang „Master of Science Kieferorthopädie“, den akademischen Grad bekam sie 2017 verliehen. Große Veränderungen in der Praxis plant sie zunächst nicht. Das betrifft vor allem das Team, das sie vollständig von ihrem Vorgänger übernimmt. „Darüber freue ich mich sehr“, sagt sie, denn sie könne von den über Jahre gewachsenen und funktionierenden Strukturen profitieren. Auch baulich wird keine Großbaustelle aufgemacht, einzig Böden, Wände und Möbel sollen renoviert beziehungsweise erneuert werden. Kompletter Stillstand herrscht aber natürlich nicht. So hat Acar bereits neue technische Dinge oder Materialien eingeführt, seitdem sie 2014 ihren Dienst in Wörth antrat. Auch die Digitalisierung wird weiter fortschreiten, „zum Beispiel hin zu einem System ohne Karteikarten“, blickt Acar in die Zukunft. Jetzt freut sie sich aber erst einmal auf die neue Rolle als Praxisinhaberin und darüber, „dass wir weiter zusammenarbeiten können“, sagt Acar und schaut in Richtung ihres „neuen Angestellten“. Dass sie die Praxis ähnlich lange wie Seeland führt, ist ihr klares Ziel: „Es ist mein Wunsch, 30 Jahre hierzubleiben – mindestens“.

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