Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Vom Wohngebiet Lämmchesberg aus ist fast alles in der Stadt fußläufig zu erreichen

Ein Blick in den Casimirring im Wohngebiet Lämmchesberg. Die Straße ist ein wirklicher Ring, der sich über den Bergrücken zieht
Ein Blick in den Casimirring im Wohngebiet Lämmchesberg. Die Straße ist ein wirklicher Ring, der sich über den Bergrücken zieht

Nur wenige Minuten sind es bis in den Wald. Auch in die Innenstadt ist man schnell gelaufen. Wer auf dem Lämmchesberg wohnt, ist in einer privilegierten Lage. So verwundert es nicht, dass hier ein begehrtes Wohngebiet ist. Nur der Autoverkehr stört manchmal.

Zwischen Bahnhof, Waldschlösschen, Universität und Dunkeltälchen ist immer etwas los. Nicht nur, weil viele Studierende auf dem Weg zu ihren Vorlesungen sind. Auch die Anwohner pflegen ein enges Miteinander, wie Ulrike Seiter-Bröhl erzählt. Die Musiklehrerin am Heinrich-Heine-Gymnasium berichtet, dass die Corona-Zeit die Nachbarn einander noch näher gebracht hat. Sie selbst hat sicherlich dazu beigetragen. Denn im vergangenen Jahr nahm sie sich ein Vorbild an Italien, wo während der Ausgangssperre Leute auf ihren Balkonen musizierten. Da sie unter anderem sechs Jahre an der deutschen Schule in Mailand unterrichtet hatte, war die Beziehung zu Italien nahe. Und sie begann, mit Mann und Kindern sonntagabends auf dem Balkon zu spielen: „Freude schöner Götterfunken“ ebenso wie „Der Mond ist aufgegangen“. Das kam so gut an, dass fortan jeden Abend um 19 Uhr musiziert wurde. „Wildfremde Menschen bedankten sich. Ich habe mich gewundert, wie weit der Schall trägt“, erzählt die Musiklehrerin. So habe man neue Leute kennengelernt, aber auch an die kranken Nachbarn gedacht.

Ulrike Seiter-Bröhl ist nicht erst seit dem vergangenen Jahr sehr engagiert „auf dem Berg“, wie sie das Wohngebiet nennt. Sie ist Presbyterin, hat einen Kirchenchor gegründet, hat mit Uni-Chor und -Orchester zu tun. „Auch da kann man hinlaufen“, verweist sie auf die räumliche Nähe. Nur dass es kein Geschäft mehr auf dem Lämmchesberg gibt, das bedauert sie.

Viele Häuser sind bereits an Enkel weitergegeben worden

Die Kirche, die spielt nach ihren Worten eine wichtige Rolle auf dem Lämmchesberg. Seit die katholische Kirche Christ König vor ein paar Jahren aufgegeben und zu einem Wohnhaus umgebaut wurde, feiern in der protestantischen Pauluskirche nebenan beide Konfessionen ihren Gottesdienst. Sogar ein Kreuzweg wurde in dem schlichten Kirchenraum angebracht. In trauter Nachbarschaft liegen katholische und evangelische Kindertagesstätte nebeneinander – insgesamt vier dieser Einrichtungen gibt es auf dem Lämmchesberg, die anderen in der Trägerschaft von Universität und Stadt. Neben der Pauluskirche ist außerdem eine Tagespflege der Seniorenhilfe Westpfalz entstanden – für alle Generationen ist etwas vorhanden.

Und das ist auch nötig, denn die Altersstruktur ist gemischt. Viele ehemalige Bewohner haben ihre Häuser an Kinder und Enkel weitergegeben. „Häuser werden meistens durch Mundpropaganda verkauft“, weiß Ulrike Seiter-Bröhl um die Attraktivität der Lage.

Das Geheimnis um die verwirrenden Hausnummern

Das zeigt sich auch beim Gang über den Lämmchesberg. Der Casimirring ist ein wirklicher Ring, der sich über den Bergrücken zieht. Gepflegte Häuser und ebensolche Gärten gibt es zu bewundern. Immer wieder gibt es Schleichwege, die auch die Schüler des Heinrich-Heine-Gymnasiums gerne nutzen, um an den Bahnhof zu gelangen. In der Wolfsangel stehen unter anderem Häuser der Bau AG, ebenso unterhält die Baugenossenschaft Bahnheim auf dem Lämmchesberg und am Waldschlösschen Wohnanlagen. Vom Fauthweg aus kann man direkt aufs Fritz-Walter-Stadion schauen. In der Wolfsangel stehen noch viele kleine Häuser, die Straße Auf der Vogelweide ist ein ganz besonderes Eckchen. Apropos ganz besonders: Dass das ungewöhnliche Haus, das Auf der Pirsch steht, früher einmal die Kaiserslauterer Jugendherberge war, das wissen nur noch wenige.

Ein paar Meter weiter ist ein „altes Knusperhäuschen“, wie es Seiter-Bröhl bezeichnet, gerade abgerissen worden, dort wird ein viel größeres Gebäude errichtet. Sie kann auch das Geheimnis der verwirrenden Nummerierung im Casimirring lüften: Dort seien ursprünglich Doppelhäuser geplant gewesen, dann aber teilweise nur Einzelhäuser gebaut worden. Deswegen existieren manche Hausnummern gar nicht.

