Karlsruhe Sicherheit geht vor Pünktlichkeit

Thomas Will, Fahrdienstleiter in der Betriebszentrale Karlsruhe an seinem Arbeitsplatz. In der Betriebszentrale Südwest der Bahn
Thomas Will, Fahrdienstleiter in der Betriebszentrale Karlsruhe an seinem Arbeitsplatz. In der Betriebszentrale Südwest der Bahn stellen die Mitarbeiter per Mausklick die Weichen für täglich 8500 Züge.

Die S3 nach Karlsruhe Hauptbahnhof fährt mit fünf Minuten Verspätung auf den Bahnhof Bruchsal zu, einige Kilometer dahinter kommt ein TGV angerauscht. In ein paar Minuten würde der französische Fernzug der S-Bahn auffahren oder müsste stark bremsen. Doch Fahrdienstleiter Thomas Will sieht den Konflikt auf seinen Monitoren. Mit zwei Mausklicks stellt er die Weichen und Signale vor dem Bahnhof um, lenkt die S-Bahn auf ein anderes Gleis und der TGV kann die S3 bei unverminderter Fahrt überholen. Will ist einer von 4300 Mitarbeitern der Betriebszentrale Südwest der DB Netz AG in Karlsruhe und dort einer von etwa 220 Fahrdienstleitern. Für rund 8500 Züge stellen sie in der Schaltzentrale täglich die Weichen und sorgen dafür, dass sie möglichst sicher und pünktlich durch Baden und Südpfalz rollen. 4500 Streckenkilometer betreuen die Eisenbahner von dem Gebäude am Karlsruher Bahnhof aus. Schematische Linien auf ihren Bildschirmen zeigen die Gleise. Auf ihnen schieben sich die Züge in Gestalt vierstelliger Zugnummern über die Monitore. Sind die Linien grün, ist das Gleis frei. Besteht ein Konflikt, färbt sich die Gleislinie rot. Das könnte theoretisch auch heute schon ohne menschliches Zutun funktionieren. Doch wer öfter Bahn fährt weiß, dass nicht immer alles nach Fahrplan läuft. „Wenn der Fahrdienstleiter nichts macht, steht hier alles still“, sagt Will. Denn: Der Güterverkehr lässt sich nicht im Fahrplan integrieren, weil Kunden jeden Tag andere Züge auf anderen Strecken buchen. Also muss der Mensch ran. Die eigentliche Herausforderung sind aber „plötzlich eintretende Ereignisse“, wie es die Bahn nennt. Das sind etwa Störungen durch Unwetter, die Bäume auf die Gleise werfen. Das melden dann die Lokführer an die Betriebszentrale melden. Die sperrt dann den entsprechenden Bereich, alarmiert Polizei und Feuerwehr und schickt auch eigene Mitarbeiter zum Einsatzort. Das folgenschwerste „plötzliche Ereignis“ der vergangenen Jahre war die Tunnelhavarie in Rastatt im Sommer 2017. Bei Tunnelbauarbeiten sackte ein Abschnitt der Rheintalbahn ab, sieben Wochen lang konnte keiner der sonst täglich 300 Züge den Abschnitt befahren. „Da war hier vielleicht was los“, erinnert sich Wills Chef, Ulrich Häffner, und zieht verschämt lächelnd die Augenbrauen hoch. Die Eisenbahner aus Karlsruhe mussten die Züge auf andere Gleise umleiten oder ganz streichen, bis die Strecke wieder befahrbar war. „Man kann das sportlich sehen“, sagt Will. Wenn ein Zug mit 15 Minuten Verspätung in seinen Zuständigkeitsbereich einfährt und ihn mit nur noch fünf Minuten Verspätung wieder verlässt, dann sei er zufrieden. Einen Wettbewerb unter den Kollegen gebe es aber nicht. „Sicherheit geht vor Pünktlichkeit“, sagt Häffner. Ansonsten gelte die Formel schnell vor langsam. So wie beim TGV und der S3.

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