Kreis Germersheim
Auch ohne Infektionen arbeiten Heime am Anschlag
Die Hagenbacher Einrichtung selbst war vor Weihnachten kaum mehr in der Lage, die Corona-Situation aus eigenen Kräften zu bewältigen. Personalengpässe infolge von Infektionen mit dem Virus oder Quarantänen sorgten dafür, dass die optimale Versorgung und Betreuung der Senioren nur schwer leistbar sei, wie es in dem Post hieß.
Nun, da die Weihnachtstage vorüber sind, zieht Annette Michel, Leiterin des Seniorenzentrum, ein positives Fazit der Aktion. 13 „Weihnachtsengel“ konnten schnell gefunden werden, wie sie berichtet. „Es war eine tolle Unterstützung, ich bin immer noch hin und weg.“ Geholfen haben die Ehrenamtlichen bei Haus- und Küchenarbeiten. So wurden etwa sackweise Kartoffeln abgeholt, zu Hause gepellt und geschält und wieder in der Einrichtung abgeliefert. Wie Karl Meyer, der mit seiner Frau Doris zu den Helfern gehört, berichtet, geht die Kartoffelschälaktion auch noch weiter. „Wir sind diese Woche noch mal dran und machen das auch gerne“, sagt er.
Die Senioren sind laut Michel „gerührt gewesen“ ob der Hilfe von außen. Aktuell sieht die Lage wieder etwas entspannter aus. „Es ist jetzt wieder gut zu schaffen“, sagt Michel. Mitarbeiter, die ausgefallen sind, seien nun wieder zurück im Dienst. „Wir sind normal besetzt“, sagt die Leiterin. Positiver Nebeneffekt der „Weihnachtsengel“-Aktion sei, dass der eine oder andere „Ehrenamtliche uns weiter begleiten möchte“, wie Michel freudig feststellt.
Es war kurz vor dem Kollaps
„Wir haben das Schlimmste fürs Erste überstanden“, sagt Annette Schenk, die das Altenzentrum St. Elisabeth in Germersheim leitet, mit Blick auf die eigene Personalsituation. Durch viele Quarantänefälle in der Belegschaft stand vor einigen Wochen auch ihr Heim kurz vor dem Kollaps. Dass es nicht soweit kam, sei allein der Belegschaft zu verdanken. „Die Mitarbeiter haben ihren Urlaub abgebrochen, sind eingesprungen und haben Überstunden gemacht. Ich habe noch nie so eine Hilfsbereitschaft erlebt“, sagt Schenk immer noch begeistert. Durch neu auftretende Corona-Fälle oder -kontakte seien im Heim teilweise zweimal am Tag neue Dienstpläne gemacht worden. „Die Uhrzeit hat nicht mehr gezählt. Es galt, Augen zu und durch“, beschreibt sie die Ausnahmesituation, die das Team und dessen Gemeinschaftsgefühl aber auch sehr gestärkt hätte.
Hilfe aus dem hohen Norden
Mit Umgestaltungen des Dienstplans und Überstunden muss aktuell das Haus Edelberg in Bellheim reagieren. Sechs Mitarbeiter und sieben Bewohner haben einen positiven Corona-Befund, zwei davon befinden sich im Krankenhaus und das ganze Haus in Quarantäne. Das Wörther Pfarrer-Johann-Schiller-Haus kämpft aktuell auch mit Einschränkungen durch zwei Corona- und mehrere Quarantänefälle in der Belegschaft. Ähnlich traf es auch das Altenpflegeheim Palatina in Westheim. „Wir haben das mit Honorarkräften überbrückt“, berichtet Hendrik Kleinfeldt, der in der Region aber keine Kräfte finden konnte. Fündig wurde er dann über eine Personalagentur in Hamburg. „Dann sind Leute aus Norddeutschland zu uns gekommen. Die waren vier Wochen bei uns, um die ausgefallenen Mitarbeiter zu ersetzen“, so der Einrichtungsleiter. Durch die Rückkehr vieler Mitarbeiter sei die Arbeit jetzt aber wieder ohne externe Hilfe möglich.
