Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Welche Alarmsignale vor einem möglichen Femizid auch von außen sichtbar werden

Frauen sind zu Hause viel öfter Gewalt ausgesetzt als im öffentlichen Raum durch Fremde.
Frauen sind zu Hause viel öfter Gewalt ausgesetzt als im öffentlichen Raum durch Fremde.

In der Region häufen sich Tötungen von Frauen. Jüngstes Beispiel ist eine 34-Jährige, die Mitte Juni in Reichenbach-Steegen mutmaßlich von ihrem Mann erstochen wurde. Michael Breiner vom SOS-Familienhilfezentrum in Kaiserslautern erklärt, welche Ursachen Femizide haben, was von Gewalt betroffene Frauen tun können und welche Alarmsignale das Umfeld ernst nehmen sollte, damit es nicht so weit kommt.

Jeden dritten Tag stirbt eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners. Meist ist dem eine längere Geschichte von Gewalt vorausgegangen. Dabei handelt es sich nicht um „Eifersuchtsdramen“ oder „Familientragödien“, wie sie anschließend oft betitelt werden. Nicht individuelle Gründe, sondern strukturelle, nämlich patriarchalische Strukturen, führen zu diesen Tötungen: Die Frau wird ermordet, weil sie eine Frau ist. Dafür ist seit den 1990er Jahren der Begriff Femizid gebräuchlich.

„Der kulturelle Hintergrund kann zwar auch eine Rolle spielen, wie Männer sozialisiert wurden“, sagt Michael Breiner, Bereichsleiter des Familienhilfezentrums im SOS-Kinderdorf Kaiserslautern. Doch Femizide einem Migrationsmilieu oder psychisch gestörten Tätern zuzuschieben, sei falsch. Vielmehr gehe es um gesellschaftlich geprägte Macht, Kontrolle und Besitzansprüche von Männern gegenüber Frauen. „Wie löse ich Konflikte? Wie gehe ich mit Kränkung um?“, sind laut Breiner entscheidende Fragen; haben Männer nicht gelernt, Antworten darauf zu finden, besteht die Gefahr, dass sie gewalttätig werden.

„Der Mann schiebt die Verantwortung auf Dritte“

Das Familienhilfezentrum ist die Stelle, zu der das Lauterer Frauenhaus Betroffene, die Zuflucht bei ihnen suchen, hauptsächlich zur Beratung schickt. „Meine Kollegin und ich beraten zwar auch selbst “, sagt Frauenhausleiterin Anna Raab, die sich in systemischer Beratung und Traumatherapie weitergebildet hat, doch das Familienhilfezentrum könne sich gezielter um Frauen, die meist mit Kindern kommen, kümmern. Seit 30 Jahren arbeitet der studierte Sozialpädagoge Breiner dort – und er zieht das traurige Fazit: „Ja, schwere häusliche Gewalt hat zugenommen.“

Wann Gewalt beginne, beantwortet er klar mit: „Wenn Gewalt angedroht wird.“ Das könne schon sein, wenn ein Mann bewusst seine physische Überlegenheit deutlich macht. Ein Alarmsignal sei, wenn der Mann ein Thema nicht ruhen lassen könne, stets auf seine Meinung beharre und vor allem Verantwortung auf Dritte schiebe. „Wird beispielsweise bei einer Trennung das Kind der Mutter zugesprochen, ist die typische Reaktion solcher Männer: ,Sie ist schuld, sie war nicht einsichtig.’“ Solche Situationen würden als Niederlage empfunden, weshalb der Mann versuche, die Kontrolle wiederzuerlangen. „Er hat eine verzerrte Wahrnehmung, ist so tief gekränkt, dass er nicht mehr einen Schritt zurücktreten kann.“

Wie können Außenstehende erkennen, dass ein Mann eine Grenze überschritten hat und sie eventuell einschreiten sollten? „Wird die Frau ständig mit Anrufen und Nachrichten bedrängt und kommt nicht zur Ruhe“, sollten jene aufhorchen und „im positiven Sinne neugierig bleiben, fragen, ob sie Hilfe braucht“. Auch Rückzug kann ein Alarmsignal für Freunde sein. Beobachtet man zufällig einen Streit in der Öffentlichkeit, bei dem eine Person deutlich unterlegen ist, sollte man sich andere Passanten suchen und fragen, was los sei, rät Breiner. „Dass eine Kontrolle da ist, der Blick von außen offenbar anders, bewirkt schon etwas.“

