Kreis Bad Duerkheim „Eine abgedrehte Geschichte“

Wolfram Gratz kam über seine Promotion nach Ungarn.
Wolfram Gratz kam über seine Promotion nach Ungarn.

Ein „Pfälzer Weingut am ungarischen Plattensee“ hat Wolfram Gratz aus Waldsee seit 1999. „Erstmals auf kommerziellem Parkett“ präsentiert sich der bisherige „Privatwinzer“ seit Herbst 2018 mit seinem Online-Shop. Man kann sich seine Flasche aber auch bei der Winzerfamilie persönlich in der Lerchenstraße 34 abholen.

Mit rund 15 Euro für den Liter sind der Merlot, der Cuvée ebenso wie der Cabernet des Jahrgangs 2017 von Wolfram Gratz durchaus in der gehobeneren Preisklasse angesiedelt. „Ein Wein für 2,99 Euro kann nicht nachhaltig produziert sein“, benennt der 57-Jährige, worauf es ihm ankommt. Eine verkaufte Flasche bringe ihm rund drei Euro Gewinn. 10.000 Flaschen habe er auf Lager. „Reich werde ich damit nicht“, sagt Gratz. Aber worum geht es dem promovierten Betriebswirtschaftler, wenn nicht um den materiellen Gewinn? „Es geht darum, sich dreckig zu machen, Hand anzulegen“, schwärmt Gratz. In der Herstellung der Weine werde auf das „gängige und energieintensive Osmose-Verfahren“ verzichtet und die laut Gratz „natürlichere und sanftere Saignée-Methode“ angewendet. So werden die Weine nach Gratz in „nummerierten Kleinstauflagen“ produziert. Mit zwei Hektar sei die Anbaufläche im ungarischen Anbaugebiet Balatonfüred-Csopak vergleichsweise „winzig“. Der kalkhaltige Boden um das Dorf Udvari mit seinen knapp 500 Einwohnern biete „ideale Voraussetzungen für den Anbau von Blaufränkischem, Cabernet Sauvignon und Merlot“, so Gratz. Bewirtschaften ließen sich die 10.000 Reben mit einer Lebenserwartung von rund 30 Jahren und einem jeweiligen Ertrag von drei Kilogramm Trauben mit fünf fachkundigen, einheimischen Mitarbeitern zwischen 56 und 74 Jahren. „Würde ich auf Masse gehen, könnte ein Rebstock bis zu 16 Kilogramm tragen“, verdeutlicht Gratz. Zur Lese brächten die einheimischen Mitarbeiter dann ihre Ehepartner mit, so dass mit zwei weiteren Freunden, Gratz Lebensgefährtin Dorothée Schmitt (57) und Sohn Raphael Schäfer (22) nur 15 Leute die Arbeit bewältigen können. Einzige maschinelle Hilfe sei ein Traktor. Genau das sei der Vorteil seiner kleinen Anbaufläche: „Für zehn Hektar bräuchten Sie 25 Leute, für 100 Hektar 250 und so weiter“, rechnet Gratz imaginär bis zu den 2500 Mitarbeitern bei 1000 Hektar. Und warum liegt das Pfälzer Weingut jetzt in Ungarn? „Das ist eine abgedrehte Geschichte“, holt Gratz aus bis in die 1980er-Jahre. In Betriebswirtschaftslehre schrieb der gebürtige Saarländer von 1983 bis 1987 an seiner Doktorarbeit zum Thema „Wie passen sich Betriebe einem sozialistischen Umfeld an?“. Anfang der 80er-Jahre sei es noch schwer gewesen, für diese Aufgabenstellung einen Professor als Doktorvater zu interessieren. Als aber der Eiserne Vorhang fiel, sei Gratz mit seiner Arbeit ein gefragter Mann gewesen. „Wie zerlegt man sozialistische Staatskonglomerate?“, lautete das Problem, zu dessen Lösung er für die Hanns-Seidel-Stiftung 1989 nach Ungarn gegangen sei, um beim Aufbau der Treuhand mitzuwirken. Im gleichen Jahr hat Gratz ein „Personal- und Marktberatungsunternehmen“ in Budapest gegründet. „Das war eine schöne Einnahmequelle in den 90er-Jahren“, erinnert sich Gratz. Die Einnahmen habe er auch in Ungarn „reinvestieren“ wollen. So erwarb er eine Fläche von 1650 Quadratmetern. „Das Areal lag aber in einem Nationalpark“, erzählt Gratz. So habe die Behörde ihm zur Auflage gemacht, drei Viertel der Fläche „für Obst oder Reben“ zu nutzen. „Auf Schnaps hatte ich keine Lust.“ So habe er sich für Reben entschieden. Nach einigen Bildungsexkursionen nach Frankreich habe er 1999 die ersten Reben gepflanzt. Die erste Lese war 2004, „der erste trinkbare Jahrgang“ 2007. Weil seine Weine ab 2009 in Ungarn regional ausgezeichnet worden seien, habe sein Jahresumsatz bei Belieferung einzelner Gastronomen am Plattensee bei rund 200.000 Euro gelegen.

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