Karlsruhe Splitter und Scherben der Geschichte

Den Theaterintendanten Hans Waag hatten die Nazis auf dem Kieker, der Schulleiter Guido Goeß hatte sich dagegen perfekt an das N
Den Theaterintendanten Hans Waag hatten die Nazis auf dem Kieker, der Schulleiter Guido Goeß hatte sich dagegen perfekt an das Naziregime angepasst, samt brauner Uniform.

Die Ausstellung ist klein, hat es aber in sich: Das ZKM zeigt jetzt die Ergebnisse des schulübergreifenden Projekts „Nationalsozialismus in Karlsruhe“ aus dem zu Ende gegangenen Schuljahr 2017/18. Bereits zum vierten Mal fand dieses Projekt für Schüler der Jahrgangsstufe 11 statt.

So etwas erfordert an Geschichte und Gesellschaft interessierte Gymnasiasten und ebenso engagierte Lehrer. Und es gibt auch zahlreiche Unterstützer von der ZKM-Medienkommunikation über die Schülerakademie und das Generallandesarchiv bis zur Landeszentrale für politische Bildung und das KIT. Das Thema war anspruchsvoll: „Zersplittern und zusammenfügen oder: Wie lebendige Erinnerungskultur neue erfunden werden kann“. Denn das Erinnern wird nicht einfacher: Die Zeitzeugen der Jahre zwischen 1933 und 1945 sterben weg, die Ereignisse werden mehr und mehr entrückt und dabei wäre doch auch angesichts derzeitiger gesellschaftlicher Verwerfungen und der Nöte Europas das Erinnern so wichtig. Dabei gäbe es, so Janine Burger vom ZKM, „noch viel zu entdecken und aufzudecken aus der NS-Zeit.“ Anspruchsvoll ist auch das Projekt selbst. Der eine Teil ist ein Seminarkurs, in dem die Schüler ihre selbst gewählten Themen wissenschaftlich erarbeiten. Und da habe man gelernt, so Benjamin Hellinger vom Bismarck-Gymnasium, „wie man recherchiert und eine Seminararbeit schreibt“. Weil aber die erfahrungsgemäß dann nur wenige lesen, galt es anschließend das jeweilige Thema unter Begleitung zweier Profis auch künstlerisch umzusetzen. Dass dabei vor allem als Ausdruckformen die Installation oder das Video gewählt wurden, ist naheliegend. Die Ergebnisse sind erstaunlich. Erinnert wird zum Beispiel an Hans Waag, der bis 1933 Intendant des Badischen Staatstheaters war und nach Vorwürfen wegen sexuellen Missbrauchs von den Nazis, denen seine Kunstauffassung missfiel, schließlich aus dem Amt gedrängt wurde. Oder an die Karlsruher Theaterlegende und Goethe-Schüler Kurt Müller-Graf, der zwar seine Schauspieler-Karriere 1935 startete, aber offenbar auch gelegentliche Schwierigkeiten mit den neuen Herren hatte. Es geht um Arisierung und Widerstand, den „Blutzeugen“ und den „badischen Horst Wessel“ Paul Billet oder den Goethe-Schulleiter Guido Goeß, der in Uniform durch die Schulflure spaziert sein soll. Besonders eindrucksvoll verdeutlicht Sophie Maria Ford vom Bismarck-Gymnasium den rücksichtslosen Umgang mit jüdischem Besitz. Das Projekt hat offenbar eine gewisse Außenwirkung entfaltet. Es gebe zunehmend externe Tipps nach dem Motto „das wäre doch auch was für euch“, berichtet etwa Tobias Markowitsch, Lehrer und Projektbetreuer am Bismarck-Gymnasium. Die Arbeitsgemeinschaft, der neben den Gymnasien und dem ZKM auch der Stadtjugendausschuss angehört, will es denn auch unbedingt weiterführen. Info Bis 9. September im ZKM (Musikbalkon, Eintritt frei). Im Netz: www.ns-in-ka.de.

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