Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Nach Drama bei Pfaff: So geht es der Belegschaft

Vor dem Pfaff-Gebäude herrscht bedrückende Stille.
Vor dem Pfaff-Gebäude herrscht bedrückende Stille.

Die Stimmung bei Pfaff ist auf dem Tiefpunkt. Die Mitarbeiter müssen die Nachricht des radikalen Stellenabbaus noch verkraften. Wer gehen muss, ahnen die meisten schon.

Der Parkplatz vor dem Pfaff-Gebäude im IG Nord liegt stumm da. Der Schriftzug des ehemaligen Weltunternehmens, des Aushängeschildes der Barbarossastadt, ist das einzige, was an diesem Nachmittag strahlt. „Pfaff Industrial“ prangt in roten nüchternen Lettern über der Tür des langgezogenen Baus mit weißer Front. Bescheiden, nur auf einer Seite der Eingangstür, steht klein „Elevate“ mit dem Adient-Logo davor: Schon lange füllen Pfaff-Mitarbeiter allein das Gebäude nicht mehr. Elevate Aircraft Seating, vormals Adient Aerospace, hat inzwischen auch seinen Sitz hier.

So stumm und schnörkellos wie der Pfaff-Schriftzug sind auch die meisten Mitarbeiter an diesem frühen Nachmittag. Denn genau das, Mitarbeiter, werden fast zwei Drittel von ihnen ab 1. Oktober nicht mehr sein. Von den noch 124 Beschäftigten müssen 71 gehen, hat die Geschäftsführung ihnen am Montagmittag verkündet.

Die Tür in der Hans-Geiger-Straße 12 öffnet sich, ein paar Menschen verlassen das Gebäude. Die Haltung – gesenkter Kopf, den Blick auf den Boden vor sich geheftet – lässt erahnen, dass es sich nicht um Adient-Angestellte handelt. Die Frage, ob sie bei Pfaff arbeitet, bejaht die Frau, die zu ihrem Auto hastet, noch. Dann folgt jedoch nicht mehr als: „Tut mir leid, ich möchte momentan gar nichts sagen.“ Und sie verschwindet eilig in ihrem Fahrzeug. Die Bedrückung, eher Verzweiflung, fährt mit nach Hause.

Positive Nachricht wird von negativer aufgehoben

Noch bis nächsten Montag müssen die Beschäftigten die Ungewissheit ertragen, ob sie entlassen werden oder zu den 53 Personen, die bleiben dürfen, gehören. Denn erst dann wird ihnen der Geschäftsführer des Lauterer Werks, Frank Meyer, dies in Einzelgesprächen mitteilen, kündigte er am Montag zusammen mit der Hiobsbotschaft an. Das einzig Positive – was die meisten aber momentan kaum so empfinden – ist, dass das Werk nicht komplett geschlossen wird, wie die Führung der Shang Gong Group in Shanghai, zu der Pfaff gehört, im März geplant hatte.

Dies konnte der Betriebsrat zusammen mit der IG Metall verhindern, wie sie betonen. Auch Meyer setzte sich laut eigener Aussage dafür ein, den Betrieb in Kaiserslautern fortzuführen. Dass das vereinbarte Konzept jedoch langfristig trägt, bezweifeln Betriebsrat und Gewerkschaft. „Natürlich hoffen wir, dass wir Unrecht haben“, sagt Herbert Altschuck, zweiter Betriebsratsvorsitzender, auf dem Weg zu seinem Auto. Doch auch viele in der Belegschaft seien nicht von dem Konzept überzeugt.

Immerhin liege nun die Wahrheit auf dem Tisch. „Es war erst die Rede von massivem Personalabbau, dann von massivstem: Da war dann klar, dass es um mehr geht.“ In der Belegschaft sei „keine große Panik“ ausgebrochen, aber es gebe viele Fragen, zum Beispiel „zu der Transfergesellschaft, zum Resturlaub“, nennt Altschuck einige. Deshalb hat der Betriebsrat für Donnerstag eine Betriebsversammlung angesetzt, in der es um rechtliche Fragen und die Transfergesellschaft geht. „Wir möchten informieren, bevor die Kollegen etwas unterschreiben“, sagt Betriebsratsvorsitzender Richard Müller auf Nachfrage.

Viele junge Mitarbeiter sind bereits gegangen

Der Altersschnitt in der Belegschaft sei recht hoch, bestätigt Altschuck, denn „viele junge, gut qualifizierte Leute sind woanders hingegangen“, kann er es ihnen angesichts der Unsicherheit bei Pfaff nicht verübeln. Er selbst sei seit 1985 mit Unterbrechung in dem Unternehmen tätig – was Punkte beim Sozialplan bringt.

Ein ebenfalls nicht ganz junger Mann eilt über den Parkplatz. Seit 42 Jahren sei er bei der Firma; ja, da sei Pfaff schon „ein Stück Leben“, bestätigt er. Doch leider habe er keine Zeit, entschuldigt er sich hastig und verschwindet.

Es ist nicht viel los auf dem Pfaff-Gelände. Wer das Gebäude verlässt, bleibt nicht zu einem kleinen Feierabend-Plausch mit den Kollegen vor der Tür stehen, sondern strebt zielgerichtet zum Auto. Nach Small Talk ist niemandem an diesem Tag zumute. Lediglich ein Adient-Mitarbeiter telefoniert entspannt vor der Tür. Der Einzige, der auf dem großen Parkplatz einen Gesprächspartner sucht, ist ein UPS-Fahrer.

Nein, er wolle nichts sagen, macht ein Mann klar, der seinen Arbeitsplatz gerade verlassen hat. Und nicht weiß, für wie lange. Seit 38 Jahren arbeite er schon für Pfaff, lässt er sich noch entlocken, bevor das Auto ihn verschluckt.

Früher Top-Job, jetzt „keinen Bock mehr“

Ganz anders ein Mitarbeiter, der recht entspannt über den Parkplatz geht. Er zeigt sich gesprächig – denn er geht „freiwillig nächstes Jahr in Rente“, mit 63 und einer Abfindung. Von den Kollegen wüssten aber „rund 80 Prozent, wer gehen muss“, schätzt er.

In 38 Jahren habe er „zwei Insolvenzen und fünf Übernahmen mitgemacht“. Er war im strategischen Einkauf tätig, fast zehn Jahre in China – „ein Top-Job“, lautet sein Urteil. „Vor 2009 habe ich mir nie Gedanken gemacht. Und noch vor zwei Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich jetzt keinen Bock mehr habe. Aber ab 2023 wollte ich schnell weg.“ Eine Reihe weiter steigt ein jüngerer Mann ins Auto. „Ex-Paffianer, ist zu Adient gewechselt. Hat ein gutes Angebot bekommen“, wirft der Fast-Ex-Pfaffianer ein.

Gerüchte über den Abbau habe es viele gegeben, bestätigt er. „Wie viel in der Fertigung, im Einkauf und so weiter abgebaut wird. Aber diesmal war ich überrascht.“ Auch ein Schließungsplan habe kursiert, doch „das hat man nicht geglaubt“. Er denkt nicht, dass das Konzept greift. „Wenn es weiter ginge als 2026, würde mich das wundern.“ Optimistisch sei hier kaum jemand mehr. Deshalb sei seine Priorität gewesen: raus. Aber „Herzblut“ sei trotzdem noch da, gibt er zu. „Wenn ich irgendwann lese, dass Pfaff schließt, dann wird mich das treffen.“

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