Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Sensationsmeisterschaft 1998: Ein Grußwort des Kanzlers

Am Ziel angelangt: Trainer Otto Rehhagel präsentiert den Fans die Meisterschale.
Am Ziel angelangt: Trainer Otto Rehhagel präsentiert den Fans die Meisterschale.

Im Herbst 1997 träumen die FCK-Fans nach einer starken Bundesliga-Vorrunde von der Meisterschaft – als Aufsteiger. Auch RHEINPFALZ-Mitarbeiter Dirk Leibfried lässt sich als Fußballfan von der Euphorie mitreißen. Er beginnt mit der Planung zu einem Sondermagazin zum Saisonabschluss. Arbeitstitel: „Von Meppen in die Champions League“. Nichtsahnend, dass es wirklich so weit kommen soll.

„Im Ernst?“ Gerhard Herzog konnte sich ein mitleidiges Lächeln nicht ganz verkneifen. Es ist Herbst 1997. Gutgelaunt betrete ich die Geschäftsstelle, um dem damaligen Geschäftsführer und späteren Vorstandsmitglied des 1. FC Kaiserslautern meine tollkühne Idee zu unterbreiten. Ein großes Sondermagazin zum Saisonabschluss, ein Meisterheft vielleicht. Doch der Fußball ist unberechenbar und das Saisonende noch in weiter Ferne. Egal. Arbeitstitel: „Von Meppen in die Champions League“. Und weil überall dort, wo ein FCK-Logo drauf soll, erst einmal der Verein gefragt – und nebenbei finanziell beteiligt – werden muss, saß ich nun hier im Büro von Gerhard Herzog. „Im Ernst?“, fragte er mich noch einmal.

Was war geschehen? Nach einer furiosen Vorrunde feiert der FCK die Herbstmeisterschaft. Vier Punkte beträgt der Vorsprung auf den FC Bayern München. Geht da was? Ganz Deutschland staunt über den Aufsteiger, der die Liga aufmischt. Bereits am ersten Spieltag die große Überraschung: Die Roten Teufel gewinnen in München mit 1:0, Trainer Otto Rehhagel legt im Olympiastadion, ausgestattet mit einer Plastikwasserflasche, einen wahren Veitstanz auf die Tartanbahn. Zwei Jahre zuvor wurde Rehhagel bei den Bayern entlassen. So wie früher, als Kaiserslautern noch zum Regierungsbezirk Bayern gehörte und unfähige Münchner Beamte in den Pfälzerwald versetzt wurden, erging es auch Rehhagel. Ein Glücksfall.

Titelblatt entsteht vor dem geistigen Auge

Das Gespräch mit dem FCK-Verantwortlichen dauerte nur wenige Minuten. Mit einem aufmunternden „Dann mach' mal!“ fuhr ich zurück nach Alsenborn. Bereits im Auto nahm das Redaktionskonzept Gestalt an. Einen Tag später akquirierte ich die ersten Anzeigen. Ja, es war verrückt. Sollte ich wirklich Arbeit investieren in ein Projekt, das an der seidenen Haarlocke von Olaf Marschall, der Laune von Ciriaco Sforza oder den Torwartkünsten von Andreas Reinke hing? Ich fand wenig Gegenargumente.

Das Team und ihr Übungsleiter gaben mir Recht, der Vorsprung in der Tabelle wuchs zwischenzeitlich auf neun Punkte an. Vor dem geistigen Auge entsteht das Titelblatt. Doch vor der Kür steht die Pflicht. Texte recherchieren, Statistiken aktualisieren, Grußworte anfragen. Wirklich beim Kanzler? Klar, schließlich ist er Pfälzer und bekennender FCK-Fan. Es kommen zwei Versionen. Eine für den Fall, dass es klappt, eine für den Fall, dass der FCK die Meisterschaft auf der Zielgeraden noch verspielt. Gezeichnet Dr. Helmut Kohl.

Die Geburtsstunde des Fußballgotts Marschall

Und tatsächlich wurde es noch einmal richtig aufregend. Am 32. Spieltag, es war ein Freitagabend, gastierte Borussia Mönchengladbach auf dem Betzenberg. Nach 43 Minuten stand es 0:2. Bei einer Niederlage hätten die Bayern mit einem Sieg den FCK überflügeln können. Noch vor der Pause erzielte Olaf Marschall den Anschlusstreffer, nach einer Stunde den Ausgleich. Die Dramatik der Schlussminute hat Andreas Brehme später in einem Interview zusammengefasst: „Nie werde ich vergessen, wie Marco Reich die Flanke mit rechts von der linken Seite in den Sechzehner schlägt, wie Marschall hochsteigt und sich den Ball selbst an die Schulter köpft. Von dort flog er in hohem Bogen in den Winkel.“ 3:2. Und Marschall hieß in Lautern nur noch Fußballgott.