Originalgebäude, teils aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg

Ein ganz anderes Bild des Lämmchesbergs zeigt sich, wenn man die Buchenlochstraße hoch Richtung der Sportanlage der Turn- und Sportgemeinde (TSG), des ältesten Sportvereins der Stadt, marschiert. Es gibt moderne, teils mehrstöckige Gebäude, aber auch kleine Einfamilienhäuser. Steil steigt die Buchenlochstraße bergan, genau wie die parallel verlaufende Pfaffenbergstraße. Diese führt weiter an der ehemaligen Pädagogischen Hochschule vorbei, die heute zur Technischen Universität zählt. Doch ehe man an den Uni-Campus kommt, liegt rechts noch die Pestalozzi-Grundschule, die in den fünfziger Jahren errichtet wurde, was ein Original-Mosaik mit Rehen an der Außenwand anschaulich macht. Im Bungalow nebenan wohnte einst Oberbürgermeister Walter Sommer – übrigens nicht der einzige Oberbürgermeister, der auf dem Lämmchesberg sein Domizil aufschlug. Heute ist dort ein Restaurant untergebracht. Direkt gegenüber geht es in den Wald Richtung Bremerhof und Humberg – beliebte Spazierwege nicht nur der Lämmchesberg-Bewohner.

Ein anderer Zugang zum Lämmchesberg befindet sich am Waldschlösschen. Der „Saubrunnen“ dort soll daran erinnern, dass Bürger einst das Recht hatten, ihre Schweine zum Füttern in den Stadtwald zu treiben. Kurz dahinter zweigt die Straße Dunkeltälchen ab. Vorne links wurden neue Häuser errichtet, dahinter stehen auf beiden Seiten noch die Originalgebäude, teils aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. An einem der Häuser fällt ein Schriftzug auf: „Es gibt so Tage mit Goldrand“. Kunstvoll gestaltet hat ihn die stadtbekannte Künstlerin Ute Speyerer-Gauda. Sie wohnt seit den achtziger Jahren im Dunkeltälchen und schätzt es sehr: „Es ist wie im Dorf hier“, sagt sie. Nur der immer stärker werdende Durchgangsverkehr störe. Seit der Eisenbahntunnel Richtung Karcherstraße gesperrt und in der Zollamtstraße immer Stau sei, wählten viele Autofahrer den Umweg durch das Dunkeltälchen.

Immer wieder gibt’s etwas zu entdecken

Wer von dieser Straße in den Jungwald abbiegt, kann schöne, teils aufwendig umgebaute Wohnhäuser entdecken, die direkt am Waldrand liegen. Da lugt auch mal eine Kunstkuh aus dem Garten. Schon von weitem zu hören ist das plopp-plopp vom Tennisplatz Rot-Weiß. Ein Waldweg führt Richtung Universität, ein Treppenweg zum Heinrich-Heine-Gymnasium.

Wer sich etwas Zeit nimmt für einen Spaziergang durchs Wohngebiet, kann immer mal wieder etwas entdecken. Etwa das selbstgemalte Schild an einem Zaun, das sich an Hundebesitzer wendet: „1. Kack, 2. Sack, 3. Pack, 4. Zack“ steht dort als klare Anweisung geschrieben.

Die Geschichte des Lämmchesbergs

Mit der Bebauung des Lämmchesbergs wurde nach 1933 begonnen. In nur drei Jahren wurde das damals beliebteste Wohngebiet im Süden der Stadt errichtet. Auf dem etwa 280 Meter hohen Berg wurden Häuser im sogenannten Landhaus-Stil gebaut. Wie beliebt das Wohngebiet war, zeigt die Tatsache, dass innerhalb weniger Tage über 100 Bewerbungen beim Bauamt vorlagen, als bekannt wurde, dass die Stadt einen Bebauungsplan aufstellt. Wie der langjährige Pressesprecher der Stadt und RHEINPFALZ-Autor, Gerhard Westenburger, 2019 in einem Beitrag für die Pfälzische Volkszeitung schrieb, vergab die Stadt die Grundstücke im Erbbaurecht.

Umgehend wurde dort, wo vorher nur Wald war, gebaut. Bereits 1936 begann der zweite Bauabschnitt. Alle Straßen waren bis 1937 geschottert. Die Namen haben alle einen Bezug zum Wald, beispielsweise Im Kuckucksschlag oder Auf der Pirsch. Und während anderenorts in Kaiserslautern in dieser Zeit kleine Siedlungshäuser mit großen Gärten geplant wurden, damit sich die Bewohner auch selbst versorgen konnten, waren die Leute auf dem Lämmchesberg „Bauherren“. Hier zu wohnen, das war damals etwas Besonderes. 1939 wurde die „Neue Baugesellschaft der Gauhauptstadt Kaiserslautern“ gegründet. Sie baute noch bis 1943 Mehrfamilienhäuser im Casimirring. Laut Westenburger war dies die letzte große Neubautätigkeit vor dem Kriegsende 1945. Heute wohnen auf dem Lämmchesberg rund 11.000 Menschen.

Die frühere Jugendherberge ist heute ein Wohnhaus.
Die frühere Jugendherberge ist heute ein Wohnhaus.
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