Deidesheim
Tourismus: Bis Ende Oktober so gut wie ausgebucht
Herr Wemhoener, wir haben zuletzt aus Maikammer gehört, dass die Hotels mit den Buchungen sehr zufrieden sind. Können Sie das bestätigen?
Ja, die Buchungszahlen sind auch bei uns sehr gut. Die Wochenenden sind bis Ende Oktober so gut wie ausgebucht. Unter der Woche gibt es vereinzelt noch die Möglichkeit, jemanden unterzubringen, das war im vergangenen Jahr nicht so. In diesem Jahr ist die Lage also ein bisschen entspannter. Das Gleiche kann man für die Gastronomie sagen. Die Nachfrage ist hoch, obwohl wir eine hohe Gastronomie-Dichte haben.
Nun gab es ja schon vor Corona eine Diskussion darüber, wie der Tourismus sich weiter entwickeln soll – auch im Hinblick auf Nachhaltigkeit. Jetzt stellt sich die Frage: Kehrt man wieder zurück zum Tourismus vor der Pandemie, oder geht man neue Wege. Wie sehen Sie das?
Es gibt zwei, drei Trends, die ich für langfristig halte. Der erste ist der Naturtourismus. Gerade im vergangenen Jahr haben viele Menschen die Natur für sich entdeckt. Viele Gäste haben nach Wandern, Nordic Walking oder Mountain Bike gefragt. Da waren auch viele dabei, die sozusagen Naturanfänger waren. Das haben wir in den Beratungen festgestellt. Das Feedback auf die Angebote hier war einhellig positiv.
Sie sprachen von zwei, drei Trends. Welche sind die anderen?
Ein weiterer wichtiger Trend geht in Richtung autarkes Reisen. Wohnmobile sind absolut hip. Der Vorteil für viele ist, dass man individuell und auch spontan reisen kann. Auch die Ferienwohnungen laufen sehr gut. Die Menschen suchen so ein bisschen ihren eigenen, abgeschlossenen Bereich.
Geht man denn davon aus, dass die Fernreisen wieder im gleichen Maß zurückkommen wie vor der Pandemie? Das hätte doch aus Auswirkungen auf den Tourismus vor Ort, denn der Kuchen kann ja nur einmal verteilt werden.
Die Branche geht davon aus, dass es einen Aufhol-Effekt geben wird. Etliche Reisen sind aufgeschoben worden, das wird wohl nachgeholt werden. Aber die Menschen haben die Vielfalt von Deutschland kennen gelernt, und das vergessen sie nicht. Ich denke schon, dass die Pfalz die Chance genutzt hat, neue Gäste hierherzuholen und zu binden.
Was bedeutet das? Mehr Touristen?
Unser Ziel ist es, eine bessere Auslastung über das Jahr hinzubekommen. Wir wollen unsere Bettenkapazität nicht erhöhen. Natürlich gibt es in einzelnen Segmenten noch Spielraum. Wir haben ja die Diskussion über das Hotel in Forst, das ist aus unserer Sicht verträglich mit nachhaltigem Tourismus. Auch wenn noch weitere Ferienwohnungen entstehen, ist das in Ordnung. Aber unser Hauptziel ist eine bessere Auslastung der Bettenkapazitäten. Das gelingt uns auch nach und nach, im Frühjahr beispielsweise über das Thema Mandelblüte. Gleichzeitig müssen wir uns fragen, wie wir künftig mit Veranstaltungen umgehen möchten.
Wir hatten jetzt zwei Jahre keine Deidesheimer Weinkerwe, die Menschen vor Ort haben sie sicher vermisst. Aber war es ein Problem für den Tourismus?
Wenn man rein die Übernachtungszahlen nimmt: nein. Die Weinfeste gehören aber zum Pfälzer Lebensgefühl dazu, zu unseren Traditionen. Das ist Kulturgut. Aber auch Traditionen kann man weiterentwickeln.
Wie ist da Ihre Position?
Ich glaube, wir haben bei der Anzahl der Besucher den Peak erreicht. Wir hatten beispielsweise bei den jüngsten Weinkerwen zwischen 220.000 und 240.000 Besucher über die zehn Tage. Ich persönlich glaube, dass das in Zukunft nicht mehr darstellbar sein wird. Aber wir haben viele tolle Höfe und tolle Parks, die man noch viel aktiver in die Weinfeste miteinbeziehen kann.
Aber was heißt, es ist nicht mehr darstellbar? Denken Sie, es kommen nicht mehr so viele Leute, weil die Menschen vor Massenveranstaltungen zurückschrecken? Oder ist es nicht mehr gewollt?
