Bellheim RHEINPFALZ Plus Artikel Als Mädchen dank einer List vom Dorf in die Stadt gelangt

Anna Kopf mit ihrer neuesten Urenkelin Lene.
Anna Kopf mit ihrer neuesten Urenkelin Lene.

Anna Kopf wird 100 Jahre alt und kann noch viel aus ihrem bewegten Leben erzählen. Dabei ist es noch garnicht so lange her, dass sie zum letzten Mal an das Kap der Guten Hoffnung gereist ist.

Ein ganzes Jahrhundert hat Anna Kopf auf dieser Erde verbracht. Die Bellheimerin hat viel erlebt und gesehen, war manchmal ihrer Zeit voraus, und ist auch heute noch auf Zack. Am Samstag feiert sie mit Kindern, Enkeln und Urenkeln ihren großen, runden Geburtstag.

Wer will es ihr verdenken? Mit 100 Jahren sind die Augen nicht mehr so scharf, die Ohren nicht mehr so spitz wie früher. Und nach einem Sturz muss Anna Kopf im Rollstuhl sitzen. Doch wer glaubt, dass es der Seniorin deshalb an Lebensfreude mangelt, den belehrt sie schnell eines Besseren. Sie ist noch immer blitzgescheit, erzählt im Gespräch mit der RHEINPFALZ wie ein Wasserfall aus ihrem langen Leben.

Mit dem Rad zum Arbeitsamt

Geboren und aufgewachsen ist Kopf als Anna Fuchs in Knittelsheim. Sie war eine von sechs Kindern. Ihre Mutter verstarb früh. Als der Vater wieder heiratete, bekamen seine Kinder „eine gute Frau, eine zweite Mutter“, wie Kopf gerührt sagt. In Knittelsheim besuchte sie auch die Volksschule. Der normale Lebensweg eines jungen Mädchens wäre es gewesen, innerhalb des Dorfes zu heiraten und bei der Landwirtschaft mitzuhelfen. Es mangelte auch nicht an Anwärtern, erinnert sie sich lachend. Doch Kopf wollte aus dem kleinen Dorf nach Landau, was sie durch eine kleine List auch schaffte. „Als ich nachmittags auf dem Feld arbeiten sollte, gab ich vor, Kopfschmerzen zu haben. Statt ins Bett setzte ich mich aufs Fahrrad und fuhr nach Landau ins Arbeitsamt, um mich über meine Möglichkeiten schlau zu machen.“

Einige Zeit später kam dann ein Brief ins Haus – alle waren stutzig, woher das Amt den die Adresse der kleinen Annie her hatte? Ab dann war die 15-Jährige im Landauer Lebensmittelgeschäft Tengelmann tätig. Dabei musste sie sich zunächst in der Stadt und zu Hause in Knittelsheim einiges anhören. „Im Geschäft war ich eine Außenseiterin, weil ich anders gesprochen habe als die Leute in der Stadt. Zu Hause waren sie eifersüchtig, weil ich nun besser angezogen war als die anderen Mädchen im Dorf.“

Erinnerungen an schwere Zeiten

Ihre ersten Arbeitsjahre fielen zudem in eine turbulente, und wie Kopf sagt, finstere Zeit. „An meinem zweiten Tag in Landau hat die Synagoge gebrannt!“, erinnert sich die 100-Jährige. Und schiebt sichtbar aufgebracht hinter her, wie sehr sie das alles heute noch aufregt. Sie erinnert sich auch noch an SA-Männer, die vor jüdischen Geschäften die Kunden einschüchterten, und an Kundinnen bei Tengelmann, die versuchen mussten, ihren Judenstern zu verbergen.

Zum Glück sollte es in Kopfs langem Leben auch wieder bessere Zeiten geben. Zum Beispiel, als sie ihren Mann Willi bei einem Tanzabend kennen lernte. Mit ihm gründete sie nicht nur eine Familie, sondern 1960 auch das in Bellheim noch vielen bekannte Geschäft „Radio Kopf.“ Mit Willi war sie bis zu seinem Tod 2009 ein Paar. „Fünf Kinder großziehen und das Geschäft schmeißen, das war nicht immer leicht“, weiß Kopf. Das Geheimnis war es, sich auf den Partner einzustellen und die Aufgaben gemeinsam zu bestreiten.

Reisen in die ganze Welt

Neben der Arbeit hat Kopf es geliebt, zu stricken, zu wandern und Fahrrad zu fahren. Auch in der Welt herumgekommen ist sie: Ob im Urlaub in der Türkei oder Mallorca, oder bis ans andere Ende der Welt nach Südafrika, wohin eine ihrer Töchter ausgewandert ist. In Erinnerung blieb ihr 80. Geburtstag, den sie im großen Stil in Afrika feierte. Und auch mit stolzen 89 Jahren hat sie es nochmal runter geschafft ans Kap der Guten Hoffnung.

11 Jahre später fordert das Alter seinen Tribut, Kopf kann nicht mehr alles machen, was sie gerne machen würde. Allein wird sie aber niemals sein müssen. In der Tagespflege, die sie zwei Mal die Woche aufsucht, sagt man ihr, sie sei „die älteste, und die bestangezogene“, berichtet sie lachend. Voll des Lobes ist sie für ihre Pflegekraft, mit der sie inzwischen zusammen lebt. Und bei fünf Kindern, neun Enkeln, und zwölf Urenkeln mangelt es auch nie an Besuch. „Ich bin lebensfroh durchs Leben gegangen und habe alles gut überstanden“, sagt Kopf zum Abschied.

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