Kaiserslautern „The Cut“ wird zum Test

Nach seiner Uraufführung beim Filmfestival in Venedig diskutiert die Türkei darüber, ob Fatih Akins Film „The Cut“ in den Kinos gezeigt wird. Denn der Film thematisiert den Völkermord an den Armeniern von 1915. Rechtsnationalisten stoßen schon jetzt Drohungen gegen den Regisseur aus und warnen Kinos davor, den Streifen zu zeigen. Ist die türkische Gesellschaft so weit, einen solchen Film ertragen zu können? Manche hoffen es, andere zweifeln daran.
Akin selbst bestätigte türkischen Medien nach der Premiere, dass er Drohungen erhalten hat. Er wolle diese aber nicht überbewerten. Der Regisseur forderte, „The Cut“ solle auch in der Türkei laufen. Man müsse den Film ja nicht mögen, aber anschauen sollte man ihn schon, bevor man ihn kritisiere. In den Interviews bemühte sich der auch in der Türkei sehr bekannte Regisseur, dem Vorwurf vorzubeugen, sein Film sei antitürkisch. Selbst seinen Vater zog er als Kronzeugen heran: Enver Akin ist Mitglied der rechtsnationalen türkischen Partei MHP, die wie die offizielle türkische Staatsdoktrin den Vorwurf des Völkermords an den Armeniern strikt zurückweist. Vater Akin sagte der Zeitung „Hürriyet“, der Film habe ihm gefallen. Von „systematischen Massakern“ sei in dem Streifen seines Sohnes übrigens nichts zu sehen. „Für Menschen wie meinen Vater habe ich diesen Film gemacht“, sagte Fatih Akin. Dafür haben nicht alle in der Türkei Verständnis. Kurz vor dem 100. Jahrestag des Genozids im April kommenden Jahres wittern Rechtsnationalisten eine anti-türkische Kampagne mit dem Ziel, die Welt und besonders den Verbündeten USA zu einer offiziellen Anerkennung des Völkermordes zu bringen. Armenien und ein Großteil der internationalen Forschung sind überzeugt, dass die osmanische Regierung im Jahr 1915 die Vernichtung der armenischen Volksgruppe plante und die Massaker und Todesmärsche mit rund 1,5 Millionen Opfern anordnete. Ankara argumentiert dagegen, die Armenier seien bei einer Umsiedlungsaktion ums Leben gekommen; zudem seien auch viele muslimische Türken getötet worden. Lange Zeit war das Thema in der Türkei tabu. Erst nach EU-Reformen kam im vergangenen Jahrzehnt der Ruf nach einer aufrichtigen Auseinandersetzung mit dem dunklen Kapitel der Geschichte auf. Gewalttätige Gegenreaktionen waren die Folge. Rechtsextremisten ermordeten 2007 den armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, der eine Anerkennung des Genozids gefordert hatte. Jetzt drohte eine Gruppe namens „Verband des türkischen Großreiches“, sie werde die Vorstellung von Akins Film in der Türkei verhindern und die Entwicklung „mit weißen Mützen“ beobachten: Dinks Mörder trug eine solche Mütze, als er den Journalisten auf offener Straße erschoss. Vor dem Hintergrund dieser Drohung läuft nun die Debatte darüber an, ob und in welchen Kinos „The Cut“ in der Türkei gezeigt werden könnte. Er glaube nicht, dass sich ein Verleih für den Film finden werde, sagte der Kinobesitzer Irfan Atasoy der Zeitung „Habertürk“. Der Produzent Sabahattin Cetin sagte dagegen, die Türkei sei inzwischen so weit, dass der Film gezeigt werden könne. Auch liberale Beobachter wie die Kolumnistin Asli Aydintasbas von der Zeitung „Milliyet“ sprachen von einem wichtigen Werk. Zuversicht schöpfen die Film-Befürworter aus der Tatsache, dass die Auseinandersetzung mit dem Genozid in der Türkei seit dem Dink-Mord offener geworden ist. Bücher und Veranstaltungen über das Thema erregen kaum noch Aufsehen. Von einer angstfreien Atmosphäre ist das Land aber noch weit entfernt. Akin sagte der „New York Times“, er habe für ein früheres Filmprojekt keinen türkischen Schauspieler finden können, der Dink spielen wolle. Er selbst fühle sich sicher - weil er nicht in der Türkei lebe.