Kaiserslautern
Silvesterkonzert mit der Radio-Philharmonie
Es waren glanzvolle, legendäre Zeiten zwischen der französischen Buffo-Operette in den 1840er Jahren und dem Berliner Singspiel danach, das die Walzerseligkeit mit zackiger Marschmusik ablöste. In der Fruchthalle verbreiteten die Werke dreier Repräsentanten der goldenen Wiener Zeit etwas vom nostalgischen Glanz.
Chefdirigent Inkinen fegte wie ein Wirbelwind durch die entstaubten Partituren. Moderator Roland Kunz stimmte mit vielen Hintergrundinformationen ein in die damalige Euphorie, ja Massenhysterie mit einem Starrummel, wie ihn erst wieder im 20. Jahrhundert Popstars und Kultbands entfachten.
Reminiszenz an Meister Lehár
Vieles drehte sich damals und jetzt beim Konzert um den mit mährischen Wurzeln über Ungarn in Wien gelandeten Komponisten Franz Lehár, der mit seinen Kompositionen zu großem Reichtum kam: Ein Schlöss’l in Wien-Nussdorf und eine Villa im mondänen Bad Ischl lassen erahnen, was er mit seinen Walzerklängen, seinen Ballettszenen und Liedern „anrichtete“.
Wie in der Fruchthalle eindrucksvoll zu erleben war, schöpfte der Meister aus einer nie versiegenden, reich sprudelnden Quelle der melodischen Inspiration. Er konnte durch die Instrumentierung raffinierte Klangwirkungen zaubern, mit sanft umschmeichelnden Flöten und arpeggierender Harfe (beim Walzer „Wilde Rosen“) das ungarische Kolorit in der Idiomatik genau treffen (wie bei der Ballettszene zum Konzertauftakt).
Rührseligkeit mit Opern-Qualität
Die rührselige Melodienseligkeit seiner Operetten näherte sich durch die Freundschaft zum Kollegen Puccini der Oper an. Seine Tanzsuite (ohne Bezug auf ein Bühnenwerk) zeigte, dass seine Orchestermusik auch autonom sehr reizvoll ist durch die Kunst der Satztechnik, der thematischen Arbeit mit Variationen und vielen überraschenden Wendungen vom Walzer zum Marsch.
Wir haben andere Hörgewohnheiten als die Konzertbesucher damals. Pietari Inkinen steigerte die Klangbeispiele der Wiener Operette in Kombination mit weiteren Kompositionen von Johann Strauß und Emmerich Kálmán in ihrem schwungvollen, lebhaft pulsierendem Rhythmus und elektrisierender melodischer Erfindung: noch eine Spur brillanter, rasanter, dynamischer und mit der Stretta zum sich steigernden Schluss noch atemloser.
Ehrgeiz ist nicht alles
Das zeigte sich ganz deutlich bei der Zugabe, dem obligatorischen Radetzky-Marsch von Johann Strauß, der aber bei diesem Tempo im Sauseschritt schneller als schreitend patrouillierend daherkommt. Will sagen: Nicht alles profitiert vom gestalterischen Ehrgeiz, es noch besser und gefälliger machen zu wollen. Vor allem für Vokal-Solisten sind Kraftakte manchmal auch Gewaltakte für überdehnte Stimmbänder.
Insgesamt wies aber die Radio-Philharmonie nach, dass sie auch die vermeintlich leichte Muse nicht auf die sprichwörtlich leichte Schulter nimmt. Dennoch: Das typische Walzergefühl in federnden Nachschlägen wollte sich nicht immer an allen Pulten (etwa beim Hornsatz) einstellen. Die Orchesterbegleitung der Solopartien könnte auch etwas transparenter sein.
Triumph der Vokalsolisten
Allerdings konnte man die gefeierten Solisten - wie die von der Wiener Staatsoper bekannte Sopranistin Olga Bezsmertna - nicht in Verlegenheit bringen. Ihre Kostproben aus dem Genre der Wiener Operette zeigten eine große stimmliche Strahlkraft, makellos leuchtende Höhen und gut gestützte Haltetöne, aber auch einen Hang zum übertriebenen Vibrato und Forcieren.
Noch überzeugender wirkte der „Einspringer“: Der gebürtige Salzburger Tenor Peter Sonn ist in seiner jungen Karriere zunächst - natürlich! - ein gefragter Mozart-Interpret. Im Operettenmilieu gibt es verschiedene Einflüsse: Das Kolorit im „Land des Lächelns“ von Lehár kam diesem aufstrebenden Sänger mit seiner überzeugenden Vortragskunst sehr gelegen und entgegen: Er beherrscht die große theatralische Geste, kann aber auch in liedhafter Schlichtheit und Anmut gestalten. Als Ersatzmann für den ursprünglich vorgesehenen Tenor Christian Elsner kam, sah und siegte er.