Ich denke, es ist eine Gemengelage. Zum einen ist es natürlich logistisch eine Herausforderung für eine Weinstadt mit 3800 Einwohnern, eine so große Veranstaltung umzusetzen. Allein die Verkehrslogistik: Auch wenn ein Teil mit dem ÖPNV kommt, reisen viele mit dem Pkw an. Aber auch alles, was mit Sicherheit zu tun hat, ist eine große Herausforderung.
Mal angenommen, die Menschen haben keine Bedenken zu Massenveranstaltungen zu gehen. Da stellt sich doch die Frage, wie die Anzahl der Gäste begrenzt werden kann. Das ist ja bei einem Weinfest nicht so einfach.
Das ist richtig, wir können nicht die ganze Stadt einzäunen. Wir werden für die Kerwe im kommenden Jahr sehr früh mit der Planung beginnen und auch die Betriebe nach ihren Erfahrungen mit den Angeboten in diesem Jahr fragen. Es gab ja eine sehr schöne Stimmung in der Stadt. Aber man muss ja auch daran denken, dass an einer Weinkerwe mehr hängt. Für die Vereine ist das ein wichtiger Weg, um ihre Kasse aufzubessern. Aber klar: Deidesheim ist eine Cittàslow-Stadt, die Deutsche Weinstraße eine Nachhaltigkeitsregion.
Noch einmal zum Thema Bettenkapazität. In verschiedenen Gemeinden entstehen neue Hotels, ich nenne mal Forst und Maikammer. In anderen wird darüber diskutiert, derzeit beispielsweise in Bad Dürkheim. Wie viele Hotels verträgt die Region noch?
Man muss da jeden Fall einzeln betrachten. Ein Trend eint uns alle: Wir haben einen starken Rückgang an Privatvermietern. Es gibt kaum noch jemanden, der bereit ist, ein oder zwei Zimmer anzubieten und dafür den ganzen Aufwand in Kauf zu nehmen. Der Bereich bricht komplett weg. Das heißt, es findet hier eine Professionalisierung statt, und die Einheiten werden größer. Das kommt den Kunden entgegen, weil das Anspruchsdenken gewachsen ist. Dann muss man natürlich die jeweilige Situation vor Ort betrachten. Hier in der Verbandsgemeinde würden wir gerne die Orte um Deidesheim herum stärken.
Noch eine Frage zum Weihnachtsmarkt: In Lambrecht ist der Weihnachtsmarkt schon abgesagt worden. Wie läuft es in Deidesheim?
Wir planen derzeit zweigleisig. Einmal tun wir so, als wäre nichts. Die Chancen, einen ganz normalen Weihnachtsmarkt zu erleben, sind allerdings sehr gering. Variante zwei ist, gar keinen Weihnachtsmarkt zu organisieren, sondern dezentral eine Weihnachtszeit mit verschiedenen Partnern, darunter Betriebe und die Kirchen. Das heißt, wir rücken die Idee des Deidesheimer Advents in den Vordergrund. Ich könnte mir vorstellen, dass so etwas stattfinden kann. Aber dazu muss der Stadtrat eine grundsätzliche Entscheidung treffen.
Noch etwas ganz Anderes: die barrierefreie Bushaltestelle. Östlich oder westlich des Bahnhofs, welches wäre die bessere Lösung Ihrer Meinung nach?
Also erst einmal: Bus ist grundsätzlich wichtig, barrierefreie Haltestellen sind es auch. Es gibt zwei weitere Aspekte: Die Stadt Deidesheim ist Luftkurort, und wir werden in den kommenden Jahren ein neues Luftgutachten in Auftrag geben. Im jüngsten Gutachten gab es einen deutlichen Hinweis, dass man versuchen sollte, den Verkehr aus der Innenstadt herauszuhalten, besonders den Schwerlastverkehr und die Busse. Ein weiterer Punkt: Es gibt die Vision, die verschiedenen Möglichkeiten der Mobilität zu vernetzen. Das ist diese Idee, einen so genannten Hub zu bilden, also einen verkehrstechnischen Knoten für die gesamte Verbandsgemeinde. Ein Bereich, in dem ÖPNV, E-Mobilität, Car-Sharing, Rad-Verleih und Ähnliches an einer Anlaufstelle zusammengebracht werden. Da könnte auch ein E-Shuttle zum Wald angedockt werden. Aus meiner Sicht kann das in Deidesheim nur auf der östlichen Seite des Bahnhofs entwickelt werden.