Selten hat mich ein Fußballspiel auch körperlich so an meine Grenzen gebracht. Ohne selbst mitgespielt zu haben. Angst und Panik verwandelten sich in Ekstase und grenzenlose Freude. Jetzt müsste es schon mit dem Teufel zugehen. Am 2. Mai 1998 wurde der FCK nach einem 4:0-Sieg gegen den VfL Wolfsburg vorzeitig Deutscher Meister. Auch, weil die Bayern in Duisburg nicht über ein 0:0 hinauskamen. Der Jubel über den Gewinn der Meisterschaft war damals wohl bis Mannheim und Saarbrücken zu hören. Und doch war er nur der Aufgalopp für die große Meisterfete eine Woche später.

Schaulaufen im Volksparkstadion

Auch das Meisterheft nahm nun Gestalt an. Eine Druckerei in der Mainzer Straße produzierte die ersten Bögen, wartete auf Nachschub und plante bereits die Nachtschicht, die den Mitarbeitern noch bevorstand. Von Fotograf Markus Gilliar kam die Zusage, nach dem Spiel in Hamburg Fotos von der Übergabe der Meisterschale zu liefern. Was heute wie eine Selbstverständlichkeit klingt, bedurfte damals einer logistischen Meisterleistung. In einem Hamburger Hotel bereitete Gilliar die Datenübertragung per Telefon vor, am frühen Abend dann die Erleichterung. Es hatte alles geklappt. Die Druckmaschinen konnten anlaufen.

Zur gleichen Zeit im Volksparkstadion: 30.000 Anhänger des 1. FC Kaiserslautern, angereist in acht Sonderzügen, 280 Bussen und unzähligen Autos, bejubelten das Schaulaufen der Rehhagel-Truppe. Nur wenige erinnern sich wahrscheinlich heute noch an das Ergebnis am 9. Mai: 1:1. Viel wichtiger: Um 15.13 Uhr, also bereits vor dem Spiel, überreichte DFB-Präsident Egidius Braun die Meisterschale an Ciriaco Sforza und Andreas Brehme. In Kaiserslautern hat zu diesem Zeitpunkt bereits die Meisterfeier begonnen. Die Daheimgebliebenen feierten einfach so lange, bis die Auswärtsfahrer in der Nacht zurückkehrten. Um dann gemeinsam in den Sonntag reinzufeiern.

Meisterfeier mit etwa 100.000 Menschen

Denn für diesen Tag war die eigentliche Meisterfete geplant. Mit einem Korso durch die Stadt und einem Empfang im Rathaus. Der Tag begann für mich mit einem Frühstück in der Druckerei. Stolz präsentierte mir der Druckmeister das erste Exemplar. In großen roten Lettern prangte über der von Sforza in die Luft gereckten Schale der Schriftzug „Meister!“. Darunter der alte Arbeitstitel „Von Meppen in die Champions League“. In einem Grußwort freute sich Helmut Kohl fast schon eine Spur zu nüchtern über die vierte deutsche Meisterschaft seines Lieblingsvereins: „Nur wenige haben den Roten Teufeln zugetraut, dass sie nach erfolgreichem Wiederaufstieg in die oberste Spielklasse sofort den Titel an den Betzenberg holen würden.“

Der 10. Mai war ein heißer Tag, was aber niemanden davon abhielt, die Stadt in ein rot-weißes Meer zu tauchen. Schätzungen sprechen von annähernd 100.000 Fans, die sich an diesem Sonntag in Kaiserslautern aufgehalten haben sollen. Der Transporter der Druckerei postierte sich in der Nähe des Rathauses, die ersten Exemplare wurden direkt von der Laderampe verkauft. Basses Erstaunen bei den meisten Fans, die nicht glauben wollten, dass dieses Magazin tatsächlich in der Nacht produziert wurde – und die Bilder keine Fotomontagen sind. Ich treffe zufällig Gerhard Herzog. Er zwinkert mir zu als wolle er sagen: „Im Ernst?“. „Ja, im Ernst“, rufe ich ihm hinterher.

Der Autor

Dirk Leibfried (55) arbeitet als Journalist und Autor, unter anderem auch für die RHEINPFALZ. 1998 produzierte er mit seiner in Alsenborn ansässigen Agentur die Stadionhefte des 1. FC Kaiserslautern. Die Idee zu einem Meisterheft entstand in einer Saisonphase, als die meisten noch nicht wirklich an die Sensation geglaubt hatten.

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