Kaiserslautern So kann’s bleiben: Auf ganzer Linie überzeugt
Vier neue Spielorte, neugierige und staunende Gesichter und noch multikultureller als in den Jahren zuvor: Das ist die Bilanz der Langen Nacht der Kultur. Von Samstag auf Sonntag luden die Veranstalter des beliebten Großereignisses zum 15. Mal zu einen kollektiven Streifzug von einem kulturellen Höhepunkt zum nächsten, und sorgten für gute Unterhaltung trotz nässelndem Wetter. Ein Rundgang.
Entdecken, Staunen, Erleben und Genießen: Das war auch in diesem Jahr das Motto der Langen Nacht. Die umher strömenden Besucher hatten regelrecht die Qual der Wahl bei dem üppigen, vielfältigen und teilweise zeitlich überlappenden Angebot. Um 15.30 Uhr wurde das Ereignis von Bürgermeisterin Susanne Wimmer-Leonhardt, Kulturreferatsleiter Christoph Dammann und Hans-Günther Clev, Geschäftsführer der ZukunftsRegion Westpfalz, eröffnet. Auf der RPR1-Bühne, die vor der Stiftskirche aufgebaut war, ging es aber bereits um 13 Uhr los mit allerhand lokalen und regionalen Musikern. Zugegeben: Vielerorts hielt sich der Besucheransturm zu Anfang deutlich in Grenzen. Schuld daran war in erster Linie das trübe Wetter. Es nieselte und windete, mal mehr, mal weniger. Ein kleines Desaster für Außenveranstaltungen, wie etwa die Zehn-Jahresfeier des Kultur.Kollektivs auf der Theaterwiese. Mit Lichtprojektionen zur Chronologie der Kultur-Initiative „Pfaff erhalten − Stadt gestalten“, Live-DJs, einem Näh-Workshop, einer interessanten Werk-Ausstellung der Lauterer Künstlerin Marie Gouil, Live-Graffiti von Carl Kenz und Live-Bildhauerei vom Steinmetz und -bildhauer Lasse Schulz-Berke sowie einer stündlichen 5-Minuten-Lesung rund ums Thema Pfaff von Michael Fetzer, gab es hier einiges zu sehen, zu hören und zu erleben. Neben der Geburtstagsfeier spielte das Thema „Pfaff“ die wichtigste Rolle bei der Freiluft-Aktion. Mit ihrer Initiative verfolgen die Mitglieder der freien Kulturszene das Ziel, das brachliegende Areal dauerhaft etwa für kulturelle Zwecke nutzen zu dürfen (wir berichteten mehrfach). In diesem Sinne galt es mit der lebendigen Achse auf der Wiese die Geschichte und Zukunft des Areals noch einmal in den Köpfen der Besucher zu verewigen. Dazu wurden beispielsweise auf einem weißen Häuschen mit Schornstein – als symbolische Nachbildung von Pfaff – Fotos und Videos zu Gegenwart und Historie gezeigt. Das miese Wetter war aber auch ein guter Grund, um einige Indoor-Stationen mehr auf dem Programmplan zu markieren. Wer Lust auf ein wenig australische Kultur made in Kaiserslautern hatte, der war in der Galerie Unikum genau richtig. Hier stellte der Lauterer Bauschreiner Peter Schmittler handgefertigte Didgeridoos, im Volksmund „Yedaki“ genannt, in all ihren Formen, Größen und unterschiedlichen Holzarten aus. Der 59-Jährige beschäftigt sich bereits seit mehreren Jahren mit dem australischen Nationalinstrument. Für die Zusammenstellung seines reichen Sortiments hat er fast sieben Jahre gebraucht, wobei der Bau eines Instruments je nach Größe ein bis vier Tage Arbeit in Anspruch nimmt. Von der australischen zur türkischen Musikkultur ging es um 20 Uhr auf dem Martinsplatz. Sängerin Pelin Özgürbüz und ihre Band „Stargazers“ spielten guten handgemachten Rock aus der Türkei mit Covern von Bands wie Yeni Türkü und Vega. Das Ergebnis lockte trotz leichtem