Hassloch
Fly-out-Tage: Segelflug einmal selbst erleben
Letzte Anweisungen, noch ein Check der Flügel, dann senkt sich die Glaskuppel über dem Gastpilot und dem Fluglehrer. Das Zeichen zum Start wird gegeben, und los geht’s. Nach rund 30 Metern bei einer Geschwindigkeit von etwa 70 Stundenkilometern hebt der grazile Segelflieger ab, beschleunigt im Steilflug noch auf 120 Stundenkilometer, wird vom Seil gehalten in die Waagerechte bei dann „nur“ noch 100 Stundenkilometer gebracht, bevor das Seil schließlich ausgeklinkt wird. Dauer: maximal 30 Sekunden.
Man beschleunigt nicht, sondern ist gefühlt sofort auf Geschwindigkeit“, sagt Tim. Er ist heute einer der sechs Gastpiloten des Haßlocher Segelflugsportvereins (SFSV), der an diesem Wochenende seine Fly-out-Tage anbietet. Interessierte können mit den vereinseigenen Fluglehrern erste Segelflugerfahrungen sammeln – entweder vorne als Pilot oder hinter dem Piloten als Passagier.
Tim kommt aus Geiselberg, das liegt zwischen Pirmasens und Kaiserslautern. Seinen Flug hat er als einer der ersten an diesem sonnigen Samstagmorgen schon erleben dürfen. Begeistert erzählt er vom Start. Es sei in der ersten Phase nahezu unmöglich, sich zu bewegen. Die Kräfte der unglaublichen Beschleunigung, drückten ihn in den Sitz. „Ich wollte ein Video mit meinem Smartphone machen. Aber das habe ich dann nur noch irgendwie festhalten können“, sagt er lachend. Achterbahn und Free-Fall-Tower seien ein Kinderspiel gegen den Start mit einem Segelflieger, der mit einer Winde gezogen wird.
Ruhiger als mancher Linienflug
Auf dem Haßlocher Segelflugplatz sind Starts ausschließlich mit der Winde erlaubt. Nach dem Ausklinken des Seils habe er ein Gefühl von Freiheit erlebt, erzählt Tim. „Eigentlich habe ich erwartet, dass sowohl Start als auch Landung unruhiger, holpriger werden. Besonders hier auf dem Grasboden. Doch es war ruhiger als mancher Linienflug.“ Der 20-Jährige möchte unbedingt selbst einen Flugschein machen, muss jedoch noch warten, denn er ist stark kurzsichtig. Für eine Laserbehandlung ist er noch zu jung. Bis dahin will er jedoch weiter mitfliegen. Besonders gefällt ihm, dass dieser Sport mit Nervenkick umweltschonend und fast ohne Energie auskommt – abgesehen von der motorbetriebenen Winde.
Reinhard Müller aus Maikammer will ebenfalls einen Segelflug erleben. Der 74-Jährige ist einfach neugierig. „Den Wunsch habe ich schon länger, und jetzt ist die Gelegenheit sozusagen vor der Haustüre“, sagt er. Nervös? Nein, nervös sei er nicht. Er habe keine Höhenangst, fahre auch Achterbahn und leide nicht unter Reiseübelkeit. „Ich habe nur Probleme in einem Grubenstollen, nicht in Flugzeugen“, sagt er.
Tim Diehl ist Kassenwart des Segelflugsportvereins. Er hat die Organisation des heutigen Tags übernommen. Er ist mit der großen Resonanz auf ihre Fly-out-Tage sehr zufrieden: Fünf Piloten und eine Pilotin haben sich für das zweitägige Schnupperseminar angemeldet, und zehn Gäste sind an einem Mitflug interessiert. Das ist ein großer Erfolg, denn der Verein möchte Mitglieder anwerben.
Gute Thermik über Kläranlage und früherem Real
Zurzeit zählt der Verein insgesamt 70 Mitglieder, davon sind 20 aktiv und rund 15 Segelflieger regelmäßig auf dem Platz. Auch heute sind sie da und helfen, die Fluggeräte startklar zu machen und alle Fragen der Gäste zu beantworten. Es wird viel über Thermik gesprochen, und wo die besten Flugbedingungen herrschen.
Über dem Flugplatz kreist majestätisch ein Bussard – ohne Flügelschlag. Ob die Vögel nicht bei Start und Landung zum Problem werden können? „Nein. Sie zeigen uns ganz im Gegenteil, wo die Thermik günstig ist“, sagt Christian. Der 33-Jährige fliegt, seitdem er 16 ist. Er kennt sein Gebiet. „Über der Kläranlage und über dem ehemaligen Real-Gelände herrschen gute Bedingungen“, erzählt er. Änderungen der Beschaffenheit in der Landschaft seien Thermikauslöser: wie die Kante zwischen Wald und Wiese. Heute sei noch mit einer Änderung der Thermik zu rechnen, denn es sei noch früh. „Wenn sich der Boden erwärmt, ändern sich auch die Luftmassen“, sagt er.
Die Gäste helfen beim Vorbereiten der Flieger, schieben sie in Position, befestigen das Seil. Die Mitglieder erklären, zeigen, beantworten. Sie erzählen von Freiheit, Ausblick, Ruhe und Windrauschen. Sie berichten von ihren stundenlangen Ausflügen. Die Gäste saugen jede Information, jede Erzählung neugierig auf.
Dieter ist einer der erfahrenen Fluglehrer. Er hat schon viele Schüler ausgebildet. Besonders freut er sich über die Begeisterung der teils sehr jungen Flugschüler. Ab 14 Jahren darf mit dem Fliegen begonnen werden. „Die jungen Menschen sind sehr lernbegierig und mit großer Konzentration bei der Sache. Außerdem lernen sie hier im Verein noch viele weitere Dinge wie Teambildung, Verantwortung und Selbstständigkeit. Sie werden handwerklich geschickter, denn schließlich gibt es immer etwas zu richten und reparieren“, weiß er. Dieter erzählt von einem seiner Schüler, der sich als einer von sehr vielen Bewerbern auf eine Ausbildung gegen die Konkurrenz durchsetzen konnte. „Weil er Segelflug als Hobby angegeben hat und davon berichten konnte.“
46 Starts und Landungen
Der erste Tag des Schnupperseminars verlief reibungslos. Die Teilnehmer waren begeistert. „Wir konnten jeden mehrmals starten lassen“, erzählt Diehl. Insgesamt waren es 46 Starts und Landungen. Das sei Rekord, soweit er sich erinnern könne. Er habe das Gefühl, dass bei einigen Gästen die Faszination für das Fliegen groß war, und sie sich für eine Mitgliedschaft entscheiden könnten. „Nicht nur das Fliegen selbst konnte überzeugen, sondern auch wir als Verein. Sogar ein Teilnehmer, der etwas blass aus dem Flieger stieg, interessiert sich für uns, weil es bei uns so entspannt und familiär zugehe“, freut sich Diehl.
Die nächste Gelegenheit zum Schnuppern bietet der Segelflugsportverein am ersten Septemberwochenende während des Flugplatzfestes in Haßloch. Aber sicherlich würden die Fly-out-Tage wiederholt, so viel stehe schon fest, bestätigt Diehl.