Kaiserslautern
Unipräsident Arnd Poetzsch-Heffter geht in Ruhestand – nicht ganz
Herr Poetzsch-Heffter, wo haben Sie heute zu Mittag gegessen?
Heute zu Hause. Aber ich bin noch ungefähr dreimal pro Woche in der Mensa.
Das werden Sie beibehalten?
Ja, denn ich habe vor, dreimal wöchentlich im Büro zu sein. Ich bin zwar offiziell im Ruhestand, aber nur „halb“ ausgeschieden. Ich habe noch einen Dienstvertrag als Seniorprofessor.
Sie können sich also nicht ganz aus dem Unibetrieb rausziehen?
Das hätte auch passieren können. Aber ich habe angeboten, das neue Präsidium weiter zu unterstützen, wenn gewünscht. Und so nehme ich weiter Aufsichtsratsmandate wahr für den Präsidenten und vertrete die Universität, beispielsweise im Aufsichtsrat des DFKI.
Und womit beschäftigen Sie sich in der Seniorprofessur?
Das ist noch nicht klar. Es gibt momentan zwei mögliche Bereiche: Der eine ist die Schnittstelle zwischen Informatik und Philosophie, meinem Hobby. Da würde ich Fragen nachgehen wie: Kann eine KI etwas wissen? Kann sie neues Wissen entwickeln? Der zweite Bereich beschäftigt sich damit, was man mit KI im Bereich der Softwaretechnik – meinem originären Arbeitsbereich in der Informatik – machen kann. Zum Beispiel Programme von der KI erstellen lassen und auf ihre Korrektheit analysieren.
Sie sagten in der Corona-Zeit mal: Der Kapitän muss an Bord bleiben. Gehen Sie jetzt von Bord? Oder eben doch nicht?
Um bei dem Bild zu bleiben: Ich gehe von der Brücke.
Und wo sind Sie jetzt? Auf dem Sonnendeck ja auch nicht wirklich, oder?
Naja, mehr auf dem Sonnendeck als früher. Und ansonsten im Arbeitszimmer.
Sie sind in Kiel geboren und aufgewachsen, lebten in München und im Ruhrgebiet, bis Sie 2002 nach Lautern kamen. Wie fühlt man sich als „Muschelschubser“ in der Pfalz?
Ich habe mich hier immer wohlgefühlt. Die Natur ist sehr schön, und man hat hier das beste Wetter in Deutschland. Es ist im Sommer nicht so heiß wie am Rhein, und im Winter nicht so kalt wie in München.
Apropos Natur und Wetter: Zu ihren Hobbys gehören Fußball, Tennis und Laufen. Hatten Sie bisher Zeit dafür?
Wenig, jetzt will ich alle drei ausbauen. Ich bin in meinem Leben ein paar Halbmarathons gelaufen. Das ist nun wieder mein Ziel.
Und haben Sie sich noch andere Dinge vorgenommen?
Ja, Reisen. In den letzten Jahren hatte ich ganz selten mehr als zwei Wochen Urlaub am Stück. Jetzt lassen sich Reisen großzügiger gestalten. Aber es muss gar kein weit entferntes Ziel sein.
Freuen Sie sich eher über den neuen Lebensabschnitt oder haben Sie mehr Wehmut?
Es war eine interessante und herausfordernde Zeit, für die ich dankbar bin. Den einzigen Anklang von Wehmut hatte ich, als ich das letzte Mal bei mir oben im Turm war und die Aussicht genoss. Ansonsten überwiegt das Gefühl des Aufbruchs. Vielleicht auch zu etwas ganz Neuem.
Und das wäre?
Das ist ganz offen. Vielleicht doch eine Extremreise. Oder eine neue Sprache lernen; ich spreche eigentlich nur Englisch und Französisch, Italienisch könnte ich mir vorstellen. Oder ein neues Instrument lernen; bisher spiele ich Gitarre und Cello.
Wenn Sie auf Ihre Amtszeit zurückblicken: Gab es ein Highlight?
Die Fusion war natürlich das zentrale Thema. Und wichtig war dabei auch, dass die Uni zwischendurch weiterhin ihre Leistung erbringen konnte. Ich glaube, das ist gut gelungen, sowohl in Landau als auch in Kaiserslautern, in Forschung wie Lehre.