Dies erklärten auf Anfrage auch die anderen Alten- und Pflegeheime im Landkreis. „Wir haben das große Glück, keine positiven Fälle zu haben“, sagt der Leiter der AWO-Seniorenhäuser in Jockgrim, Joachim Grabe. Keine Corona-Infektionen bestehen nach Auskunft der Einrichtungsleitungen auch in den Pflegeheimen in Kandel, Lingenfeld und Lustadt. „Wie es der Rahmen der Pflege zulässt, können wir aktuell arbeiten. Wenn aber wieder Mitarbeiter ausfallen, wird es eng“, sagt Jasmin Grundler vom Haus Stephan in Lustadt.
„Großer bürokratischer Aufwand“
Zusätzlichen Aufwand bedeuten aktuell nicht nur die regelmäßigen Testungen der Bewohner und Mitarbeiter (Die RHEINPFALZ berichtete), sondern auch die Vorbereitungen der Impfungen. „Das ist nicht ganz so einfach, wie man sich das vorstellt“, berichtet Annette Michel, Leiterin des ASB Seniorenzentrums Hagenbach von einem „großen bürokratischen Aufwand.“ Bewohner und gegebenenfalls deren Betreuer müssten nach ihrer Impfbereitschaft gefragt und über mögliche Folgen unterrichtet, Aufklärungsbögen an Angehörige verschickt und Ärzte über die Feiertage konsultiert werden, schildern die Heime den zusätzlichen Aufwand, der „noch oben drauf“ komme. „Erst wenn alle Unterlagen beisammen sind, plant die Koordinierungsstelle der Impfkommission einen Termin“, sagt Grabe.
Welcher Arzt muss beim Impfen dabei sein?
Unklarheiten gab es dabei bei der Frage, welcher Arzt die Aufklärung durchzuführen und den Erfassungsbogen zu unterschreiben habe. Grabe und andere Heime hatten dazu schon die Hausärzte der potenziellen Impflinge hinzugezogen und erste Formulare unterschreiben lassen. Auf RHEINPFALZ-Anfrage stellte das Landesgesundheitsministerium klar, dass die Aufklärung über die Impffolgen durch einen bei der Impfung anwesenden Arzt erfolge. Eine Mitwirkung des Hausarztes sei möglich, aber nicht verpflichtend. Erst mit der Meldung der Impfbereitschaft an die Landes-Impfkommission erhielten die Einrichtungen die nötigen personalisierten Formulare, die kurz vor Weihnachten noch einmal überarbeitet wurden.
Die teils „widersprüchlichen Meldungen“ belasten die Heime zusätzlich. „Der Aufwand ist Wahnsinn“, sagt Schenk, die zur Vorbereitung der Impfungen ihren Urlaub abgebrochen hat. „Es braucht eigentlich eine Vollzeitstelle für die Verwaltung“. Sie sieht ein grundlegendes Problem: „Wir als Pflegeheime sind immer das letzte Glied. Das, was Gesundheitsamt oder Ärzte nicht schaffen, machen wir“. Gleichzeitig ist es ihr wichtig, die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt Germersheim zu loben. „Die tun ihr Menschenmögliches und sind fast durchgehend erreichbar“.
Impfbereitschaft ist hoch
Die große Mehrheit der Bewohner und Mitarbeiter der Pflegeheime sind zur Impfung bereit. „Bei uns wollen sich 70 Prozent der Bewohner und mehr als 60 Prozent der Pflegekräfte impfen lassen“, sagt Kleinfeldt. In Hagenbach liegt die Impfbereitschaft bei den Bewohnern gar bei über 90 Prozent. „Nur die Bewohner mit Vorerkrankungen sind vorsichtig“, sagt auch Schenk, die Unterschiede in den Altersgruppen feststellt. „Die Impfbereitschaft bei Älteren ist höher als bei den Mitarbeitern. Gerade die Jüngeren, die vielleicht noch eine Schwangerschaft planen, halten sich aus Sorge vor möglichen Langzeitfolgen zurück.“
Mit den ersten Impfungen rechnet Kleinfeldt im Altenpflegeheim Palatina schon am Mittwoch oder Donnerstag. Andere Heime wollten keine Prognosen abgeben oder warten noch auf Rückmeldungen der Impfkommission. Grabe fürchtet, dass es noch dauert bis auch alle Betreuer der Bewohner die nötigen Unterschriften geleistet hätten. Er mutmaßt, dass die Impfung in Jockgrim Mitte Januar erfolgen könne. „Es kann aber auch alles viel schneller sein“, will er sich nicht festlegen.