Kaiserslautern Wer vorliest, sündigt nicht
Allheilmittel gibt es fast nie. Das Vorlesen scheint eins zu sein. Die Mainzer Stiftung Lesen hat jetzt die Vorlesestudie 2015 herausgebracht. Ergebnis: Kinder, denen vorgelesen wurde, als sie selbst noch unvertraut mit Buchstaben waren, sind demnach nicht nur bessere Schüler. Sie engagieren sich auch stärker für andere. Unter anderem. Eine Bilanz.
Für die Vorlesestudie, ein seit 2007 existierendes, gemeinsames Projekt der Stiftung Lesen mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ und der Deutsche Bahn Stiftung, wurden in der ersten Jahreshälfte 524 Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren befragt. Und parallel dazu ihre Mütter. Es geht um Einschätzungen, Selbstwahrnehmungen, unterschieden wurde zwischen Kindern, denen vor Beginn ihrer Schulzeit mehrmals täglich oder einmal Tag, mehrmals oder einmal die Woche und seltener oder nie vorgelesen wurde. Die Mütter sollten zum Beispiel der Aussage „Mein Kind ist gut in der Schule“ zustimmen. Die Kinder dem Satz: „Ich bin gut in der Schule“. 84 Prozent der Mütter, die ihren Kinder jeden Tag vorgelesen hatten, hielten ihr Kind für erfolgreich in der Schule. Die Kinder, die eine hohe Vorlesefrequenz genossen hatten, glaubten das zu 46 Prozent. Bei den Kindern, denen selten bis nie vorgelesen wurde, meinten dagegen 32 Prozent der Mütter, ihre Kinder seien gut in der Schule. Und 12 Prozent der Kinder schätzte sich selbst so ein. Kaum verwunderlich, dass unter den Kindern von Viel-Vorlesern fast doppelt so viele (83 Prozent) gerne in die Schule gehen, als unter den Kindern von Wenig-Vorlesern (43 Prozent). Kinder von viel Vorlesenden werden von diesen für wissbegieriger, konzentrierter, vorausdenkender und lernfähiger gehalten, als die von Nichtvorlesenden. Sie gelten auch als vernünftiger, ordentlicher. 86 Prozent der Kinder, denen täglich vorgelesen wurde, meinten, dass sie sich schnell Dinge merken können. Aber nur 45 Prozent, derjenigen, denen selten oder nie vorgelesen wurde. Positive Auswirkungen dokumentiert die von Simone Ehmig von der Stiftung Lesen geleitete Forschungsgruppe vor allem auf soziale Kompetenzen. „Vorleserkinder“ werden häufiger als fröhlich und selbstbewusst beschrieben als Kinder, denen nur selten oder nie vorgelesen wurde. 90 Prozent der Vorleserkinder glaubte, ein Freund würde sie als jemand beschreiben, dem man alles erzählen könne, auch schlimme Dinge. Sie nehmen sich als Vertrauensperson wahr. Aber nur 51 Prozent ihrer Altersgenossen tun das, denen als kleinere Kinder wenig vorgelesen wurde. Wurde Kindern regelmäßig vorgelesen, sind diese häufiger darum bemüht, andere in die Gemeinschaft zu integrieren. Andererseits profitieren gerade Kinder mit wenigen Freunden und geringem Austausch in der Familie vom Vorlesen. Weil es ihren Horizont erweitere und ihnen ein Repertoire an Verhaltensmodellen an die Hand gebe, wie es in der Studie heißt. Kinder von vorlesefreudigen Eltern werden von ihren Müttern als zupackender und engagierter dargestellt. Sie haben einen höheren Gerechtigkeitssinn. 49 Prozent der Vorlesemütter sagen, ihr Kind beschäftige es, wie es Geschwistern, Eltern oder Großeltern anderer gehe, aber lediglich 28 Prozent der Nichtvorleserinnen. Dabei werden die Eigenschaften wie Einfühlungskompetenz noch verstärkt, zeigt die Studie, wenn Eltern das Vorlesen als Gesprächsanlass nutzen, um über alltägliche oder auch grundlegende Themen und Fragen und Sorgen zu sprechen. Die Zahlen der Mütter-Kind-Befragung sind eindrucksvoll. Was sie über die tatsächlichen Verhältnisse aussagen, ist unsicher. Zum Beispiel, ob ein Kind, dem ein höherer Gerechtigkeitssinn zugeschrieben wird, auch danach handelt. Oder, ob „gut“ sein in der Schule für jeden das Gleiche bedeutet. Die Schulnoten der Vorlesekinder jedenfalls sind besser. Ausgangspunkt aller Aussagen sind lediglich die Wahrnehmungen und Selbsteinschätzungen der Mütter und Kinder. Was aber bleibt, sind die eklatanten Unterschiede, die sich dabei ergeben zwischen Kindern, denen täglich, und Schulkindern, denen früher wenig bis nie vorgelesen worden ist. Ein positiver Effekt des Vorlesens ist demnach hochwahrscheinlich. Und zwar unabhängig davon, wie gebildet die Vorleserinnen und – hoffentlich auch – Vorleser sind. Der Zusammenhang zwischen Vorlesen und Schulerfolg könnte eine Scheinkausalität darstellen, also nur Symptom sein. Studienleiterin Simone Ehmig aber kann zeigen, dass tägliches Vorlesen Kinder auch dann in ihrer Entwicklung unterstützt, wenn die Eltern kein Abitur und keinen Hochschulabschluss haben. „Jeder Vater und jede Mutter sollte diese Möglichkeit nutzen, um das eigene Kind zu fördern“, sagt sie. Ihre Studie zeigt, was wir ahnen: dass die Vorlesefaulheit der Eltern sehr ungerecht gegenüber ihren Kindern ist. Lesezeichen Die Studie lässt sich von der Netzseite www.stiftunglesen.de herunterladen.