Die Fusion war ja sehr umstritten, auch Sie hätten lieber eine eigenständige Uni behalten.
An beiden Standorten stand sie nicht auf der Wunschliste. Wichtig war für uns, nachdem die Entscheidung von Landesseite gefallen war, dies so hinzukriegen, dass es nicht zu einer dauerhaft offenen Wunde wird. Und ich glaube, das haben wir geschafft. Obwohl da am Anfang ein ziemlicher Graben war, ist schon jetzt vieles gut zusammengewachsen. Ich denke, wir haben die Grundsteine gelegt, auf die unser Nachfolger Malte Drescher aufbauen kann.
Würden Sie rückblickend eher sagen: Darauf hätte ich gern verzichtet. Oder war dies ein Projekt, von dem Sie sagen: Da habe ich was geschafft.
Eine schwierige Frage ... Es war eine Herausforderung mit vielen interessanten Aspekten, die ich schon als Bereicherung sehe. Hätten Sie mich aber vor vier Jahren gefragt, hätte ich wohl gesagt: Man kann auch eine TU leiten ohne Fusion. Dann hätten wir andere Dinge vorangebracht. Jetzt haben wir die Fusion gemeistert. Und das ist schon etwas Besonderes. Andererseits haben darunter natürlich auch Entwicklungen in anderen Bereichen etwas gelitten. Zum Beispiel in der Digitalisierung und Internationalisierung.
Was meinen Sie konkret mit Internationalisierung?
Das ist ein breites Feld. Stark sind wir darin, Studierende von außen hierher zu holen. Luft nach oben gibt es hingegen dabei, internationale Post-Docs und Professoren anzuziehen. Und internationale Studierende für den hiesigen Arbeitsmarkt zu halten: Nicht wenige bleiben zwar in Deutschland, gehen aber meist nach Stuttgart, Berlin oder München, weil dort die großen, bekannten Firmen sind. Aber wir bräuchten diese Arbeitskräfte auch in der Region. Die Vernetzung dafür müsste man besser hinkriegen. Gut wäre auch, wenn mehr unserer Studierenden für ein, zwei Semester ins Ausland gingen. Eine stärkere Kooperation mit Partnerunis, auf Studierenden- und Forschungsebene, wäre da sinnvoll.
Ihr persönliches Fazit zur Fusion ist heute also positiv?
Ja. Durch die Herausforderung hat man Dinge erlebt, die man sonst nicht erlebt hätte. Das empfinde ich als Bereicherung. In dem Fusionsprozess habe ich beispielsweise einen sehr wichtigen Aspekt von Demokratie „hautnah“ erlebt, nämlich, dass Menschen sich unter gegebenen Rahmenbedingungen auf gute Lösungen einigen müssen.
Hat Kaiserslautern durch die Fusion nun mehr Vorteile oder Nachteile?
Es ist aktuell noch nicht abschließend zu beurteilen, ob es langfristig ein deutlicher Vorteil ist, der auch den großen Aufwand rechtfertigt. Aber ich denke, es war eine gute Entscheidung in der Hinsicht, dass eine Uni eine gewisse Größe braucht, sprich Studierendenzahl, um im deutschen Universitätssystem zu funktionieren. Im Augenblick haben wir durch die demografische Entwicklung und den Rückgang in den MINT-Fächern deutlich sinkende Zahlen.
Was ja nicht nur Kaiserslautern betrifft. Aber wie viele Studierende sind es derzeit? Es waren in Hochzeiten mal über 14.500, richtig?
Ja. Jetzt haben wir am Standort Kaiserslautern knapp 10.000, an beiden Standorten zusammen knapp 17.000 Studierende.
Ist der Rückgang überproportional?
Insgesamt schon. Warum auch immer, geht der Trend zu den großen Unis. Die jungen Leute studieren lieber in München oder Berlin. Die kleineren und mittelgroßen Städte werden stärker unter Druck geraten. Dazu kommt, dass der Rückgang in den MINT-Fächern, den wir deutschlandweit derzeit beobachten, sich an einer technischen Uni noch mehr auswirkt.
Müsste Kaiserslautern als Stadt attraktiver sein? Zum Beispiel beim kulturellen Angebot?
