Kaiserslautern
Streit um Globuli: Ärztin wehrt sich gegen Lauterbach-Vorschlag
„Die Patienten sind verunsichert und besorgt, weil sie befürchten müssen, dass ihnen Behandlungen genommen werden, mit denen sie jahrelang sehr gute Erfahrungen gemacht haben.“ Als Ärztin verschreibe sie in ihrer Hausarztpraxis seit 25 Jahren Globuli und Co., habe damit vielen Menschen helfen können. „Für 80 Prozent der Therapien, die Allgemeinmediziner wählen, ob konventionell oder nicht, gibt es keine strengen wissenschaftlichen Beweise, wie Gesundheitsminister Karl Lauterbach sie haben will“, argumentiert Lauer. Und eine Kostenersparnis, das prophezeit sie, würde sein Vorstoß auch nicht bringen.
„Zur Begleittherapie geeignet“
„Ich habe mir mal genau die Zahlen angeschaut. Ich liege bei den Kosten für verschriebene Arzneimittel im Vergleich mit anderen Hausarztpraxen 68 Prozent unter dem Durchschnitt.“ Homöopathische Arzneimittel seien wesentlich günstiger, erklärt sie. Wobei sie durchaus auch Rezepte für Antibiotika oder Schmerzmittel ausstellt. „Ich arbeite ganzheitlich und konventionell, wenn es notwendig ist“, so Lauer, die stellvertretende Vorsitzende im Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte ist. „Ich würde auch niemals jemandem abraten, eine Chemotherapie zu machen, ich verschreibe selbstverständlich auch Blutdrucksenker.“ Aber zur Begleittherapie setze sie häufig auf homöopathische Mittel, schon deshalb, weil sie in der Regel weniger Nebenwirkungen haben, besser vertragen werden. „Da spreche ich mich aber auch mit den Fachärzten ab.“
„Nicht alle Menschen reagieren gleich“
Konventionelle Arzneien verursachten auch viel mehr Rückstände im Trinkwasser. „Für mich ist das kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch.“ Wenn jemand beim Rheumatologen in Behandlung sei, dann schaue sie, was der Patient ergänzend zu sich nehmen könne, damit es ihm besser gehe. „In der Homöopathie kann man individueller agieren, ich versuche auch, die Selbstheilungskräfte zu stimulieren. Und Medizin ist immer auch ein stückweit das Nutzen von Erfahrung, weil nicht alle Menschen gleich reagieren.“
Lauterbach hatte vor Wochenfrist erklärt, Homöopathie ergebe als Kassenleistung keinen Sinn, weil die wissenschaftliche Evidenz fehle. „Auch den Klimawandel können wir nicht mit der Wünschelrute bekämpfen“, hatte er betont. Lauer, Jahrgang 1961, hält dagegen, sie bilde sich wie ihre Kollegen intensiv fort, habe schon während ihres Medizinstudiums in homöopathischen Krankenhäusern gearbeitet, auch in Großbritannien. Sie habe in vielen Fällen mit homöopathischen Medikamenten als Ergänzung erreichen können, dass andere Arzneimittel reduziert werden konnten, oftmals habe sich dadurch der Krankheitszustand stabilisieren lassen.
Gibt es Standardverabreichungen? „Ja und nein“, so Lauer. Arnika helfe bei Verstauchungen, Belladonna bei Fieber. Normalerweise setze sie bei der Verordnung aber tiefer an, mache eine ausführliche Anamnese und versuche herauszufinden, was für ein Typ jemand ist, was ihm gut tue, was er brauche. Darauf stimme sie dann ab, welche Globuli sie verabreiche. Mandelentzündung lasse sich nicht bei jedem mit dem gleichen Mittel behandeln.
„Gute Ergebnisse bei Neurodermitis“
Ihre Befürchtung ist, dass Menschen es künftig mit Selbstmedikation versuchen, wenn Globuli keine Kassenleistung mehr sind. „Das kann leicht dazu führen, dass das Falsche genommen wird.“ Gute Ergebnisse erreiche sie mit den alternativen Mittelchen in der Regel bei akuten Infekten, Wechseljahrbeschwerden, Neurodermitis, Pseudokrupp bei Kindern. Sie berichtet von einem jungen Südamerikaner, der monatelang eine entzündete Ferse hatte, kaum noch laufen konnte. Ihm habe sie mit einem Mittel, das aus Schlangengift hergestellt wurde, helfen können. Wobei sie nie ins Risiko gehe. „Ich arbeite mit Laborwerten, kontrolliere engmaschig, überwache, ob sich eine Wirkung einstellt.“
Wie geht die promovierte Allgemeinmedizinerin mit dem Vorwurf um, die kleinen weißen Kügelchen wirkten nicht besser als Placebo. „Das stimmt so nicht“, hält Lauer dagegen. Es gebe mittlerweile zahlreiche Studien, die durchaus die Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln belegten. Die würden aber von den Kritikern nicht zur Kenntnis genommen. Hinter der Homöopathie stehe auch kein so ein großer Apparat wie die Pharmaindustrie, es gebe dafür kaum Forschungsgelder. Die Evidenz, also den Nachweis auf Wirksamkeit nur auf Studien zu reduzieren, hält Lauer nicht für ausreichend. „Da gehört einfach mehr dazu. Ich arbeite ganzheitlich, versuche immer, das für den Patienten passende Medikament zu identifizieren, bei der Evidenz spielt neben Studien und der Erfahrung des Arztes auch der Patientenwunsch eine große Rolle.“
Zur Person
Sieglinde Lauer, Jahrgang 1961, ist Fachärztin für Allgemeinmedizin mit Zusatzqualifikationen in Naturheilverfahren, Homöopathie, Umweltmedizin, Psychotherapie. Sie ist Referentin für Homöopathie bei den Landesapothekerkammern in Rheinland-Pfalz und dem Saarland, Leiterin eines Ärztlichen Qualitätszirkels für Homöopathie und stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte.