Kaiserslautern Mittanzen statt nur zuhören
Es gibt klassische Solo- und Kammer- Konzerte, da geht es primär um spielerische Perfektion und exaktes Zusammenspiel. Bei Jazz um stilistische Angemessenheit und bei romantischen Orchestermusik bevorzugt um Klangfarben. Beim am Freitag in der Friedenskapelle gastierenden Trio Igapó ist jedoch die eigentliche Zielsetzung eine gänzlich andere: Wie der Name sagt, dreht es sich im Kern um sinnbildliche Umarmungen, im übertragenen Sinn um die brasilianische Seele, im engeren Sinn umarmt der Fluss den Wald.
Die von einem Indigenenstamm der Xocó stammende und seit vielen Jahren in Lautern lebende Sängerin Sandrinha Barbosa erschließt ihrem sehr zahlreich erschienen Publikum denn auch ihre Vortragsfolge nicht nach europäischen Kriterien der Kunstmusik: Es steht hier nicht gesangstechnische, gefällige Selbstdarstellung im Mittelpunkt, schon gar nicht Perfektion oder Präzision der musikalischen Anläufe. Zusammen mit ihrem Ehemann und Gitarrist Hubert Groß und dem Schlagzeuger und Percussionist Thorsten Requadt entdecken sie die Schnittstelle zwischen traditioneller, lateinamerikanischer und afrikanischer Folklore mit Jazz, was zu Bossa Nova, Samba, dem Musikstil Guarania (in Paraguay), dem stilisierten Bolero-Klangbeispiel und weiteren Besonderheiten führte. Letztlich ist es eine musikalische Reise durch ein Land, das fast so groß ist wie Europa und dementsprechend die verschiedensten Klimazonen und geografischen Besonderheiten aufweist. Was wiederum auch die Traditionslinien der Musik ausbildete. Das Künstlerehepaar kennt dieses Land und die musikalische Tradition der es beeinflußenden Nachbarländer aus gemeinsamer Lebenszeit dort. Und hat das aus den Liedern, Tanzliedern und Balladen strömende Lebensgefühl verinnerlicht und in eigenen Arrangements mit sehr lebendiger und abwechslungsreicher Musik vereinigt. So entstand im Laufe der Jahre ein immens großes Repertoire. Dabei hatte diese Musik am Freitag sowohl einen tänzerischen Charakter und es war eine weitere Besonderheit dieser Veranstaltung, dass auch die aus Brasilien und Portugal stammenden Besucher eine Konzertveranstaltung dieser Art gänzlich anders interpretieren als wir: So tanzten und sangen viele mit, was dem Charakter der Bregas (leichten Unterhaltungsmusik) entspricht. Neben besinnlichen Balladen gibt es unter den Chorinhos eine Art Popmusik-Genre, das durch seine schnellen, synkopenartigen und mitreißenden Rhythmen und raschen Tonfolgen auch einen virtuosen Zug hat. Die ganze Bandbreite dieser schillernden Musik kam durch Barbosas Einfühlungsvermögen sehr wirkungsvoll zur Geltung. Noch entscheidender ist Barbosas Faible für die Inhalte der Lieder, für die sie eine poetische Ader hat: Ob Traumvisionen (Ilusión nach Julieta Venegas) oder den beschriebenen Kampf gegen europäische Eindringlinge oder ein Lied der Fernfahrerromantik nach Roberto Carlos, immer trifft sie den Charakter und Charme von Text und Melodik. Das allein zählt. Zumal der spieltechnisch versierte Gitarrist sie optimal „trägt“ und beflügelt. Was bei dem oftmals freien Vortrag mitunter schwierig sein kann – wie Kulturamtsleiter Christoph Dammann selbst erlebte, als er auf dem Akkordeon versuchte, die passenden Töne im richtigen Moment einzubringen. Dagegen hat der auf den vielfältigsten Handtrommeln so erfahrene und routinierte Percussionist eine ausgleichende, gleichsam inspirierende und wirkungsvoll stützende Spielart. Er hielt alles wunderbar zusammen, gab die nötigen rhythmischen Impulse, war Garant für den spürbaren Zusammenhalt.