Ich denke, Kaiserslautern ist, wie auch Landau, ein interessanter Studienort – wenn man nicht unbedingt Großstadtflair haben will. Die Natur drumherum oder das Sportangebot sind sehr attraktiv, hier wird wirklich viel geboten. Ich glaube nicht, dass es an klassischer Kultur mangelt, aber die Sichtbarkeit von Studierenden und jungem Leben in der Innenstadt, auch die freie Kulturszene, sind noch entwicklungsfähig. Ein Problem ist auch, dass viele Studierende am Wochenende nicht präsent sind.
Ein großes strittiges Thema in Ihrer Amtszeit war auch der Chemie-Neubau. Davon hört man gar nichts mehr.
Bauliche Entwicklung war generell ein Thema. Wir haben zwei neue Forschungsgebäude, aber insgesamt einen Sanierungsstau im Gebäudebereich. Dem will sich das Land annehmen, sagt man uns. In der Biologie und Chemie haben wir mittelfristig das Problem, unsere Laborkapazitäten auf einem modernen Stand zu halten. In den Medien hat sich dies auf den Chemie-Neubau konzentriert. Die Idee war, dass die gesamte Chemie aus dem alten Gebäude raus und in ein neues einzieht, so dass man nicht im Bestand sanieren muss. Heute spielen Klimaaspekte, auch durch landesseitige Regelungen, eine noch stärkere Rolle: Grundsätzlich ist Sanierung dem Neubau vorzuziehen. Dadurch ist die gesamte Gemengelage eine andere. Nichtsdestotrotz gehen wir an der Uni davon aus, dass wir für die hochausgerüsteten Labore neue Gebäude bekommen werden. Wir sind dazu seit eineinhalb Jahren mit dem Land in einem guten, aber komplexen Prozess, in dem viele Fragen mittlerweile geklärt sind. Ich bin nach wie vor optimistisch, dass noch dieses Jahr ein „Go“ kommen könnte.
Jetzt also für einen Neubau?
Wie gesagt, bin ich dazu aktuell in der Öffentlichkeit nicht sprechfähig. Nur soviel: Wir mussten den Prozess mit den neuen Rahmenbedingungen des Klimaschutzes bezüglich wichtiger Aspekte noch einmal neu aufsetzen.
Man könnte spekulieren, dass ein Neubau im Wald, wenn jetzt der Klimaschutz stärker im Fokus steht, nicht kommt ...
Was man sagen kann, ist, dass man neue Flächen versucht zu reduzieren, wo es geht. Also vor allem keine Büroflächen mehr baut.
Es wurde mal gemunkelt, Sie hätten Interesse an kommunalpolitischem Engagement.
(Lacht erstaunt.) Wer munkelt denn sowas? Nein. Ich habe mal Kommunalpolitik gemacht, damals in München für die FDP in der Maxvorstadt; das ist 40 Jahre her. Aber einen Einstieg in die Kommunalpolitik sehe ich im Augenblick gar nicht. Ich engagiere mich eher weiter für die Wissenschaft. Für hochschulpolitische Gremien wurde ich allerdings tatsächlich schon gefragt – und da habe ich noch nicht nein gesagt.
Dass der neue Unipräsident seine Wohnung in Landau genommen hat, facht in Kaiserslautern nicht die Sorge an, der größere Standort könne zu kurz kommen?
Das glaube ich nicht. Der Wohnort wird überbewertet. Ich denke vielmehr, dass es für eine Universität der Pfalz eher eine Stärkung ist, wenn der Präsident hier und in der Südpfalz präsent ist.
Zur Person:
Arnd Poetzsch-Heffter wurde am 9. September 1958 in Kiel geboren und wuchs dort auf. Er studierte Informatik und Mathematik an der TU München und für zwei Semester in Toulouse. Er schloss das Studium 1986 mit einem Diplom in Informatik ab. 1991 folgte an der TU München die Promotion, 1997 die Habilitation. Nach einer Professur an der Fernuni Hagen wechselte er 2002 nach Kaiserslautern und wurde 2020 Unipräsident, ab 2023 in Doppelspitze der RPTU mit Gabriele Schaumann aus Landau. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne im Alter von 29 und 33 Jahren und einen Hund.