Kaiserslautern Wahnsinn mit und ohne Methode

Ein Abend voller Sinn, Wahnsinn und kunterbunter Klangmalerei: Seth Faergolzia, der schrullige „Freak-Folk“-Erfinder aus Amerika, ist auf Tour durch Europa und kredenzte am Montag einen schräg-schönen Musikabend im Lauterer Benderhof. Dabei gab`s schrille Harmonien aus dem Loop-Kasten und abstrakte Kunst auf der Leinwand.
Es gibt Künstler, die sich auf einem schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Genie bewegen. Und zu ebensolchen Künstlern gehört Seth Faergolzia. Wer den vollbärtigen Paradiesvogel aus New York kennt, weiß, dass er sowohl ein Minimalist als auch ein Maximalist des Skurrilen ist. Für all diejenigen, die ihn nicht kennen, war es ein Konzertabend voller Rätsel und Wahn-Sinn. Oder Sinneswahn? In jedem Fall der Abend eines speziellen Musikvergnügens. „Ein Abend mit Seth Faergolzia“, hieß es auf den Programmheften, die vorsorglich auf den Tischen verteilt wurden. Dabei war gar nicht so sicher, ob es Herr Faergolzia selbst überhaupt rechtzeitig zu seinem Abend schaffen würde. Der offizielle Anpfiff war nämlich für 20 Uhr angesetzt. Aber eine kleine Verwirrung mit der Deutschen Bahn sorgte dafür, dass der Musiker mit einem Verzug von knapp zwei Stunden in „good old K-Town“ ankam. Kein Problem, die hart gesottenen Faergolzia-Fans bewiesen einen langen Geduldsfaden. Um 22 Uhr konnte der Wahnsinn schließlich losgehen. Seth musizierte auf seine typische Art: Er sang, gurgelte, pfiff, grölte und rappte in einem derartigen Tempo, dass man beim Zuhören selbst aus der Puste kam. Das alles begleitet von einem rasend schnellen und verwegenen Gitarrenspiel, das nicht selten abrupt und schrill endet. Diese wahnsinnige Art taufte Seth sehr passend „Freak Folk“. Dazu erfand er nun auch das „Loop Painting“. Bedeutet: Er malt auf einer Leinwand frei nach Gefühl, während er sein Loop-Gerät Spur für Spur mit allen möglichen Geräuschen, Melodien und Lauten füllt. Klangmalerei also wörtlich genommen. Was der Pinsel am Ende zustande gebracht hat, bleibt der Fantasie und Interpretation der Zuschauer überlassen. Dass der Musiker bei allem, was er tut, ein hohes Maß an Talent besitzt – sowohl was seine Malerei als auch seine Klänge angeht – lässt sich nicht abstreiten. Seine Stimme umfasst mehrere Oktaven und seine Fingerfertigkeit an der Gitarre ist wahnsinnig – im Sinne von wahnsinnig gut. Kein Ton scheint ihm zu hoch oder zu schräg, kein Riff zu hart oder zu abrupt. Der Song „Rubbing it in“ beweist das am besten. Faergolzia dehnt seine Stimme über ein selbst gebasteltes Beatbox-Fundament auf der Loop-Station, das zusammen irgendwann in völliges Chaos stürzt. An dieser Stelle aber auch ein kurzer Hinweis an die Tontechnik des Benderhofs: Die Anlage war für den kleinen Raum viel zu laut eingestellt. Zum Teil so laut, dass einige „Loops“ deutlich übersteuert durch die Boxen ratterten und in ihren schrillsten Momenten Ohrenschmerzen bereiteten. Aber fein geschliffene Ästhetik und festgelegte Normen haben eben keinen Platz in Faergolzias Klangkabinett. Das gilt auch für die Texte, die sich irgendwo zwischen sinnvollen Botschaften, sinnfreien Wortansammlungen und völlig absurden Phrasen wie „We`re all wearing Underwear“ („Wir tragen alle Unterwäsche“) bewegen. Bereitete dem Publikum aber umso mehr Freude beim kollektiven Mitsingen. Worum es in Songs wie „Rubberband“ oder dem musikalischen Müll-Tauchgang „Garbage Night“ genau geht, versteht man nur bei genauem Hinhören. Faergolzia schafft es, bitteren Ernst und sehr einfachen Humor zu verbinden. Nicht selten erkennt man dabei den politischen Aktivisten im Musiker. Fazit: Seth Faergolzia ist ein Mysterium, das man eigentlich gar nicht entschlüsseln möchte. Am besten also einfach die Ohren gut durchspülen, Erwartungen beiseite legen und sich von der sonderbar-schönen Klangmalerei berieseln lassen.