Kaiserslautern
Literaturfestival endet im voll besetzten Zink-Museum
Dieser, ebenfalls in Dammanns Heimatstadt 1875 geborene Zeitgenosse der Weimarer Republik stammte aus einer Lübecker Patrizier- und Kaufmannsfamilie, was wiederum besonders den großen Gesellschaftsroman „Buddenbrooks“ erklärt. Thomas Manns Spuren zu folgen, ist angesichts der Lebensstationen danach mit der Emigration in die Schweiz 1933 und dann 1938 in die USA schon schwierig, wurde aber durch das Leitthema „Thomas Mann und die Musik“ noch anspruchsvoller. Die rezitierten Textstellen aus dem genannten Roman sowie aus dem Bildungsroman „Zauberberg“, dem Spätwerk „Doktor Faustus“ und dazwischen „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ waren durchaus geeignet, um eine interessante kulturgeschichtliche Auffassung von Kunstausübung zu erhellen.
Da ist etwa in „Felix Krull“ bei einem Besuch eines Kurkonzertes von der Musik als „träumerische Kunst“ die Rede, und der Erzähler ergötzt sich in dieser Textstelle am Spiel der Geiger, was der Erzähler mit Stöcken nachzuahmen sucht. Dagegen schwärmt Gerda Buddenbrook als transitorische Figur von Richard Wagner, will aus dem Klavierauszug von „Tristan und Isolde“ unbedingt vorgespielt bekommen, was der Gebetene empört mit „Pfui“ ablehnt. Im „Zauberberg“ dreht sich dann die Textstelle um ein sinfonisches Präludium französischer Provenienz.
So weit, so gut
Marie Theres Relins Popularität als Schauspielerin, Journalistin und Autorin sowie charismatisch-sympathische Erscheinung war der vielversprechende Einstieg in die Textstellen, die durchaus repräsentativ und typisch ausgewählt und vor allem sehr lebendig rezitiert wurden. Deutliche Artikulation und angenehmes Lesetempo bewirkten hohe Textverständlichkeit. Selbst die erste heikle Textstelle mit einem langen Schachtelsatz mit immer neuen eingeschobenen Parenthesen wurden durch das gliedernde Vortragen verständlich. So weit, so gut. Versäumt wurden allerdings eine Kurzbiographie des Autors und eine Klassifikation der Publikationen (etwa Bildungsroman beim „Zauberberg“) sowie eine Hinführung in wenigen Sätzen zum Inhalt (zumindest Kontext der Textstelle). Anders ausgedrückt: Es wurde vieles vorausgesetzt, was wiederum dem Geist des Bildungsromans entspräche...
Das interdisziplinäre, synergetische Zusammenwirken von Dichtung und Musik ist eine lobenswerte Leitidee und gleichzeitig eine konzeptionelle Herausforderung. Doch wurde dies auch umgesetzt, oder wurden Musikwerke willkürlich (nach derzeitigem Repertoire) gespielt? Immerhin hatte die Vortragsfolge von Konzertpianistin Sachiko Furuhata eine thematische Klammer: Sie begann mit Beethovens „Mondschein-Sonate“ und klang mit Debussys „Ode ans Mondlicht“ („Clair de lune“) aus. Bezugnehmend zur Lesung hätte durchaus ein Wagner-Vorspiel in Klavierauszug-Form genutzt werden können, der Text gab die Steilvorlage. Ob die Variationen Franz Liszts über ein Thema von Bach passen, darf bezweifelt werden.
Verinnerlichung und Entrückung
Immerhin: Die Verinnerlichung und Entrückung, die von der einfühlsamen Rezitation ausging, übertrug sich auch auf die Pianistin. Der Kopfsatz wurde ungewöhnlich feinfühlig, filigran und sehr ruhig und in zartesten Nuancen angegangen. Dies wich bei den nachfolgenden Sätzen allerdings einer mehr etüdenhaft bravourösen Darstellung. Musik als verträumte Kunst, so im genannten Textauszug, dazu passte allerdings Furuhatas Vortrag der Chopin-Klangbeispiele hervorragend: Nocturne cis-moll und erste Ballade wurden ziseliert und zelebriert, in pastosen melodischen Linien und aus inner Ruhe. Ein Fingerzeig für den weiteren interpretatorischen Lebensweg?