Kreis Germersheim 45 Prozent werden Mediziner
«Wörth.» Am 8. Juni 1977 verabschiedete Schulleiter Dieter Rößler 86 frischgebackene Abiturienten (Frauenanteil 39.5 Prozent). Vom 2. Mai bis 6. Juni waren 88 Kandidaten geprüft worden. Im Vorjahr hatte Wörths erster Abiturjahrgang die erfahrungsoffene Aufbauphase der Schule abgeschlossen. Routine bestimmte nunmehr den Berufsalltag des landesweit jüngsten Lehrerkollegiums.
Vergangen war auch die Pionieratmosphäre der Gründerjahre. Mitte 1970 wechselte man vom beengten Interim der Dorschbergschule ins nagelneue Gymnasiums-Gebäude. Dort winkten attraktive Extras: Großsporthalle, Filmsaal/Schulkino, Sprachlabor, Kellertheater, Fach-/Experimentierräume, Kunstsäle. Das ließ die Schülerzahl steigen. Bald folgte ein Erweiterungsbau mit Aula und Bibliothek. Pädagogisch-musische Angebote flankierten den Unterricht. „Dank unseres theaterkundigen Rektors blieben wir dem Zeitgeist sogar dramaturgisch auf den Fersen“, ergänzt ein „77er“. Ab Herbst 1971 thematisierte das Badische Kammerschauspiel im gymnasialen Keller die Probleme der jungen Generation: „Barbara liebt“ (Sexualität), „Ausgeflippt“ (Drogen), „Mitschuldig“ (Jugendkriminalität). Höheren Unterhaltungswert besaßen die Auftritte des Pantomimen „Pinguin“. Ganz zu schweigen von dem Musikfestival, das Schulchor, Bigband und verschiedene Ensembles jährlich in der Sporthalle veranstalteten. Schulsprecherwahlen galten manchen als „mehrheitsdemokratisch-genormte Trockenübung“ ohne praktischen Wert. Andere nutzten sie listig zur Selbstinszenierung. Hinter dem Schüleraustausch mit Bourbon-Lancy (Frankreich) und Gosport (England) standen alle. In der Raucherecke jedoch nur über 16-jährige Nikotinjünger. Bis zum Eintritt in die reformierte Oberstufe hatten die „77er“ regelmäßig Samstagsunterricht. Von Arbeitsgruppen auf freiwilliger Basis abgesehen waren die Nachmittage frei. Im Frühsommer 1974 rückte die Oberstufe heran. Und damit der Wechsel vom Klassen- zum Jahrgangs-Kurssystem. Außerdem die Wahl und Kombination der Grund- und Leistungsfächer. Entscheidungshilfe gewährte die Schulpsychologie durch IQ- und Kompetenz-Tests. Methode und Ergebnisse erheitern die beteiligten Schüler seit Jahrzehnten. 29 Abi-Kandidaten von 1977 entstammten dem 137-köpfigen Sextanerjahrgang 1968/69. Weitere 26 übersprangen via Sonderklasse ein Mittelstufenjahr und gelangten früher in die Oberstufe. 33 waren Repetenten und Realschul-Zugänge. Sie kamen aus einem guten Dutzend Gemeinden des südlichen Kreises Germersheim. Ihre Altersspanne reichte vom 17. bis zum 21. Lebensjahr. 10 der 86 Absolventen blieben unter einem Notendurchschnitt von 2.0, einer erzielte optimale 0.75. „Traumnoten“ jubelte die Regionalpresse, nicht ahnend, dass die Entkopplung von Zensuren und Bildungsniveau künftig für eine Dauerschwemme von Spitzennoten mit bedingter Hochschulreife sorgen würde. Rund 60 Prozent der „77er“ absolvierten ein Hochschulstudium. Ihre marktkonforme Studienwahl lag im Trend: 45 Prozent wurden Mediziner, Ingenieure und Lehrer. Wirtschafts-/Naturwissenschaften und technische Fächer folgten auf Distanz. Geistes-/Kulturwissenschaften, Kunst und Theologie bildeten Ausnahmen. Angesichts ihrer prekären Situation wandten sich in den frühen 1980er Jahren vor allem Lehramtsbewerber anderen Metiers zu, etwa der aufkommenden IT-Branche. Bei der Verabschiedung mahnte Rektor Rößler „seine“ Abiturienten, Staat und Gesellschaft „hin und wieder“ zu bejahen. Ein „Nur-Nein-Standpunkt“ verändere nichts. „Der ewige Nein-Sager bringt die Welt nicht voran“, zitierte ihn DIE RHEINPFALZ am 29. Juni 1977. „Es sei „einfacher und bequemer alles zu verneinen, als kritisch Ja und Nein zu mischen“. Die rhetorisch geschliffene, doch polemische Gleichsetzung von Kritik und prinzipieller Verneinung verärgerte manche Schulabgänger. Drei Tage danach druckte die RHEINPFALZ auszugsweise die Antwort einer aufgebrachten Minfelder Abiturientin: Sein Ja-Appell sei überflüssig, da „die pädagogische Mühle den letzten Nein-Sager schon längst zermahlen hat“. Gerade an der Schule wäre es „am allereinfachsten, immer Ja und Amen zu sagen“. Rößler entgegnete, solche Kritik beweise, „dass unsere Schüler nicht zu ,Ja und Amen“ erzogen werden“. Allerdings seien „die kritischen Äußerungen unserer Schüler noch mehr zu qualifizieren“, meinte er.