Nicht immer gebe es viele sichtbare Eskalationsstufen, oft wirke es gar nicht so dramatisch. Doch „kommt nach vielen kleinen Kränkungen eine weitere dazu, kann diese der Auslöser für Gewalt sein“, erläutert Breiner: „Das kann zum Beispiel sein, wenn die Frau droht: ,Tust du XY, dann lasse ich die Kinder gar nicht mehr zu dir!’“. Immer wieder fällt bei Breiner das Wort Kränkung. „Ja, gekränkter Stolz ist ein Hauptauslöser: Der Mann fühlt sich als solcher angegriffen, hat nicht mehr die Kontrolle.“

Nie gelernt, über Probleme und Gefühle zu reden

Grundlegende Ursache für solche Entwicklungen sei, dass die Männer nicht über Probleme reden, nicht ihre Gefühle offen legen können, „das bedeutet für sie, sie haben die Kontrolle verloren“. Frauen hätten damit wesentlich weniger Probleme. Finden aber doch Beratungen mit Männern statt, die gewalttätig geworden sind – „wenn nicht aus Einsicht, dann als Auflage vom Gericht“ –, dann gelte es für jene, „erstens Verantwortung zu übernehmen und zweitens zu erkennen, warum es so gekommen ist, woher ihre Kränkung rührt“. Dass Frauen gegenüber Männern gewalttätig werden, sei die „extreme Ausnahme“, zumindest suchten Männer so gut wie nie Hilfe. „Ich hatte einen einzigen Fall“, erinnert sich Breiner.

Zwar gebe es körperliche Gewalt in allen sozialen Schichten, sagt Breiner, doch bei niedrigem sozialen Stand sei das Risiko dafür höher. „Die wirtschaftlichen Bedingungen haben einen Einfluss. Persönliche Schicksalsschläge treffen dann härter: Erlebt der Mann gerade die Trennung von seiner Frau und verliert dann seine Arbeit, kommen mehrere psychische Belastungen zusammen, die das Selbstwertgefühl treffen.“ Da er im Arbeitsleben oft keinen Einfluss auf seinen Status habe, bleibe nur der persönliche Bereich, in dem er Stärke zeigen und sich die Kontrolle zurückholen könne. „Armut zieht vieles nach sich: Bildung, soziale Einbindung ...“, zählt Breiner Faktoren auf, die eher vor Gewalt schützen. Beengte Wohnverhältnisse seien vor allem für Kinder ein Risikofaktor. Dass häusliche Gewalt auch nach Corona weiter zugenommen hat, vermutet er darin begründet, dass diverse Krisen zu weiteren Belastungen und Armut geführt haben. „Die Menschen haben keine Ressourcen mehr.“

Frauen versuchen zu deeskalieren – und erreichen das Gegenteil

Es müssen jedoch nicht immer Schläge sein, die Frauen heftig treffen. „Psychische Gewalt – erniedrigt, eingegrenzt, bloßgestellt zu werden – kann ebenso belastend sein.“ Meist hätten körperliche Attacken einen verbalen Vorlauf. „Frauen versuchen zu deeskalieren und die Kontrolle zurückzuerlangen, indem sie sich anpassen“, erklärt der Sozialpädagoge das Verhalten. Dies bewirke jedoch oft genau das Gegenteil, „es funktioniert nicht, da es um Erniedrigung geht und die Frau nicht als gleichberechtigt wahrgenommen wird“. Kritisiere er sie beispielsweise mit den Worten: „Wie du wieder herumläufst!“, und kleide sich die Frau daraufhin anders, ernte sie die abfällige Bemerkung: „Du machst auch alles, was man dir sagt.“ „Die Frau kann es ihm nie recht machen“, fasst Breiner zusammen. Stecke die Frau in solch einer Situation, sollte sie sich Beratung holen, auch erstmal Freunde ansprechen.

Digitale Gewalt in der Form, dass der Ex nach einer Trennung intime Fotos oder Videos öffentlich macht, habe Breiner bisher nicht erlebt. Die Androhung hingegen schon: „Will sie vor Gericht und er sagt: ,Ich habe noch Bilder von dir.’, reicht dies oft schon.“ Öfters bekomme Breiner hingegen mit, dass Nachrichten weitergeleitet werden mit dem Ziel, die Frau vor anderen schlecht zu machen.

Michael Breiner arbeitet seit 30 Jahren im Familienhilfezentrum des SOS-Kinderdorfs.
Michael Breiner arbeitet seit 30 Jahren im Familienhilfezentrum des SOS-Kinderdorfs.
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