Tröpfeln unzählige Besucher und überzeugte nicht nur dank Pelins bezaubernder Stimme, sondern auch durch die angenehm romantische Wirkung ihrer Sprache. Bezaubernd und romantisch waren auch die Melodien, die die japanische Pianistin Sachiko Furuhata-Kersting in der Fruchthalle aus ihren Tasten lockte. Hochkonzentriert über ihr Instrument gebeugt und mit beeindruckendem Fingerspitzengefühl spielte sie zeitlose Meisterwerke von Beethoven und Schumann und kreierte eine beinahe andächtige Atmosphäre im gut besuchten Konzertsaal. Wenn es um den literarischen Aspekt der Kulturnacht geht, wurde es an der Zeit, dass die Buchhandlung Thalia endlich bei dem Großereignis mitmischte. Premiere also. Drei Kurzlesungen gab es im hauseigenen Café und im Leseraum im 1. Obergeschoss. Mit dabei der Mölschbacher Krimi-Experte Bernd Franzinger, der mit kulinarischen Auszügen aus seinem Krimi-Repertoire mehr oder weniger den Appetit der Gäste anregte. Madeleine Giese, die sich über das Schwabenländle amüsierte und auch die Otterbacher Autorin Heike Abidi, die unter anderem aus der „Bürohölle“ mit cholerischen Chefs und nervigen Angestellten für Lacher sorgte. Bei den bildenden Künsten wäre etwa die Fotowerkstatt in der Rosenstraße 7 mit ihrer Hommage an die Musik und die Lauterer Musikszene im Besonderen zu erwähnen. Mit Installationen aus teilweise entsorgten und auf der Straße entdeckten Violinen, Gitarren und mehr und einer Fotostrecke, auf der einige der bekanntesten Lauterer Musiker abgebildet waren, zelebrierte das Fotografen-Duo Johanna Leonhard und Matthias Kehrer die Vielfalt von Musik. Wenn es um Vielfalt und Musik geht, dann dürfte das Konzert der 14-köpfigen Band Shaian sicherlich ein Höhepunkt gewesen sein. Zu Recht, denn das, was ab 21 Uhr in der Friedenshalle – einem weiteren neuen Spielort bei der Langen Nacht – geboten wurde, bereicherte nicht nur den multikulturellen Aspekt der Veranstaltung, sondern setzte ein wichtiges Zeichen für die gesamte Stadt. Die von Michael Halberstadt und Dagmar Kern ins Leben gerufene Formation ist ein Zusammenschluss von musizierenden Männern und Frauen aus unterschiedlichen Kulturen, darunter auch viele, die aus ihren Heimatländern fliehen mussten. Die Botschaft: Musik verbindet, und zwar interkulturell. Die Band vereint nicht nur eine Reihe von wundervollen Stimmen, sondern auch ein Repertoire aus berauschenden Liedern, sowohl traditionell als auch modern. Da wäre der junge indonesische Sänger Angana Putra Ciremay, der ein altes Lied vortrug, das sein Großvater ihm beigebracht hat. Ein absoluter Hörgenuss auch das iranische Stück von Amir Hadavi, das der junge Mann mit einer solchen Inbrunst und Finesse sang, das es Gänsehaut machte. Und als Younes Rahmani aus Afghanistan bei seiner Nummer zum Abschluss nicht nur mit viel Leidenschaft sang, sondern auch zur Musik tanzte, war das Publikum in der voll besetzten Halle nicht mehr zu bremsen. Stehende Ovationen und Jubel für dieses grandiose Ensemble. Ab 24 Uhr drehten viele Nachtschwärmer ihre letzten Runden, sichtlich erschöpft und begeistert zugleich von den vielen unterschiedlichen Eindrücken der Nacht. Fazit: Trotz widriger Wetterbedingungen überzeugte die Lange Nacht der Kultur wieder einmal auf ganzer Linie mit einem Programm, das alle Geschmäcker und Kulturen bediente. So kann’s bleiben. Jahr für Jahr.