Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel „Royal Music“: So lief das Kammerkonzert am Sonntag in der Fruchthalle

Der Flötist Stefan Temmingh war schon öfter Gast am Pfalztheater Kaiserslautern.
Der Flötist Stefan Temmingh war schon öfter Gast am Pfalztheater Kaiserslautern.

Wie sich die Zeiten in der Musikgeschichte doch ändern, zeigte sich eklatant beim Kammerkonzert am Sonntag in der leider nur schwach besuchten Fruchthalle in Kaiserslautern. Obwohl die Ausführenden Stefan Temmingh (Blockflöten) und Wiebke Weidanz (Cembalo) allerhöchstes internationales interpretatorisches Niveau erreichten.

Vielleicht ist die sogenannte „Alte Musik“ in unserer Region im Gegensatz zu Hochburgen wie etwa Freiburg, Basel, Köln oder Bamberg eher eine „Musica reservata“ - eine Kunst für Kenner und Liebhaber, was zur angedeuteten Problematik passen würde. Die Blockflöte erlebte in der höfischen Kultur des Barock-Zeitalters eine Blütezeit, das führte zu einer gigantischen Schatzkammer mit Solokonzerten und Sonaten.

Die beiden Ausnahmekünstler Stefan Temmingh (Blockflöten) und Wiebke Weidanz (Cembalo) öffneten diese weit und förderten Kompositionen des deutschen (Bach und Händel), französischen (Hotteterre, Philidor) und italienischen Barock (Corelli, Verancini) zu Tage und befreiten die Blockflöte vom Image als Anfänger- und Einsteigerinstrument, das sie heute an Musikschulen und bei Musikvereinen oft nur ist.

Nur acht Tonlöcher (ohne Doppelbohrung), kostengünstige Produktion aus heimischen Hölzern und Kunststoff, dazu verschiedene Größen und Stimmlagen für Ensemblespiel - da ist die Verlockung pädagogisch groß und die spätere Verlegenheit oft nicht minder. Zwischen den künstlerischen Höhenflügen von Professor Temmingh in Freiburg und dem „Hausgebrauch“ liegen Welten; selbst dann, wenn man sich jahrelang auf dieser Literatur versucht. Das ist die Quintessenz der Darbietungen, die weit über das Abspielen von gedruckten Noten hinausgehen, was ja ohnehin in der damaligen Aufführungspraxis (vergleichbar mit dem heutigen Jazz) nur eine Grundlage war.

Schon die zum Auftakt gespielte Händel-Sonate in C-Dur zeigte beim Kopfsatz die hohe Kunst des freien Figurierens und kunstvollen Verzierens in wechselnden zusätzlichen Spielfiguren. Dazu schwingt sich der Flötenton in den akkordischen Klang des Cembalos sanft ein, verschmilzt und auch das gelingt so nur Ausnahmekünstlern.

Temmingh virtuos

Die nachfolgende Brillanz und Rasanz bei den vielen Allegri ist ebenfalls in dieser bestechenden Klarheit und Souveränität für Schüler und Studenten kaum erreichbar und erinnert bei Temmingh an das Virtuosentum des 19. Jahrhunderts als legendäre Virtuosen mit Beinamen wie Hexenmeister oder Teufelsgeiger bedacht wurden.

Dieser Kult ist allerdings diesem Blockflötisten fremd; ihm geht es vielmehr um eine stringente Charakterisierung aller kontrastreichen Sätze: Arios und kantabel bei den langsamen, grazil bei den tänzerischen und reißerisch (aber in kristallener Klarheit) bei den Finalsätzen. Temmingh neigt nicht zu den Überbetonungen und dynamischen Übertreibungen anderer Blockflötisten, die damit ihr Instrument intonatorisch überstrapazierten. Ihm gelingt eine Synthese aus historischem Bewusstsein und heutiger Klangvorstellung.

Die Cembalistin Wiebke Weidanz folgte mit seismographischem Gespür für die metrischen Abläufe und gleichzeitig für die physischen Anforderungen der Phrasierung und Atemtechnik und erreichte eine exakte Synchronisation und subtile Koordination. In der damaligen oft ausufernden figurierten Ausdeutung des Begleitparts nahm sie sich eher zurück auf eine begleitende und stützende Funktion, ohne allerdings dabei statisch zu wirken. Fürwahr ein denkwürdiger Nachmittag, der viele Musikschüler hätte inspirieren können.

x